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Corpus Draculianum

Dokumente und Chroniken zum walachischen Fürsten Vlad der Pfähler 1448-1650 in drei Bänden Herausgegeben von Thomas M. Bohn, Adrian Gheorghe und Albert Weber

 

Vlad Ţepeş (1431-1476) ist zweifellos die bekannteste Gestalt aus dem spätmittelalterlichen Südosteuropa. Als Vorlage für Bram Stokers Vampirgrafen „Dracula“ erlangte er 1897 Weltberühmtheit. Seit dem Bestseller „In Search of Dracula“ von Raymond McNally und Radu Florescu wurde man 1994 auch auf die historische Figur aufmerksam: Demnach versuchte der Woiwode der Walachei nach orientalischem Vorbild eine autoritäre Herrschaft zu etablieren und einen Kreuzzug gegen das Osmanische Reich zu führen. Wegen seiner bevorzugten Hinrichtungsmethode erhielt er von Rumänen und Osmanen den Spitznamen „der Pfähler“. Westeuropäische Chronisten und Verleger von Gruselgeschichten sorgten unter dem Eindruck der Türkengefahr bis zum ausgehenden 17. Jahrhundert für die Verbreitung des Bildes eines grausamen Tyrannen.

 

Das Ziel der Quellenveröffentlichung besteht darin, die in insgesamt 16 europäischen und orientalischen Sprachen erhaltenen Briefe, Urkunden und Erzählungen zu Vlads Leben und Herrschaft durch kritische Edition und Übersetzung der Originale einem breiten Publikum zur Lektüre als auch den wissenschaftlich Interessierten als Grundlage zur Verfügung zu stellen.

 

Geplant ist eine Veröffentlichung in drei Bänden:

 

Band 1: Briefe und Urkunden. Bearbeitet von Albert Weber. Ca. 300 S. (Frühling 2012)

 

Der erste Band enthält die dokumentarischen Quellen, die, anders als die narrativen, dem historischen Geschehen am nächsten standen: 33 Briefe und Urkunden aus der Kanzlei Vlads des Pfählers, 67 aus den Kanzleien anderer Monarchen oder als Briefe verfasste Zeugnisse von privaten Augenzeugen. Darin enthalten sind Beschreibungen des politischen Geschehens, Berichte über Feldzüge, über Strafaktionen Vlads sowie über seine außen- und innenpolitischen Konzepte, was den Briefen teilweise den Charakter von Ego-Dokumenten verleiht.

 

Band 2: Die Überlieferung aus West- und Südosteuropa und dem Moskauer Reich. Bearbeitet von Albert Weber. Ca. 400 S. (Ende 2012)

 

Der zweite Band bringt alle narrativen europäischen Quellen. In einem ersten Kapitel kommen drei rumänische Chronisten zu Wort, die in Vlad vor allem einen Hüter der Gerechtigkeit sehen. Im zweiten Kapitel werden die Geschichten, Dichtungen und Berichte wiedergegeben, die infolge der Propagandakampagne des ungarischen Hofes verbreitet wurden. Um sich selbst zum ersten Verteidiger des katholischen Christentums stilisieren zu können, ließ der ungarische König Matthias Corvinus Schauergeschichten über Vlad verbreiten. Die sogenannten Deutschen Geschichten stellen dabei das wichtigste Zeugnis ihrer Zeit dar. Ihre Kolportage wurde von einflussreichen Historiographen und Literaten gewährleistet (35 Autoren). Das dritte Kapitel gehört der russischen Überlieferung: Durch Vermittlung eines russischen Diplomaten gelangte der Stoff in das Moskauer Reich und wurde von einem uns unbekannten Mönch interpretiert. Vlad wird darin zum Verteidiger der orthodoxen Christenheit, sein Autoritarismus als heilbringendes Bemühen um die Seelen seiner Untertanen beurteilt.

 

Band 3: Die Überlieferung aus dem Osmanischen Reich. Bearbeitet von Adrian Gheorghe. Ca. 300 S. (Herbst 2011)

 

Der dritte Band enthält ausschließlich narrative Quellen: Mehmed II., der Eroberer Konstantinopels, führte 1462 eine Strafexpedition an, gegen die sich Vlad erfolgreich zur Wehr setzte. Die von Feldzugsteilnehmern, Hofhistoriographen und byzantinischen Chronisten verfassten Darstellungen zentrieren um die spektakulären Ereignisse. Für die Osmanen (16 Autoren) war Vlad ein verräterischer Vasall und Verbrecher, der vom übermächtigen Sultan vernichtend geschlagen wurde. Für die von den Türken beherrschten Griechen (6 Autoren) hingegen repräsentierte er einen Widerstandskämpfer, der im persönlichen Kampf das Heer des Sultans aufgerieben und zum Rückzug gezwungen haben soll.

 

Die Edition wird eine wichtige Lücke in der Forschung schließen, indem sie Quellen aus unterschiedlichen kulturellen und sprachlichen Kontexten zusammenführt und durch moderne Übersetzungen nutzbar macht. Es ist daher zu erwarten, dass es sich als historisches Lesebuch und konkurrenzloses Grundlagenwerk durchsetzt.

 

Das Projekt weist sich durch folgende Merkmale als innovativ aus:

-          Die Edition zielt auf Wiedergabe historischer Fakten, nicht auf mythisierende Fiktion, die bislang jede populärwissenschaftliche Biographie des Pfählers dominiert.

-          Dieser Fiktionalisierung steht das Konzept einer quellenorientierten Biographie gegenüber. Erstmals werden diese einem breiteren Publikum lesegerecht verfügbar gemacht. Eine direktere Verbindung zum historischen Geschehen, dessen hinterlassene Quellen nun aus erster Hand erfahrbar werden, wird somit ermöglicht. Die Edition dokumentiert mehr als zweieinhalb Jahrhunderte europäischer und orientalischer Dracula-Überlieferung und zeichnet somit die Entwicklung des Mythos‘ nach.

-          Die edierten und übersetzten Texte weisen sich durch ihre Vollständigkeit aus – jede bis heute bekannte Quelle wird berücksichtigt, teilweise auch solche, die der Fachwelt bislang völlig unbekannt waren.

-          Das wichtigste Merkmal der Edition ist die Interkulturalität: Die Quellen stammen aus dem katholischen und protestantischen Westeuropa, aus dem ostmitteleuropäischen Siebenbürgen („Transsilvanien“), aus der rumänischen Walachei, aus dem orthodoxen Russland und dem muslimisch-christlichen Osmanischen Reich. Osmanische und (post-)byzantinische Autoren kommen ebenso zu Wort wie deutsche Gelehrte und Schriftsteller, russische Mönche, rumänische Chronisten und sogar der Papst.

-          Kaum eine andere Quellenedition enthält mitsamt Übersetzung Texte in insgesamt 16 Sprachen: Alttürkisch, Arabisch, Persisch, Griechisch, Latein, Italienisch, Spanisch, Mittelhochdeutsch, Altfranzösisch, Polnisch, Tschechisch, Ungarisch, Rumänisch, Serbisch, Russisch, Altkirchenslawisch. Deshalb wird die Edition ein starkes internationales Interesse auf sich ziehen.

-          Das Projekt hat zwei unterschiedliche Zielgruppen: Für die interessierten Laien soll die mit Übersetzungen und Kommentaren angereicherte Edition als historisches Lesebuch dienen. Für die Experten sollen Kurzbiographien der einzelnen Autoren, Übersichten über das jeweilige Gesamtwerk, Einschätzungen des ideologischen Profils und Literaturhinweise Wege zu weiteren Forschungen ebnen.

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07.11.2011 11:11
 

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