Prof. Dr. Cora Dietl
Erste Förderperiode
EDLE RÄUBER, AUFRÜHRERISCHES PACK UND ARME OPFER. LITERARISCHE STRATEGIEN DER WERTUNG UND RECHTFERTIGUNG VON GEWALTGEMEINSCHAFTEN IN MITTELALTER UND FRÜHER NEUZEIT
Bearbeitung: Ann-Sophie Staiger M.A.
Das Teilprojekt fragt nach der Rolle der Literatur im Konfliktraum zwischen Gesellschaft und Gewaltverbünden, bei der Diskussion und Entfaltung der gemeinschaftsbildenden oder -sprengenden Potenz von Gewalt, speziell in der Zeit vor der Herausbildung eines freien Buchmarkts. Untersucht werden literarische Strategien der Wertung, Stilisierung oder Rechtfertigung von Gewaltverbünden sowie des Experimentierens mit virtueller Gewalt. Eine auf der Grundlage von Close reading und unter der Beachtung von Rhetorik und Narratologie, Wirkungsästhetik, Gattungspoetik und Intertextualität durchgeführte Textanalyse steht hierbei neben der historischen Kontextualisierung der Texte, die auch nach Entstehungs- und Rezeptionsbedingungen einer Literatur fragt, welche Gewaltverbünde in Innen- oder Außensicht thematisiert. Es interessieren die intendierte Zielgruppe, die Performanz und die Wirkungsästhetik von Texten, die insbesondere ein zuhörendes Publikum dazu zwingen, sich zu den vorgetragenen Gewaltdarstellungen zu positionieren, wodurch es auch selbst zu einer Gewaltgemeinschaft werden kann. Das Teilprojekt geht von einem konkreten fiktionalen Text aus, der Gewaltgemeinschaften beschreibt, und fragt neben seinen literarischen Kontexten auch nach seinen Bezügen zu außerliterarischen Gewaltgemeinschaften.
Zweite Förderperiode
VOM HÖFISCHEN RITTER ZUR GEWALTGEMEINSCHAFT. WIE BEEINFLUSST DIE GEMEINSCHAFT DAS GEWALTVERHALTEN LITERARISCHER FIGUREN?
In der höfischen Literatur des Mittelalters verändert sich das Gewaltverhalten der Figuren oft, wenn diese nicht in ihrer Singularität, sondern als Teil einer Gruppe beschrieben werden. Zuweilen scheinen sich in der Literatur die emotional aufgeladenen Werte 'Freundschaft' und 'Gruppenidentität' vor den sonst hoch geschätzten Wert der höfischen Zurückhaltung zu schieben, wodurch ein verändertes Gewaltverhalten und eine erhöhte Gewalttoleranz gerechtfertigt erscheinen. Das Teilprojekt untersucht die Faktoren, die das Gewaltverhalten der Figuren im Text verändern, und die Regeln der Gewalt, die, oft abhängig von Zeit und Raum, höfische Verhaltensregeln außer Kraft setzen. Gefragt wird zudem, ob und wie der Erzähler sowie Erzählinstanzen auf der Handlungsebene dies kommentieren und wie die Darstellung und Wertung wirkungsästhetisch als eine Kommunikation von Gewalt zu deuten sind. Im Zentrum der Betrachtung werden der mittelhochdeutsche Artusroman Prosalancelot und die mittelniederländische Chanson de geste Roman der Lorreinen sowie ihre französischen Vorlagen stehen. Ein Vergleich der genannten Phänomene in verschiedenen literarischen Gattungen und in verschiedenen kulturellen Regionen wird aufdecken, inwiefern die beobachteten literarischen Strategien der Rechtfertigung oder Kriminalisierung von gemeinschaftlich verübter Gewalt zu verallgemeinern, auch außerliterarisch relevant und auf die von den anderen Teilprojekten vornehmlich betrachteten pragmatischen Textsorten übertragbar sind.
Arbeitsvorhaben: Gewalt und Verwandschaft. Gewaltgemeinschaft(en) aus Lothringen und Bordeaux
Bearbeitung: Claudia Ansorge M.A.
Zu den in der deutschen Forschung gänzlich vernachlässigten Dichtungen aus dem Bereich der Matière de France gehört der mittelniederländische Roman der Lorreinen, entstanden im 13. Jahrhundert auf der Grundlage der französischen Geste des Loherains (12. Jahrhundert), überliefert in Fragmenten von drei Handschriften aus dem 14. Jahrhundert. Zu betrachten sind in diesem Text insbesondere die Organisation von Gewaltgemeinschaften und die Regeln der Gewaltausübung. Ob, inwiefern und mit welcher Wirkungsabsicht die Gruppenbildung und Gruppendynamik, die Motivation und die Logik der Gewalt bei den Lothringern anders gezeichnet sind als bei ihren Gegnern, gilt es im Detail zu untersuchen. Zu analysieren sind auch die in der Kommunikation des Erzählers mit dem Rezipienten verwendeten Mittel der Wertung und Legitimation von Gewalt, auch mit Blick auf religiöse Identitäten.
Arbeitsvorhaben: Gewalt und Freundschaft. Die Tafelrunde als Gewaltgemeinschaft im Prosa-Lancelot
Das Ausüben von Gewalt ist eines der zentralen Themen der deutschsprachigen Artusliteratur des Mittelalters. Die Anwendung von Gewalt unterliegt besonders in den klassischen Artusromanen gewohnheitsmäßigen 'Regeln'. Diese sich in spezifischen Verhaltensnormen äußernden agraphoi nomoi treten vielfach im Rahmen von Einzelkämpfen in den Vordergrund. Da sich Artusritter häufig allein in konfliktuösen Situationen bewähren, blieb die Darstellung des Konfliktverhaltens der Artusritter innerhalb einer Gruppe von der Forschung lange unberücksichtigt. Doch besonders im mittelhochdeutschen Prosa-Lancelot kämpfen die Ritter der Tafelrunde Seite an Seite mit ihren Freunden. Gerade in diesen Situationen scheint die Gewalt jedoch häufig zu eskalieren, sodass gefragt werden muss, ob für die gemeinschaftlich auftretenden Figuren die gleichen arthurischen Normen gelten, die in den Einzelkämpfen zu beobachten sind, oder ob sich Gruppendynamiken erkennen lassen, die die 'Regeln' der Gewaltanwendung auflösen.