Forschungsprojekte
Hier finden Sie einen Überblick über einige der aktuellen Forschungsprojekte von Prof. Dr. Cora Dietl
- Daniel Cramers Plagium und seine zeitgenössischen Übersetzungen. Eine Paralleledition
Die Entführung der Prinzen Ernst und Albert von Sachsen aus Schloss Altenburg 1455 und ihre Befreiung, die angeblich durch Köhler erfolgt sein soll, ist ein in der deutschen Literatur immer wieder neu thematisierter Stoff, der auch heute noch begeistern kann; die 2005 ins Leben gerufenen Prinzenraubfestspiele in Altenburg ziehen jährlich über 20.000 Besucher an. Eines der frühen Prinzenraub-Spiele war höchst erfolgreich: Es erfuhr von 1593 bis 1610 sechs Auflagen in lateinischer Sprache, außerdem bis 1646 acht Drucklegungen in fünf verschiedenen deutschen Übersetzungen: Daniel Cramers Plagium. Die verschiedenen Übersetzungen mit ihren verschiedenen Akzentsetzungen und Wertungen des Fehders und des Fürsten werden erstmals in einer gemeinsamen Edition vereint und sowohl untereinander als auch mit dem lateinischen Original (dessen Lesarten in den verschiedenen Drucken mit berücksichtigt werden) verglichen.
Der Band wird voraussichtlich 2012/13 im Verlag Erwin Leibfried, Gießen erscheinen.
- Lexikon der mittelalterlichen Literatur in Ungarn und Rumänien
Das Projekt zielt auf die Erstellung eines einbändigen Lexikons zur mittelalterlichen Literatur im südöstlichen Mitteleuropa (mit besonderer Beachtung der Gebiete, die im heutigen Ungarn und Rumänien liegen) von den Anfängen der deutschsprachigen Besiedlung des ehemaligen Königreichs Ungarn bis 1526, als Teilband des 15-bändigen Lexikons der regionalen Literaturgeschichte des deutschen Mittelalters, verantwortet von Christoph Fasbender, Chemnitz.
Das Lexikon ist ein Ortslexikon literarischer Räume; erfasst werden Höfe, Städte, Kirchen, Klöster, Institutionen, an/in denen Literatur entstand, verbreitet und rezipiert wurde oder wirkte, und regional verortbare Ereignisse, die als Schreibanlässe für Literatur dienten. Ziel ist es, den Literaturraum Ungarn/Rumänien systematischer und vollständiger, als dies bisher geschehen ist, als Raum einer kulturellen Durchmischung von lateinischer, deutscher und ungarischer (um die wichtigsten Sprachen zu nennen) Kultur und Literatur zu erfassen und eine verlässliche Grundlage zu schaffen für künftige monographische Arbeiten zum Thema. Es geht darum nachzuzeichnen, wie die deutsche Literatur und Kultur von Ort zu Ort in je unterschiedlichem Maß und Tempo in eine Wechselwirkung zu den regionalen Literaturen wie auch zur internationalen lateinischen Kultur getreten ist, wie sich die verschiedenen Kulturen gegenseitig durchdrungen haben und wie bis zur Frühen Neuzeit die Grundlegung einer gesamteuropäischen Kultur im südöstlichen Mitteleuropa erfolgt ist. Fragen der Identitätsstiftung und -bewahrung durch eine Literatur in der eigenen Sprache oder des Kulturimports werden ebenso behandelt wie die Bindung einer kulturellen Identität an einen Ort.
Das Lexikon versteht
sich nicht nur als ein Nachschlagewerk für Mittelalter-Spezialisten,
sondern besitzt hohe Relevanz für den aktuellen sensiblen Umgang mit dem
„deutschen Erbe“ im heutigen Ungarn und Rumänien. Es macht
nachvollziehbar, wie das von Region zu Region unterschiedliche Gepräge
„deutscher“ oder mit dem Deutschen in Verbindung stehender Kultur im
südöstlichen Mitteleuropa entstanden ist und fördert damit das
Verständnis für die über Jahrhunderte gewachsenen und auch nach langer
Trennung unlösbaren Verstrickungen zwischen deutscher, siebenbürgischer
und ungarischer Kultur.
verantwortliche Bearbeiterin: Anna-Lena Liebermann, M.A.
Das Projekt wird finanziell unterstützt durch den BKM.
- Lexikon der arthurischen Gestalten in den deutschen Texten des Mittelalters und der Frühen Neuzeit
- Edle Räuber, aufrührerisches Pack und arme Opfer. Literarische Strategien der Wertung und Rechtfertigung von Gewaltgemeinschaften in Mittelalter und Früher Neuzeit
Das Teilprojekt behandelt derzeitig in einem Promotionsvorhaben die mitteldeutsche Chanson de geste Karl und Ellegast; ein Fortsetzungs- und Erweiterungsantrag, der weitere Erzähltexte des Mittelalters berücksichtigen wird, ist in Vorbereitung.
Bearbeiterin des Teilprojekts: Ann-Sophie Staiger, M.A.
- Vom höfischen Ritter zur Gewaltgemeinschaft. Wie beeinflusst die Gemeinschaft das Gewaltverhalten literarischer Figuren?
In der höfischen Literatur des Mittelalters verändert sich das Gewaltverhalten der Figuren oft, wenn diese nicht in ihrer Singularität, sondern als Teil einer Gruppe beschrieben werden. Zuweilen scheinen sich in der Literatur die emotional aufgeladenen Werte ‚Freundschaft‘ und ‚Gruppenidentität‘ vor den sonst hoch geschätzten Wert der höfischen Zurückhaltung zu schieben, wodurch ein verändertes Gewaltverhalten und eine erhöhte Gewalttoleranz gerechtfertigt erscheinen. Das Teilprojekt untersucht die Faktoren, die das Gewaltverhalten der Figuren im Text verändern, und die Regeln der Gewalt,
die, oft abhängig von Zeit und Raum, höfische Verhaltensregeln außer Kraft setzen. Gefragt wird zudem, ob und wie der Erzähler sowie Erzählinstanzen auf der Handlungsebene dies kommentieren und wie die Darstellung und Wertung wirkungsästhetisch als eine Kommunikation von Gewalt zu deuten sind. Im Zentrum der Betrachtung werden der mittelhochdeutsche Artusroman Prosalancelot und die mittelniederländische Chanson de geste Roman der Lorreinen sowie ihre französischen Vorlagen stehen. Ein Vergleich der genannten Phänomene in verschiedenen literarischen Gattungen und in
verschiedenen kulturellen Regionen wird aufdecken, inwiefern die beobachteten literarischen Strategien der Rechtfertigung oder Kriminalisierung von gemeinschaftlich verübter Gewalt zu verallgemeinern, auch außerliterarisch relevant und auf die von den anderen Teilprojekten vornehmlich betrachteten pragmatischen Textsorten übertragbar sind.
1. Arbeitsvorhaben: Gewalt und Freundschaft. Die Tafelrunde als Gewaltgemeinschaft im Prosa-Lancelot
Das Ausüben von Gewalt ist eines der zentralen Themen der deutschsprachigen Artusliteratur des Mittelalters. Die Anwendung von Gewalt unterliegt besonders in den klassischen Artusromanen gewohnheitsmäßigen ‚Regeln‘. Diese sich in spezifischen Verhaltensnormen äußernden agraphoi nomoi treten vielfach im Rahmen von Einzelkämpfen in den Vordergrund. Da sich Artusritter häufig allein in konfliktuösen Situationen bewähren, blieb die Darstellung des Konfliktverhaltens der Artusritter innerhalb einer Gruppe von der Forschung lange unberücksichtigt. Doch besonders im mittelhochdeutschen Prosa-Lancelot kämpfen die Ritter der Tafelrunde Seite an Seite mit ihren Freunden. Gerade in diesen Situationen scheint die Gewalt jedoch häufig zu eskalieren, sodass gefragt werden muss, ob für die gemeinschaftlich auftretenden Figuren die gleichen arthurischen Normen gelten, die in den Einzelkämpfen zu beobachten sind, oder ob sich Gruppendynamiken erkennen lassen, die die ‚Regeln‘ der Gewaltanwendung auflösen.
Bearbeiter des Vorhabens: Titus Knäpper, M.A.
2. Arbeitsvorhaben: Gewalt und Verwandtschaft. Gewaltgemeinschaft(en) aus Lothringen und Bordeaux
Zu den in der deutschen Forschung gänzlich vernachlässigten Dichtungen aus dem Bereich der Matière de France gehört der mittelniederländische Roman der Lorreinen, entstanden im 13. Jahrhundert auf der Grundlage der französischen Geste des Loherains (12. Jahrhundert), überliefert in Fragmenten von drei Handschriften aus dem 14. Jahrhundert. Zu betrachten sind in diesem Text insbesondere die Organisation von Gewaltgemeinschaften und die Regeln der Gewaltausübung. Ob, inwiefern und mit welcher Wirkungsabsicht die Gruppenbildung und Gruppendynamik, die Motivation und die Logik der Gewalt bei den Lothringern anders gezeichnet sind als bei ihren Gegnern, gilt es im Detail zu untersuchen. Zu analysieren sind auch die in der Kommunikation des Erzählers mit dem Rezipienten verwendeten Mittel der Wertung und Legitimation von Gewalt, auch mit Blick auf religiöse Identitäten.
Bearbeiterin des Vorhabens: Claudia Ansorge, M.A.