Vortrag von Peter Schmidt (München)
Um die Modernität Albrecht Dürers zu erweisen, griff Erasmus von
Rotterdam 1528 auf die Lobrede des Plinius auf Apelles zurück. Er
betonte dabei, daß sein fränkischer Zeitgenosse das antike Idealbild
aller Maler noch übertroffen hätte, weil er „ohne die Schmeichelei der
Farben zu vollbringen vermochte, was Apelles mit deren Hilfe
vollbrachte“. Höchstmaß an Ausdruck unter Verzicht auf Farbe wird zu
einer epochal neuen Qualität erklärt.
Deren Medium ist die Druckgraphik. Daß Farbe von Anbeginn deren
natürlicher Feind war, ist bis heute gängige Handbuchmeinung. Der
historische Befund aber sieht anders aus: Von der Ursprüngen kurz nach
1400 bis ins späte 15. Jahrhundert sind unkolorierte Holzschnitte die
Ausnahme. Nimmt man das Phänomen des gedruckten Bildes
mediengeschichtlich ernst, erweist sich der vermeintliche Gegensatz von
Schwarz-Weiß und Farbe in der Produktionspraxis und zeitgenössischen
Rezeption als inexistent. Vielmehr scheint auch das gedruckte Bild ohne
Farbe nicht denkbar gewesen zu sein. Graduelle Veränderungen dieser
Auffassung sind im letzten Viertel des Jahrhunderts durchaus zu
beobachten, aber im Detail auf ihre Gründe zu untersuchen, die
keineswegs in der ästhetischen Wertschätzung des „Graphischen“ gemäß
modernen Kategorien liegen. Daß Technikgeschichte, Mediengeschichte und
Ästhetik im Gleichschritt laufen und sich in einer ganzheitlichen
Epochenidee treffen, erweist sich als Wunschvorstellung.
