Prof. Dr. Horst Carl
LOHN DER GEWALT – GEWALTLOGIKEN IN FRÜHNEUZEITLICHEN SÖLDNERVERBÄNDEN
Erste Förderperiode
Das Teilprojekt widmet sich mit frühneuzeitlichen Söldnern bzw. Landsknechten einer sozialen Gruppierung, für die kriegerische Gewaltausübung per definitionem Zweck des Zusammenschlusses war. Wenngleich Söldner offenbar ein epochen- und kulturübergreifendes Phänomen sind, gilt das 16. Jahrhundert als "klassische Periode" des europäischen Söldnerwesens, weil Söldnerverbände das Gros der Armeen bildeten. Da bereits die Bezeichnung "Söldner" auf die Einschlägigkeit materieller Anreize verweist, liegt es nahe, gerade an diesen Gewaltgemeinschaften den Zusammenhang von ökonomischer Rationalität und Logiken kollektiver Gewaltausübung zu untersuchen. Im Vordergrund steht dabei eine vergleichende Untersuchung typischer Situationen und Konstellationen, in denen Söldner kollektiv physische Gewalt ausübten oder damit drohten. Die Untersuchung von Praktiken des Beutemachens soll den Zusammenhang von ökonomischer Rationalität und Logik der Gewaltausübung erhellen. Die Analyse der systembedingt endemischen Meutereien der Landsknechte bzw. Söldner wiederum erlaubt es, die Anwendung von Gewalt aus der Handlungsperspektive der Gewaltgemeinschaft selbst differenzierter zu beschreiben. Der Einsatz physischer Gewalt im Krieg in Gestalt von Schlachten oder Belagerungen schließlich markiert den Kern der vom Söldner erwarteten Gewalttätigkeit. Gerade hier, wo Gewalt am ehesten eskalierte, lassen sich auch Grenzen rationaler (ökonomischer) Gewaltlogiken diskutieren. Die beiden aufeinander bezogenen Arbeitsvorhaben zu Söldnern im Dienst des Schwäbischen Bundes ("Gewaltgemeinschaften als Landfriedenswahrer") und im Umfeld des spanisch-niederländischen Krieges ("Söldner im permanenten Krieg") erlauben Antworten auf die Frage, wie sich grundlegende Wandlungen des Krieges im "langen 16. Jahrhundert" und unterschiedliche situative Kontexte auf das Gewalthandeln der Söldner ausgewirkt haben.
Arbeitsvorhaben 1: Gewaltgemeinschaften als Landfriedenswahrer – Landsknechte im Dienst des Schwäbischen Bundes 1499–1526
Bearbeitung: Stefan Xenakis M.A.
Landsknechte waren lange Zeit Gegenstand romantischer Verklärung. Sie galten als Idealtyp des unabhängigen, freiheitsliebenden Kämpfers. Dabei wurde zu lange vergessen, dass ihrem - tödlichen - Handwerk ökonomisches Kalkül zu Grunde lag. Sie kämpften für einen festgelegten Sold und den Anspruch auf Beute. Sobald dort Unregelmäßigkeiten auftraten, wurden die wirtschaftlichen Mechanismen hinter dem Kriegsgeschehen sichtbar. Die Kämpfer wurden manchmal sogar zur Gefahr für ihre eigenen Befehlshaber und setzten ihre Ansprüche gewaltsam, allerdings auch in hohem Maß organisiert durch: Es kam zur Meuterei.
Anhand bisher noch nicht oder nur im Ansatz ausgewerteter Quellen werden typische Gewaltpraktiken von frühneuzeitlichen Söldnerverbänden untersucht. Der Schwerpunkt liegt dabei auf besonders gewaltintensiven Situationen und Konstellationen. Das sind in erster Linie Schlachten, Plünderungen, Massaker, Massenpaniken und die genannten Meutereien.
Die Untersuchung stützt sich dabei auf soziologische Kategorien, vor allem den von Georg Elwert geprägten Begriff des Gewaltmarktes und Pierre Bourdieus Habitus-Konzept. Söldnergruppen sollen in diesem Rahmen sowohl als zweckrational handelnde Akteure als auch als Mitglieder einer distinkten gesellschaftlichen Gruppe mit ihren eigenen Regeln und Ritualen in den Blick kommen, die ein bestimmtes Auftreten und Handeln bewirken.
Der Untersuchungszeitraum umfasst die Jahre vom sog. Schweizerkrieg 1499 bis zum Ende des Bauernkriegs 1526. Damit ist ein wichtiger Unterschied zum anderen Untervorhaben "Söldner im permanenten Krieg: Beutepraktiken, Meutereien und Kriegsgewalt zwischen Rhein und Maas 1568–1631" gegeben. So lassen sich Entwicklungen in der Organisation des Landsknechtswesens feststellen; weg von der Genossenschaftlichen Organisation und vom mittelalterlichen Fehde- und Gewohnheitsrecht hin zu stringenteren Befehls- und Gehorsamsstrukturen.
Söldner im permanenten Krieg: Beutepraktiken, Meutereien und Kriegsgewalt zwischen Rhein und Maas 1568–1631
Bearbeitung: Patricia Bobak M.A.
Das Promotionsvorhaben widmet sich im Rahmen der DFG-Forschergruppe "Gewaltgemeinschaften" und des ihr zugehörigen Teilprojekts "Lohn der Gewalt – Gewaltlogiken in frühneuzeitlichen Söldnerverbänden" (unter der Leitung von Prof. Dr. Horst Carl) der Erforschung frühneuzeitlicher Söldner und somit einer sozialen Gruppierung, für die kriegerische Gewaltausübung per definitionem Zweck des Zusammenschlusses ist. Im Vordergrund steht dabei eine vergleichende Untersuchung typischer Situationen und Konstellationen, in denen Söldner kollektiv physische Gewalt ausübten oder damit drohten. Die Untersuchung von Praktiken des Beutemachens soll den Zusammenhang von ökonomischer Rationalität und Logiken der Gewaltausübung sichtbar machen. Die Analyse der sehr frequenten Meutereien der Söldner erlaubt es, darüber hinaus die Anwendung von Gewalt aus der Handlungsperspektive der Gewaltgemeinschaft selbst differenzierter zu beschreiben. Der Einsatz physischer Gewalt im Krieg, etwa in Gestalt von Belagerungen, markiert den Kern der vom Söldner erwarteten Gewaltausübung.
Als Untersuchungsobjekt bietet sich die Region des Niederrheins zwischen Rhein und Maas als durch permanente Kriegstätigkeit betroffener Raum an. Hierbei handelt es sich nicht nur um den Nebenkriegsschauplatz des niederländisch-spanischen Kriegs (1568–1648), sondern auch um den Austragungsort zahlloser Kampfhandlungen im Zuge des Truchsessenkriegs (1583–1587), des klevischen Erbfolgekriegs (1609–1614) und nicht zuletzt des Dreißigjährigen Kriegs (1618–1648) – von Konflikten also, die insbesondere von spanischer und niederländischer Seite wiederholt als Stellvertreterkriege instrumentalisiert wurden.
Die Untersuchung eines solchen "gewaltoffenen Raums" im Sinne Elwerts kann einen wichtigen Beitrag zur aktuellen, kulturhistorisch orientierten Gewalt-Forschung leisten und dabei durch ihren komparativen Ansatz internationale Forschungsansätze gewinnbringend verknüpfen.