Sonderforschungsbereich "Erinnerungskulturen"
Beteiligte Forscher
Projektskizze
Im Jahre 1985 wurde in Nairobi die Autobiographie von Obadiah Kariuki, einem Bischof der anglikanischen Kirche, veröffentlicht. Kariuki erzählt darin sein Leben in kolonialer und postkolonialer Zeit, seinen Aufstieg vom jugendlichen Ziegenhirten zum hochgeachteten Kirchenvorstand. Er berichtet von den Erinnerungen seiner Eltern an die Machtübernahme der Briten, von den entstehenden Missionsschulen und der Faszination, die die Buchstaben und Lesekenntnisse der Europäer, die Geschichten der Bibel und die neue Religion auf ihn als Jungen ausübten. Er erzählt von seiner Hinwendung als junger Pfarrer zu einer afrikanischen Erweckungsbewegung und den Auseinandersetzungen, die darüber mit Mitchristen und weißen Missionaren erwuchsen, erzählt vom Kampf um persönliche Autonomie und nationale Unabhängigkeit.
Die Autobiographie Kariukis ist nicht nur Lebensgeschichte. Der Bischof nutzt sie als Gelegenheit, seine Gedanken über Akteure und Folgen der Veränderungen in Kenia, über den Wert von fremder und einheimischer Religion und Kultur darzulegen. Er begründet sein eigenes Handeln im Kontext dieser Wertung, kurz, er ordnet das Geschehen zu einem Sinn - er entwirft Geschichte. Diese ist nicht losgelöst von europäischen Deutungskonzepten, im Gegenteil: an vielen Punkten bezieht sich der Autor explizit auf sie. Zugleich jedoch fügt er seinen eigenen Blickwinkel hinzu und eröffnet Perspektiven, die dem europäischen Betrachter verschlossen bleiben. Im postkolonialen, transkulturellen Kontext schafft der Autor ein afrikanisches, aber auch eigenes, persönliches Bild der Welt.
Der Fall des Bischofs Kariuki illustriert das Teilprojekt F 9 in beispielhafter Weise. Das Projekt versteht die koloniale und postkoloniale Zeit als eine transkulturelle Situation, in der ein intensiver Austausch von Werten, Normen, Standpunkten stattfand. Diese Situation war durch ein Herrschaftsverhältnis geprägt, in dem die britische Kolonialmacht nicht nur über wirtschaftliche und politische Macht verfügte, sondern auch über eine Deutungshoheit, aus der heraus sie Afrikaner beschrieb, differenzierte, klassifizierte und bewertete. Die Kolonialisierten setzten dem ihre eigenen Welt-Bilder entgegen, in der Europäer und Afrikaner, alte und neue Werte, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gedeutet wurden - ein Akt von Selbstpositionierung und Selbstlegitimierung. Wo, unter welchen Umständen und auf welche Weise sie das taten, ist Gegenstand des Projektes F9.
Dabei werden zwei Aspekte, die ihrerseits eng miteinander verknüpft sind, in besonderen Arbeitsvorhaben herausgegriffen. Zum einen ist es der Bereich von afrikanisch initiierten religiösen Gruppen, die in kolonialer Zeit überall in Ostafrika entstanden. Sie boten Afrikanern den Raum, sich mit den gesellschaftlichen Veränderungen auseinander zu setzen, europäische und tradierte Normen im privaten wie öffentlichen Leben zu verknüpfen, Autonomie zu gewinnen und politisch Einfluss zu nehmen.
Das zweite Arbeitsvorhaben befasst sich mit afrikanischen Autobiographien und Biographien. Das Erzählen und Niederschreiben der eigenen Lebensgeschichte war eine Strategie, gegenüber der kolonialen Herrschaft eine eigene Position und Perspektive zu finden. Dabei bediente man sich einer Methode, nämlich des autobiographischen Berichtes, die erst durch die Missionsschulen den Afrikanern nahegebracht wurde und nun von ihnen genutzt wurde, eigene Entwürfe von Geschichte zu schaffen.
Das Projekt knüpft in seiner Konzeption an das Vorläuferprojekt "Jugend, Tradition und Politik in Ostafrika (1918-ca.1960)" an. In der Auseinandersetzung mit den Selbstpositionierungskonzepten afrikanischer Jugendlicher zeigte sich bereits, welch große Rolle die Aneignung von Elementen der europäischen Kultur spielte, wie religiöse Räume der Aushandlung von Traditionen und damit kulturellen Werten dienten und wie stark sie mit politischem Engagement verbunden waren. Auf diesen Ergebnissen wird das Projekt nun aufbauen, um weitere Einblicke in die Formen des Umgangs mit individueller und kollektiver Erinnerung im afrikanisch-kolonialen Kontext zu gewinnen.