Projekt Digitaler Atlas politischer Raumbilder zu Ostmitteleuropa im 20. Jahrhundert
Die „Wiederkehr des Raumes“ ist seit gut zwei
Jahrzehnten ein großes Thema der Geschichtswissenschaften, der
kritischen Geographie und der Kartographie. Nachdem lange Zeit die
Beschäftigung mit Raum und Raumkonzepten durch die Erfahrungen mit
deutscher „Geopolitik“ in der Zwischenkriegs- und der NS-Zeit
diskreditiert war, gibt es nun ganz neue Zugänge zum Phänomen Raum als
einem menschengemachten Konzept. Dazu haben neue Methoden und neue
theoretische Ansätze der Geographie und Kartographie sowie der Visuellen
Geschichte beigetragen, die wiederum auf wichtige Impulse aus den
Kulturwissenschaften („visual/spatial turn“) zurückgehen.
Sie
haben unser Bild von Raumdarstellungen, insbesondere der Kartographie,
revolutioniert: Heute werden Karten nicht mehr als möglichst getreue
Repräsentationen einer im Raum fertig und faktisch vorgefundenen
Wirklichkeit angesehen, sondern man interessiert sich für sie als
Ergebnis einer Kognitions- und Konstruktionsleistung:
Kartenausschnittwahl, Ausblendungen, Auswahlprozesse und Hervorhebungen,
Farbpsychologie, Karten„sprachen“ (d.h. die eingesetzten formalen und
symbolischen Werkzeuge), Kartenfolgen, animierte Karten, Beziehungen
zwischen Karte und den auf sie bezogenen Texten und Bildern – all das
ist von großem Interesse für solche Untersuchungen.
Als
Quellenmaterialien kommen dabei nicht unbedingt „nur“ Karten in Frage,
sondern auch bildliche Darstellungen (z.B. von umstrittenen
Grenzregionen) und alle Texte gleich welcher Provenienz, die sich mit
Raumordnungen und Raumverhältnissen beschäftigen und meist auch mit
Kartendarstellungen arbeiten.
Der Gegenstandsbereich solcher
visuellen, kartographischen und linguistischen „Texte“ ist weitgespannt:
Grenzziehungen; Gebiete, die als gefährdet (oder gefährlich)
wahrgenommen werden; beanspruchte, verlorene oder hinzugewonnene
Territorien; „Eigenes“ und „Fremdes“ im Raum. Die Quellen können aus den
unterschiedlichsten Kontexten stammen, z.B. aus Schulbüchern und
-atlanten, der Presse, aus Kartenwerken und Expertisen „für den
Dienstgebrauch“ oder auch aus Werbematerialien.
Viele Akteure
waren und sind an der Produktion solcher kartographischer und anderer
Raumbilder beteiligt: Regierungen, Journalisten, Beamte in
Schulverwaltungen, Verleger, Erschließungsingenieure und
Planungsspezialisten, Forschungsreisende und immer wieder die für sie
arbeitenden Kartographen. Sie alle agieren nicht im luftleeren Raum,
sondern sie reagieren aufeinander, nutzen oder zitieren das Material der
anderen oder sie produzieren Gegenkarten zu den Karten ihrer Gegner
oder Konkurrenten.
Das von der Leibniz-Gemeinschaft geförderte
Projekt interessiert sich für einen Teilbereich des oben skizzierten
Forschungsfeldes, nämlich die Wirksamkeit von Raumbildern in politischen
Handlungsprozessen während des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig soll das
Projekt einen großen Mangel beheben, an dem die Beschäftigung mit
raumrelevanten Quellen immer noch leidet: Es gibt kaum mediale Formate –
ob gedrucktes Buch, ob Atlas, ob digitales Medium –, die über die reine
Darstellung von Herrschaftsräumen, Staatsgebieten und Grenzkonzepten
hinausgehen. Im Projekt soll daher ein visueller und medialer Ansatz
gefunden werden, der Raumbilder in ihrer historischen Genese und
gegenseitigen Verflechtung transparent werden lässt.
Ostmitteleuropa
eignet sich in besonderer Weise, um Raumbilder in einer innovativen,
multiperspektivischen Darstellung zu präsentieren. Es ist eine
europäische Region, die im 20. Jahrhundert durch Grenzverschiebungen,
ethnische und konfessionelle Pluralität, Zwangsmigrationen,
Systemwechsel, Minderheitenkonflikte, konkurrierende Raumvorstellungen
sowie raumwirksame ideologische Bruchlinien (z.B. den „Eisernen
Vorhang“) ebenso geprägt wurde wie durch die dynamische
Neukonfigurierung räumlicher Verhältnisse seit 1989.
Trotz des
europäischen Einigungsprozesses sind historisch etablierte Raumbilder
als „Bilder in den Köpfen“ politisch und medial wirkungsmächtig
geblieben und beeinflussen immer wieder die außen- und innenpolitischen
Entwicklungen in einzelnen Staaten, z.B. bei den Debatten über
Zwangsmigrationen und „verlorene“ Territorien. Im Westen Europas ist die
Vielfalt dieser Raumbilder und ihre gegenseitige Beeinflussung bis
heute weitgehend unbekannt geblieben, was die europäische Verständigung
zuweilen erheblich behindert. Daher ist es Anliegen dieses Projekts,
zeitgenössische wie heutige politische Raumbilder zu dekonstruieren und
den Ursachen ihrer politischen Wirkmächtigkeit auf die Spur zu kommen.
Wichtigste
Komponente des Projekts ist der „Digitale Atlas politischer Raumbilder
zu Ostmitteleuropa“ (DAPRO), der während der Laufzeit des Projekts
konzipiert und in einer ersten Version verwirklicht werden soll. Der
Atlas beschränkt sich nicht auf das Ziel, in die komplexen
räumlich-staatlichen Verhältnisse Ostmitteleuropas einzuführen. Über
exemplarische Quellen und interaktiv gestaltete Karten sollen darüber
hinaus die Formation und Transformation von Raumkonzepten in der Außen-
und Geopolitik, der Erinnerungspolitik, der Wissenschaft und
ausgewählten massenmedialen Darstellungen (z.B. Zeitungen und
Unterrichtsmedien) transparent gemacht werden. Diese Darstellungen
sollen, gestützt auf die Expertise der Bildungsmedienforschung und
Kognitionspsychologie, den Konstruktcharakter und die
Wirkungsmächtigkeit von Raumbildern in transnationalen Kontexten
verdeutlichen. Die historische Expertise zu den Staaten der Region wird
dabei vom koordinierenden Institut, dem Herder-Institut, im Verbund mit
universitären Strukturen geleistet.
Hier schließt eine zweite
Komponente an, die den Digitalen Atlas empirisch untermauert,
konzeptionell und theoretisch optimiert und mit einer strukturierten
Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses verbindet.
Dissertationsprojekte aus vier Disziplinen, die an allen kooperierenden
Leibniz-Instituten angesiedelt sind, liefern Einzeluntersuchungen zu
Darstellungsprinzipien, Wahrnehmungsformen und visuellen Strategien
kartographischer Repräsentationen.