Arbeitsgebiet
Die Gießener Sprachheilpädagogik
Die Lehre und Forschung der Abteilung Sprachheilpädagogik der Justus-Liebig-Universität Gießen versteht sich als Domäne der Sonderpädagogik und verfolgt in erster Linie erziehungs- und bildungswissenschaftliche Fragestellungen im Zusammenhang mit spezifischen Barrieren von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Beeinträchtigungen der Sprache, des Sprechens, der Stimme oder der Kommunikationsfähigkeit. Fragen der evidenzbasierten Sprachtherapie und Rehabilitation müssen dabei berücksichtigt werden.
Die Sonderpädagogik als Kontext einer Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und des Sprechens beschäftigt sich mit dem Gebiet der Erziehung, Bildung, Rehabilitation und gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen, die unter erschwerten Lern- und Entwicklungsbedingungen leben und Unterstützungsbedarf beanspruchen. Sonderpädagogik ist keine andere, besondere Pädagogik für besondere Menschen, sondern eine Pädagogik, die sich mit dem hier beschriebenen Schwerpunkt mit speziellen Fragestellungen zu besonderen sprachlich-kommunikativen Problemlagen beschäftigt, die sich mit relationaler Qualität aus der Interaktion zwischen spezifischer sprachlicher Beeinträchtigung eines Menschen und individuellen, institutionellen oder gesellschaftlichen Erwartungen ergeben.
Das fachwissenschaftliche Spektrum in Gießen reicht von der Grundlagenforschung bis hin zu hochspezialisierten Forschungsfragestellungen, z.B. zu Möglichkeiten computergestützter Sprachtherapie für Kinder mit Aphasie und Zusammenhängen von Arbeitsgedächtnis und spezifischen Sprachentwicklungsstörungen über Fragen zur Lebensqualität von Erwachsenen mit Aphasie oder der institutionellen Übergangsgestaltung der spezifischen Sprachförderung von Kindergarten und Grundschule in einem inklusiven Bildungssystem bis hin zur Förderung analphabetischer Erwachsener.
Im Rahmen der entsprechenden Forschungsgebiete werden Konstrukte wie Aphasien, Stottern, Mutismus oder spezifische Sprachentwicklungsstörungen (SSES) in ihren sozial-kommunikativen, psychologischen, biografischen sowie institutionellen Zusammenhängen interpretiert. Als inklusiv orientierte Pädagogik sowie Bildungs- und Erziehungswissenschaft untersucht die Gießener Sprachheilpädagogik Phänomene der Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen daher in ihren relationalen Bezügen. Forschung und Lehre finden unter Berücksichtigung der und Kooperation mit den Bezugsdisziplinen der Soziologie, Psychologie, Linguistik und Medizin statt. Dafür bestehen auch enge Kooperation mit Schulen und sprachtherapeutischen Praxen in der Region, dem Schulträger und über die Fachverbände zu den Ministerien.
Die Studiengänge sind an den internationalen Standards des Faches orientiert, d.h. es wird eine breite Basis in den ersten Modulen und die darauf aufbauende gleichzeitige Orientierung an forschungsrelevanten und berufsfeldorientierten Fragestellungen in den letzten Modulen und in den Master-Studiengängen mit Vertiefung schulisch oder außerschulisch und mit pädagogischer und inklusionsorientierter Grundorientierung bereitgestellt.
Vorrangiges Ziel der Lehre und Forschung der Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und des Sprechens in Gießen soll es sein, Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Sprach-, Sprech- und Kommunikationsstörungen durch individualisiert gestaltete Bildungsarbeit, Förderung, Beratung und therapeutische Unterstützung in vorschulischen, schulischen und außerschulischen Einrichtungen die Teilhabe an Erziehung, Bildung und Gesellschaft zu ermöglichen und so zu einer vollen Entwicklung ihrer Persönlichkeit und ihrer Fähigkeiten beizutragen.
Die "traditionelle Sprachheilpädagogik" mit ihren über 100-jährigen Wurzeln sowohl in der Taubstummenpädagogik und als auch der Phoniatrie erschöpft sich nicht darin, mit phonetisch-phonologischen, semantisch-lexikalischen, syntaktisch-morphologischen und prosodischen Beurteilungskriterien als notwendigem und exklusivem Reflexionswissen für sprachlich heterogene Lerngruppen in einem inklusivem Bildungssystem störungsspezifische Therapieziele abzuleiten, die den Bildungs- und Erziehungszielen in Schule und Vorschule addiert werden. Vielmehr soll sie heute Kriterien liefern für die Gestaltung von Lern- und Entwicklungssituationen auch in Vorschule und im Gemeinsamen Unterricht, um die Kinder und Jugendlichen über Medien, Themen und Sozialformen mit sprachspezifischen und kommunikativen Herausforderungen und Problemstellungen zu konfrontierten, die ihnen Gelegenheiten bieten, ihre individuelle sprachliche Handlungsfähigkeit situationsorientiert und themenbezogen zu erproben und zu erweitern. Dies wird von Sonderpädagogen mit dem Schwerpunkt Sprache beratend begleitet und durch spezifische Interventionen unterstützt. Für Diagnostik, Förderung, Beratung und Therapie wird der "Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit" (ICF) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der UN-Konvention für die Rechten von Menschen mit Behinderungen gleichermaßen Rechnung getragen.
Damit sind die Absolventinnen und Absolventen mit unserem Profilbereich Experten für die Planung, Gestaltung und Reflexion von Bildungsangeboten und Beratung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Sprach-, Sprech-, Stimm- und Kommunikationsstörungen in allen Entwicklungs- und Bildungskontexten von der Elementar- bis hin zur Berufsausbildung.