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Geschichte
Geschichte des I. Physikalischen Instituts
Die Physik an der Universität Gießen ist seit Gründung der Universität im Jahre 1607
vertreten. Bis 1644 werden die Physikvorlesungen durch Professoren der Theologischen Fakultät bestritten, zwischen 1645 und 1788
dann durch Mediziner. In dieser Epoche gehen in wachsendem Umfang
experimentelle Vorführungen in den Physikunterricht ein. Gegen Ende des
18. Jahrhunderts vollzieht sich die entscheidende Wendung zu einer auf
Experimenten aufgebauten Lehre.
1789 wird Georg Gottlob Schmidt
auf das neu eingerichtete Ordinariat für "Mathematik und Physik"
berufen. Er gründet privat ein "Physikalisches Cabinet". Es gelingt ihm
1815 erstmals, Apparate auf Kosten der Universität anzuschaffen: Bis
dahin mussten alle Geräte aus privaten Mitteln finanziert werden. Seine
Forschungsarbeiten betreffen vorwiegend mechanische und thermische
Eigenschaften der Gase, besonders der Luft.
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Der selbstständige Lehrstuhl Physik wird 1838 mit der Berufung
Heinrich Buffs begründet. (Promotion: Giessen, 29.08.1827, "Ueber
Indigsäure und Indigharz" bei J. Liebig.) In einem Nebenbau seines
Wohnhauses richtet Buff mit privaten Mitteln einen Hörsaal und
Laborräume ein. Erst von 1844 an zahlt ihm der hessische Staat Miete und ersetzt die Kosten für das Mobiliar. Auf Buffs Betreiben wird 1862
ein physikalisches Seminar für die Ausbildung von Physiklehrern
eingerichtet.
Buff, der den Lehrstuhl drei Jahrzehnte innehat, ist zu
seiner Zeit einer der angesehensten Vertreter seines Fachs in
Deutschland, dokumentiert durch seine Lehrbücher und eine Vielzahl von
Publikationen. In seinen bekannteren Arbeiten befasst er sich mit der
Elektrizität, besonders den Elektrolyten und mit gasdynamischen
Problemen. Er hatte enge wissenschaftliche Verbindungen zu den
Chemikern Liebig und Wöhler.
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1879 wird Wilhelm Conrad Röntgen
als Nachfolger Buffs aus Straßburg nach Gießen berufen. Er bezieht
zunächst die Privat-Laborräume seines Vorgängers und erreicht später
die Unterbringung des Instituts im neu erbauten Hauptgebäude. Einen Ruf an die Universität Jena 1885, den er
ablehnt, benutzt er zur Verbesserung der Arbeitsmöglichkeiten des
Instituts.
In seiner wichtigsten Arbeit während seiner Gießener Zeit
gelingt ihm der Nachweis der von Maxwell eingeführten magnetischen Wirkung
des Verschiebungsstromes. Dieses grundlegende Experiment macht Röntgen
berühmt. Der
Versuch gilt als Beweis der Maxwell´schen Theorie und als Muster
raffiniertester Messkunst. Einer der bedeutendsten Physiker seiner Zeit,
H. A. Lorentz, hat später diesen Strom Röntgenstrom genannt.
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Mit der Anordnung unternimmt er 1888 in Gießen, kurz
vor seinem Weggang nach Würzburg, die ersten Versuche zur
experimentellen Bestätigung der Lorentz´schen Theorie der Dielektrika.
Alle diese Experimente hat Röntgen selbst von der wissenschaftlichen
Bedeutung her höher eingeschätzt als die 1895 von ihm in
Würzburg entdeckten Strahlen. Röntgen gilt zusammen mit Graham Bell
auch als Vater der Photoakustischen Spektroskopie. In seiner Gießener
Zeit entdeckt er, dass sich durch intermittierende Bestrahlung von Gasen
mit Licht Töne erzeugen lassen. 1900 geht Röntgen
dann nach München und erhält 1901 den ersten Physik-Nobelpreis. Auf
seinem ausdrücklichen Wunsch hin wird er nach seinem Tod 1923 auf dem
"Alten Friedhof" in Gießen beigesetzt.
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Nachfolger Röntgens wird 1889 Franz Himstedt,
zuvor Ordinarius in Darmstadt. Von ihm stammen bemerkenswerte
Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen elektrostatischen und
elektrodynamischen Einheiten, über die elektromagnetische Wirkung bewegter
elektrischer Ladungen und über elektromotorische Kräfte. Wie schon
Röntgen drängt er auf den Neubau eines physikalischen Instituts. Die
Räumlichkeiten im Hauptgebäude entsprechen, bedingt durch den
naturwissenschaftlichen Fortschritt und die wachsende Bedeutung der
Physik für die Ausbildung der übrigen Naturwissenschaftler, der
Mediziner, der Tierärzte und der Landwirte, weder in ihrer technischen
Ausstattung noch in ihrem Umfang den Erfordernissen. Erst 1895 kann das
neue Institut an der Ecke Goethe-/ Stephanstraße bezogen werden.
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Im gleichen Jahr erhält Wiener den Ruf nach Gießen. Er ist durch
den experimentellen Nachweis stehender Lichtwellen in der Fachwelt
bekannt geworden. Seine kurze Zeit als Professor in Gießen ist im
Wesentlichen mit der Einrichtung des neuen Instituts ausgefüllt. 1899
folgt er einem Ruf nach Leipzig.
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Der Nachfolger Wilhelm Wien, zuvor a.
o. Professor in Aachen, bleibt nur zwei Semester in Gießen. 1900 weiht er den Neubau des Instituts ein und geht danach als Nachfolger von Röntgen nach Würzburg. 1911
erhält er den Nobelpreis für seine Strahlungsgesetze.
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1900 wird Paul Drude
berufen, bekannt durch seine umfangreichen Arbeiten auf
dem Gebiet der Optik und der elektrischen Wellen. Eine entscheidende
Wende in der Entwicklung der Physik und auch für die Arbeiten von Drude
brachte die Entdeckung der Hertz´schen Wellen im Jahre 1888. Sie
verhalf zugleich der elektromagnetischen Theorie von Maxwell zum
Durchbruch. Auch für die Optik wird die Einführung dieser Theorie von
entscheidender Bedeutung. In der Folge beschäftigt sich Drude mit einer
Erweiterung der Maxwell´schen Gleichungen zur Erklärung der
magnetooptischen Erscheinungen sowie mit der Beziehung der
Dielektrizitätskonstanten zum optischen Brechungsindex. Die
bedeutendsten Arbeiten in Gießen sind die über das "Elektronengas in
Metallen". Drude lehnt 1904 einen Ruf nach Breslau ab, folgt jedoch 1905 einem Ruf nach Berlin "auf den ersten und vornehmsten Lehrstuhl der Physik in Deutschland".
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1905 erhält Walter König
das Ordinariat für Experimentalphysik an der Universität Gießen. König
befasst sich mit vielen, ganz unterschiedlichen Gebieten, mit optischen,
elektrischen und magnetischen Eigenschaften von Festkörpern, mit
Hydrodynamik, elektrischen Wellen und Meteorologie. König
bleibt zeit seines Lebens ein klassischer Physiker, der zahlreiche
Gebiete durch weiteren Ausbau fördert. Für den Ausbau der an Bedeutung
ständig wachsenden Physik erwirkt er die Umwandlung des
Extraordinariats für Theoretische Physik in ein Ordinariat und die
Einrichtung eines Extraordinariats für Experimentalphysik. Im Jahre 1911/12 ist er Rektor der Universität.
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Nachfolger Königs wird 1930 Walter Bothe.
Ihm gelingt in Gießen die Entdeckung des angeregten Atomkerns. Die
Situation der Experimentalphysik in Gießen wird durch Bothe trotz
seiner nur zweijährigen Tätigkeit völlig verändert. Gießen ist zu einer
Forschungsstätte größter Aktualität geworden. Bothe erhält 1954 den Nobelpreis für Physik, 24 Jahre nach seiner wichtigsten Entdeckung, der künstlichen Kernanregung. 1956 empfängt er die Ehrendoktorwürde der Universität Gießen.
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1932 wird Christian Gerthsen
aus Tübingen als Ordinarius für Experimentalphysik nach Gießen berufen.
Schwerpunkt der wissenschaftlichen Interessen Gerthsens sind Stöße
schneller atomarer Teilchen. Die Kernphysik nimmt einen entscheidenden
Aufschwung, als man entdeckt, dass Kernreaktionen durch den Stoß von
Ionen hoher Bewegungsenergie ausgelöst werden können. Gerthsen hat die
Idee, die Ionen mittels Umladung zweimal hintereinander die gleiche
Spannung durchlaufen zu lassen. Damit ist die Idee des
Tandembeschleunigers geboren. Auch mit einem weiteren großen Wurf eilt
Gerthsen seiner Zeit voraus: Er zeigt, dass Ionen genügend hoher Energie beim
Zusammenstoß mit Atomen oder Molekülen die Emission charakteristischer
Röntgenstrahlung anregen. Gerthsen war ein begeisternder
Hochschullehrer. 1939 wird Gerthsen als Direktor des I. Physikalischen Instituts an die Universität Berlin berufen.
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1941 wird Wilhelm Hanle
Institutsleiter. Seine
wissenschaftlichen Arbeiten und Interessen überdecken ein weites Spektrum: Optische und elektrische Eigenschaften
von Festkörpern, Wechselwirkung energiereicher Strahlung mit Materie,
Plasmaphysik und kernphysikalische Probleme. Wieder aufgegriffen werden
atomspektroskopische Arbeiten aus seiner Göttinger Zeit: Level-crossing
("Hanle-Effekt"), Level-crossing in Vorwärtsstreuung und selektive
Reflexion im Magnetfeld. Er ist viele Jahre Mitherausgeber
wissenschaftlicher Zeitschriften sowie Mitglied einer ganzen Reihe von
Gremien auf nationaler und internationaler Ebene. Hanle wird 1969
emeritiert.
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Die langjährige günstige Entwicklung der Physik in Gießen wird durch den 2. Weltkrieg und seine Folgen jäh unterbrochen. 1944
fällt das Physikalische Institut fast völlig einem Bombenangriff zum
Opfer. Trotzdem planen die Physiker, die einen großen Teil des
Instrumentariums durch Auslagerung nach Lauterbach gerettet haben, bald
nach dem Einmarsch der Amerikaner den provisorischen Aufbau von Teilen
des Instituts und die Aufnahme des Instituts und des Vorlesungsbetriebes.
Die Bemühungen zur Wiedereröffnung der Universität Gießen nach dem
Krieg, an denen Hanle und der Theoretiker Bechert beteiligt sind, scheitern zunächst. Besatzungsmacht und Landesregierung
beschließen, in Gießen nur eine "Hochschule für Bodenkunde und
Veterinärmedizin" mit einer kleinen naturwissenschaftlichen
Rumpffakultät zu belassen. Erster Rektor der neuen Hochschule wird als
dienstältester Dekan der Physiker Paul Cermak. Das seit 1922 von ihm besetzte
Extraordinariat für Experimentalphysik ist Keimzelle des später
begründeten Instituts für Angewandte Physik.
Im Sommer 1946
werden die ausgelagerten Teile des Instituts nach Gießen zurückgeführt,
der Vorlesungs- und Forschungsbetrieb wird - wenn auch unter widrigsten
Umständen - aufgenommen, und das Physikalische Kolloquium wird wieder
eröffnet. Der für die Ausbildung von Physikern unabdingbare Lehrstuhl
für Theoretische Physik wird auf Betreiben Hanles 1948 von den
Leitz Werken Wetzlar gestiftet. Der Aufbau des Instituts durch
Eigenleistungen von Institutsangehörigen und durch Spenden ist sein
Verdienst. Zur 350-Jahrfeier im Jahre 1957 ist die Physik
praktisch wieder voll intakt. Durch zähes
Verhandeln und unterstützt durch Hanles Rufe nach Berlin und
Saarbrücken wird erreicht, dass 1960 mit der Planung der
Neubauten der Physikalischen Institute im Heinrich-Buff-Ring und des
Strahlenzentrums im Leihgesterner Weg begonnen werden kann. 1967
werden die neuen Institutsgebäude eingeweiht.
In die Zeit Hanles fallen
auch die Einrichtungen neuer Lehrstühle für Angewandte Physik,
Experimentalphysik II, Theoretische Physik II und III, Biophysik und
Kernphysik. 1970 verleiht ihm die Universität Stuttgart den Dr.-Ing. E. h. 1987 wird ihm für seine Verdienste um den Wiederaufbau der Universität nach dem Kriege die Würde eines Ehrensenators verliehen.
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Nachfolger Hanles wird 1969 Arthur Scharmann. Die
Forschungsinteressen Scharmanns sind wie die seines Vorgängers sehr
breit gefächert und liegen im Bereich der Festkörperphysik, der
Atomphysik, der Kernphysik und auch der Medizinischen Physik. Er
beschäftigt sich u. a. mit der Zerstäubung von Festkörpern beim
Beschuss mit Ionen (Sputtern), Lumineszenzphänomenen anorganischer
Kristalle, der Exoelektronenemission und der Festkörperdosimetrie. In
seine Zeit als Institutsleiter fällt auch der Beginn der Gießener
Aktivitäten auf dem Gebiet der Ionentriebwerke, die bis heute in der
interplanetaren Raumfahrt verwendet werden. Hinsichtlich der Zahl der
Mitarbeiter, der Publikationen und
eingeworbenen Drittmittel wächst das Institut unter seiner Leitung. Das
Wirken Professor Scharmanns wird u.a. durch die Verleihung von vier
Ehrendoktorwürden (1983 bis 1990 in Toulouse, Nizza, Syndney und
Duisburg), des Bundesverdienstkreuzes, |
des Bundesverdienstkreuzes I.
Klasse und des Großen Bundesverdienstkreuzes (1993) gewürdigt. 1995
wird er Ehrenmitglied des Joffe-Instituts der Russischen Akademie der
Wissenschaften in St. Petersburg. Das
Wirken Professor Scharmanns wird u.a. durch die Verleihung von vier
Ehrendoktorwürden (1983 bis 1990 in Toulouse, Nizza, Syndney und
Duisburg), des Bundesverdienstkreuzes, des Bundesverdienstkreuzes I.
Klasse und des Großen Bundesverdienstkreuzes (1993) gewürdigt. 1995
wird er Ehrenmitglied des Joffe-Instituts der Russischen Akademie der
Wissenschaften in St. Petersburg.
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1996 wird Bruno Meyer auf den Lehrstuhl des I. Physikalischen
Instituts berufen. Die Forschungsausrichtung des Instituts wird
fokussiert auf Themen der modernen Festkörperphysik und der
Materialwissenschaften. Dies beinhaltet hauptsächlich die Halbleiterphysik (Prof. Meyer). Mit Methoden der modernen Festkörperspektroskopie und der Oberflächenanalytik
werden Halbleiter mit großen Bandlücken, die Gruppe-III-Nitride (z.B GaN,
SiC), hinsichtlich ihrer Verwendung als optoelektronische und
photonische Bauelemente untersucht und optimiert. Breite
Fragestellungen von der epitaktischen Herstellung über Materialtransportphänomäne in Schmelzen (Prof. Schwabe)
bis zur grundlegenden Charakterisierung werden abgedeckt. Dabei stehen u. a.
diverse Dünnschicht-Technologien, ein Reinraum zur Mikro-und
Nanostrukturierung sowie ein umfangreicher Gerätepool zur
Festkörperanalytik zur Verfügung.
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Ein weiterer
Schwerpunkt ist die industriebegleitende Untersuchung von
hocheffizienten und stabilen Solarzellen (CuInSe 2, CuInS 2, CuGaSe 2). Als plasmaphysikalische Anwendungen werden Ionenquellen zur Materialbearbeitung und als extraterrestrische Antriebe untersucht und gebaut.
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26.02.2010 02:53
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