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Mit allen Sinnen? Symposion zur Synchresis von Medienereignissen

Expertenrunde (Stephan Packard, Frank Schätzlein, Gunnar Schmidt und Thomas Morsch)

Am 16.11.2009 veranstaltete das Graduiertenkolleg "Transnationale Medienereignisse von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart" ein Symposion, um mit auswärtigen Experten und anhand von Materialien eines aktuellen Medienereignisses (Zeitungsartikel, Radio- und Fernsehsendungen, Fotografien, Internet-Blogs, Comics, etc. zum Tode Michael Jacksons) einmal exemplarisch den sinnlichen Dimensionen bei der Konstituierung und Wahrnehmung von Medienereignissen nachzuspüren.

Während bei der wissenschaftlichen Betrachtung von Medienereignissen in aller Regel das Hauptaugenmerk auf der quantitativen und qualitativen textuellen Verdichtung von Kommunikation  liegt,  wird viel zu wenig beachtet, dass das Medienereignis insbesondere im Zeitalter elektronischer Massenmedien immer verschiedene Sinne adressiert: Wenn wir die Übertragung einer Papstbeerdigung im Fernsehen oder Internet verfolgen, so nehmen wir gleichzeitig Ton und Bild wahr. Der Filmwissenschaftler Michel Chion hat dafür am Beispiel des Films, seiner Gleichzeitigkeit von bewegtem Bild und Tonspur, den Begriff der Synchresis geprägt (Michel Chion: Audio-Vision. New York, 1994), ein Neologismus, der sich aus Synchronität und Synthese zusammensetzt und die Verbindung von Gehörtem und Gesehenem, die die Betrachtenden im Wahrnehmungsvorgang herstellen, beschreibt. Die aktuelle Filmforschung geht noch einen Schritt weiter und postuliert, dass auch andere Wahrnehmungskanäle angesprochen und ein Film auf der Kinoleinwand zur gesamtkörperlichen Erfahrung wird (Vivian Sobchack: Carnal Thoughts. Berkeley u.a., 2004). Zudem ist zu beobachten, dass sich beispielsweise das Radio bemüht, die visuellen Seiten eines Ereignisses mit seinen akustischen Mitteln darzustellen, dass ein Comic immer auch akustische Empfindungen zu vermitteln sucht.

Vor diesem Hintergrund stellten sich die Fragen, wie und mit welchen Sinnen ein Medienereignis wahrgenommen wird, welche Medientechniken zu diesem Zwecke zum Einsatz kommen, wie die Wahrnehmung bei den Betrachtenden abläuft und ob sich ein Medienereignis durch eine besondere Verdichtung synchroner Wahrnehmungsvorgänge auszeichnet.

Das Symposion wurde durch vier Impulsvorträge der auswärtigen Experten eröffnet, die sich dem Thema 'Wahrnehmung' aus ihrer jeweiligen Forschungsperspektive näherten: Während der Medienwissenschaftler und Radioforscher Frank Schätzlein (Universität Hamburg), als Spezialist für die auditive Wahrnehmung, zunächst allgemeine analytische Kategorien zur Untersuchung der vielfältigen akustischen Dimensionen medialer Angebote entwickelte, stellte der Medienwissenschaftler und Kommunikationsdesigner Gunnar Schmidt (FH Trier) über die Video-Installation 'Widows of Culloden' von Alexander McQueen den Zusammenhang von Symbolkomplexen und Sinnkonstituierung vor. Seine Analyse der Installationsarchitektur, die im Besonderen auf die implizite Auseinandersetzung mit dem Medienereignis der Drogenexzesse von Kate Moss und auf die problematische Verwendung der Begleitmusik aus dem Film 'Schindler's List' Bezug nahm, machte die vieldeutigen und suggerierenden Visualisierungsstrategien des Kunstwerks deutlich. Der Filmwissenschaftler Thomas Morsch (FU Berlin) erläuterte, weshalb die Kategorie der Körperlichkeit in den letzten Jahren zu einem der zentralen Gegenstände der Filmtheorie geworden ist: So wirkten Filme grundsätzlich schneller physiologisch als intellektuell, was etwa an den sogenannten 'Body Genres' wie z.B. dem Horrorfilm nachzuvollziehen sei, und erlaubten es dem Zuschauer, sich in die physische Wahrnehmungssituation eines anderen Subjekts zu versetzen. Der Literaturwissenschaftler und Comicforscher Stephan Packard (LMU München) gab einen Überblick über den Stand der Comicforschung, wobei die Frage nach der Wahrnehmung in erster Linie über die an Lacan orientierte Kategorie des Blicks eingeleitet wurde. Weiter widmete er dem reflektierenden Charakter des Comics und somit dem Selbstverstaendnis der Gattung als sekundärem Medium große Aufmerksamkeit.

Den unterschiedlichen methodischen und theoretischen Ansätzen der Referenten entsprechend wurde dann in den Arbeitsgruppen am Nachmittag vorgegangen. So arbeitete die Gruppe zur akustischen Wahrnehmung eng an dem vorbereiteten Beispiel-Material. U.a. wurde die Bedeutung von Stimmmodulationen, der Verwendung von atmosphärischen (Neben-)Geräuschen (etwa das Motorengeräusch eines Hubschraubers bei Einspielern in einer TV-Nachrichtensendung) sowie des Einsatzes von Musik in Fernseh- und Radiosendungen für die akustische Wahrnehmung und Aneignung von Medienereignissen herausgearbeitet und diskutiert. Dagegen entwickelte sich in der Gruppe zur körperlichen Wahrnehmung eine eher theoretische Debatte über die Unterschiede zwischen 'ästhetischem Ereignis' und 'Medienereignis' - eine Differenzierung, die die Arbeitsgruppe um Gunnar Schmidt gerade dadurch aufhob, dass sie die Möglichkeit eines Überschusses an Emotionalität nicht nur der ästhetischen Erfahrung, sondern auch der Wahrnehmung eines Medienereignisses zubilligte. Die Comic-Gruppe analysierte das Verhältnis von persönlicher und öffentlicher Wahrnehmung von Medienereignissen, das Cartoons zum Ausdruck bringen, sowie ihr Potential zur Komprimierung und Reduzierung von Geschehnissen.

Auf Grundlage der unterschiedlichen und teilweise auch widersprüchlichen Ergebnisse der Arbeitsgruppen entspann sich in der Abschlussdiskussion eine sehr lebhafte Debatte, in der unter anderem diskutiert wurde, ob das Medienereignis tatsächlich als eine Verdichtung von Wahrnehmungsvorgängen beschrieben werden könnte und welche Rolle dabei der ästhetischen Erfahrung zuzusprechen wäre: Besitzt etwa das Kino ein anderes künstlerisches Wirkungspotenzial als das Fernsehen? Die Feststellung einer Spannung zwischen dem außeralltäglichen Charakter von Medienereignissen und den journalistischen Routinen, durch die sie in der Regel hervorgebracht werden, führte zu der Frage, ob der Medienereignisbegriff auch ritualtheoretisch gefast werden könnte. Überlegt wurde außerdem, was als 'Ikonisierung' bezeichnet werden kann. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, ob der kunsttheoretische Begriff seinen Gehalt einbüßt, wenn er z.B. auch auf die akustische Ebene bezogen wird, oder ob 'Ikonisierung' in allgemeinerem Sinne als ein auf Kondensation oder Reduktion beruhender Vorgang gefasst werden kann. So wurde vorgeschlagen, den Begriff in einer eher metaphorischen Verwendung auf jedes sinnlich erfahrbare Element (Bild, Soundsplitter etc.) anzuwenden, das einen für das Ereignis stellvertretenden Charakter gewinnt, es für die Wahrnehmenden gewissermaßen 'auf den Punkt bringt'. Weitere Diskussionspunkte waren der Vorschlag einer Unterscheidung von 'media events' und 'medialized events' sowie ein sehr interessanter Seitendiskurs zum karnevalesken Charakter des Medienereignisses.

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10.12.2009 13:50
 

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