Prof. Dr. Hans-Jürgen Bömelburg
GEWALTMÄRKTE UND STÄNDISCH-MILITÄRISCHE GEWALTGEMEINSCHAFTEN IN POLEN-LITAUEN IM 16. UND 17. JAHRHUNDERT
Erste Förderperiode
Arbeitsvorhaben: Fehdegesellschaften Strukturen und Gewaltgemeinschaften in Polen-Litauen im 17. Jahrhundert
Bearbeitung: Mariusz Kaczka M.A.
Polen-Litauen wird in der Forschung als mitteleuropäische Ständegesellschaft gefasst, wobei frühparlamentarische Mechanismen akzentuiert werden. Allerdings stellten Studien die Persistenz von Gewaltpraxen fest. Aus westeuropäischer Perspektive ist dies als "Fehdegesellschaft" charakterisiert worden, der Begriff wird aber in osteuropäischen Historiographien nicht verwandt. Das zweite Arbeitsvorhaben widmet sich adlig-soldatischen Gewaltgemeinschaften in den Kriegen der "Sintflut" (1648–1680er Jahre). Das Adelsaufgebot verwandelte sich in Kampfgemeinschaften, die aus dem Lande lebten und auf Gewaltausübung zurückgriffen. Angehörige dieser Gemeinschaften schlossen sich in den 1660er Jahren zu bündischen Organisationen zusammen und destabilisierten mit Soldforderungen und Bürgerkriegen den Reichsverband. Untersucht werden die Entscheidungsprozeduren in diesen Verbänden, in denen adlig-ständische Vorgehensweisen mit charismatischen Führerprinzipien und Gewaltmechanismen verschmolzen. Die Studie soll auch allgemein einen Beitrag leisten zur Frage der Fortdauer und Einhegung von Gewalt in Mitteleuropa und definiert speziell das Verhältnis von Gewalt und Rechtsaustrag in Polen-Litauen neu.
Arbeitsvorhaben: Soldatische Gewaltgemeinschaften in der polnisch-litauischen frontier-Zone zwischen 1590 und 1648
Bearbeitung: Daria Starčenko M.A.
Das Arbeitsvorhaben widmet sich den polnisch-litauischen (Zaporoger) Kosaken als frühneuzeitlichen Gewaltgemeinschaften in der heutigen West- und Zentralukraine, historisch Territorien Polen-Litauens, zwischen 1590 und 1648. In diesen Territorien, die von den Krimtataren, dem Osmanischen Reich und Moskauer Eingriffen bedroht waren, bestand eine frontier-Situation und -Gesellschaft, in der infolge der fehlenden administrativen Durchdringung und ständischen Verdichtung Gewaltpraxen große Bedeutung besaßen. Autochthone Gewaltbünde der Kosaken entstanden hier als wechselseitige Schutzbündnisse und Beuteverbände. Der polnische Hof suchte das militärische und demographische Potential der Region durch langfristige Anwerbungen von Registerkosaken und kurzfristige Rekrutierungen von Söldnerkosaken auszunutzen. Hier entstand der größte frühneuzeitliche Söldnermarkt des östlichen Europa. Kosaken wurden vor allem für Kriege (Söldner) oder die frontier-Sicherung (Kosakenregister), darüber hinaus aber auch für fehdeähnliche Privatkonflikte des Adels rekrutiert. Nach Abschluss der Kriegskampagnen verweigerten die Söldner die Auflösung ihrer Verbände, marodierten in frontier-Siedlungen, erpressten Sold und gerieten in Konflikt mit Grundbesitzern und lokalen Verwaltungsinstanzen. In einigen Fällen verstetigten sich diese Konflikte. Oft gesteigert durch Konkurrenz verschiedener Kosakenverbände untereinander eskalierten Revolten, die eine derart hohe überregionale und kommunikative Reichweite und Gewaltintensität besaßen, dass sie ohne eine militärische Intervention nicht mehr entschärft und unterbunden werden konnten (1591–93; 1595/96; 1625; 1630; 1637/38). Durch das "handwerkliche Verhältnis zu Gewalt" war auch die Ressourcenbeschaffung der Kriegergruppen zunehmend an deren Gewaltpraktiken gebunden. Benötigte Ressourcen beschafften die Kosaken in der Regel durch den Einsatz von Gewalt, ob als Söldner im Auftrag eines Dienstgebers oder auf eigene Faust. Exemplarisch sind die regelmäßig in der Steppenregion und entlang der Schwarzmeerküste unternommenen (See-)Beutezüge – logistisch und organisatorisch komplexe kleinkriegerische Aktionen mit ökonomischen Zielen. Untersucht werden Praktiken von Gewaltandrohung, Gewaltausübung und das Beuteverhalten in diesen Konflikten, wobei die Frage, inwieweit Gewalt und Beute die Gruppen stabilisierten und deren innere Strukturen und Wertordnungen beeinflussten, im Zentrum steht. Das Projekt möchte Gewaltdynamiken und die Reichweite von Vergesellschaftung durch Gewalt und Beute, die Bedeutung der frontier-Situation sowie den Einfluss des polnisch-litauischen Söldner- und Gewaltmarktes untersuchen und zur Neuverortung zentraler Konfliktsituationen im frühmodernen Osteuropa beitragen, die bis heute ukrainische, russische und polnische Vergangenheitspolitiken prägt.
Zweite Förderperiode
Arbeitsvorhaben: Mobile polnisch-litauische Söldnerverbände zwischen Moskau und dem Rhein: Die 'Lisowczycy' – Beutepraktiken und Selbstverständnis einer Gewaltgemeinschaft (1606–1630)
Bearbeitung: Vadim Popov Dipl. Hist.
Das Dissertationsprojekt widmet sich der Konstituierung, Entfaltung und Auflösung der Gruppe , die in die polnisch-litauische und russische Geschichte nach dem Namen ihres Gründers Alexander Lisowski als "Lisowczycy", in die böhmische, deutsche und lothringische Geschichte hingegen unter verschiedenen Fremdzuschreibungen (Kosaken, Polen) eingegangen ist. Dabei handelt es sich um leichtbewaffnete "irreguläre" Kavallerieeinheiten, die als Freireiter nur unregelmäßig Sold erhielten und sich durch Plünderungen und hohe Mobilität auszeichneten.
Die Gewaltgemeinschaft ist neben ihrer Mobilität (von Moskau bis zum Rhein unter den Verkehrsbedingungen des 17. Jahrhunderts) und der von Zeitgenossen immer wieder hervorgehobenen Brutalität auch deshalb besonders interessant, weil sie eine Reihe von Selbstzeugnissen und Selbstdarstellungen hinterlassen hat, die eine Selbststilisierung als "christliche Kämpfer", "männliche Ritter", und "polnische Helden" beinhaltet und Rechtfertigungspositionen schaffen sollte. Deutlich fassbar ist auch die Selbststilisierung und Selbstbezeichnung als "ritterliches Volk des edlen Lisowski", die in Formeln wie "neue Makkabäer" mündete. Dem steht die Außensicht als plündernde und mordende illegale und irreguläre Verbände entgegen.