Historisches
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In einigen Punkten unterscheidet sich der Werdegang der Tierheilkunde an der Gießener Universität von dem aller anderen deutschen tierärztlichen Bildungsstätten:
Diese haben sicher zur akademischen und gesellschaftlichen Anerkennung des tierärztlichen Berufes über die Grenzen von Deutschland hinaus beigetragen. Sie waren auch für den Ausbau und die Umwandlung der einstigen Pferde- und Vieharzneischulen in tierärztliche Hochschulen und veterinärmedizinische Fakultäten von grundlegender Bedeutung. Tierheilkunde wird an der 375 Jahre alten Gießener Universität seit etwa 205 Jahren gelehrt. Ihre historische Entwicklung lässt sich dabei zwanglos in 6 Perioden einteilen:
Die erste Periode
ist gekennzeichnet durch das Bemühen, Tierheilkundige innerhalb der Ökonomischen
(1777-1785) und der Medizinischen Fakultät (1785-1827) auszubilden. Die ersten
Lehrer der Tierheilkunde waren die Professoren Dr. med. J. L. F. Dietz und Dr. med. E.L.W. Nebel. Maßgebend für das Ausbildungsvorhaben
waren die im 16. - 18. Jahrhundert gehäuft auftretenden Tierseuchen, besonders
die Rinderpest, Milzbrand, Lungenseuche und Rotz. Die verheerenden Seuchenzüge
sowie die kriegsbedingten Verluste an Truppenpferden zwangen die Regierung zu
Seuchenbekämpfungsmaßnahmen und veranlassten sie zur Ausbildung von Tierärzten
und zur Errichtung von Vieharzneischulen. Am 10.2.1868 wurde die Berufung von J.G. Pflug (Würzburg) als Nachfolger von Vix,
eingestuft als ordentlicher Honorarprofessor und beauftragt mit der "Direktion
des Veterinärinstitutes", ausgesprochen. Sein größter Verdienst war es, 1871/72
den Bau einer neuen Veterinäranstalt am Seltersberg,
der heutigen Frankfurter Straße 85/87, errichtet zu haben. Es entstanden ein
Hauptgebäude mit Hörsaal, Sammlungs- und Arbeitsraum usw., ein Klinikstall für
Großtiere mit Lehrschmiede und eine kleine Hundeklinik. Des weiteren enstanden
ein Veterinär-Anatomisches Institut mit
Präparier- und Sektionssaal und 1886 hinter dem Kliniksgebäude ein Sektionshaus.
Vor den Gebäuden befand sich der Klinikshof mit der Vorführbahn. Im Jahr 1876
wurde hinter der Veterinäranstalt der schon 1874 von Pflug beantragte
Isolierstall gebaut und 1889 die Anatomie aufgestockt für die Aufstellung einer
Skelettsammlung. Neben Prof. Pflug waren für den Unterricht in Tierheilkunde der
Kreisarzt Dr. med. vet. Th.F.L. Winkler von Gießen und ab
1879 der 1874 zum Dr. med. vet. promovierte Fr. Eichbaum als a. o. Professoren
für die Veterinär Anatomie berufen. Letztgenannter schuf mit seinem 1885
publizierten "Grundriß der Geschichte der Tierheilkunde" ein über Jahrzehnte
hinaus gültiges Werk. Mit der Jahrhundertwende begann für Gießen die dritte und wesentlichste Periode der Konstituierung der Veterinärmedizin durch die Berufung des späteren Geheimen Medizinalrates Dr. phil. Dr. Dr. med. vet. h.c. W. Pfeiffer als ordentlicher Professor in die Medizinische Fakultät der Ludwigs Universität. Als Beleg seiner veterinärchirurgischen Erfahrung mag sein seit 1897 erschienener "Operationskurs für Tierärzte und Studierende" gelten, dessen 16. Auflage 1948 erschien. Seinem organisatorischen Talent ist der eigentliche Auf- und Ausbau der Veterinärmedizinischen Fakultät zu verdanken. Seine erste und wichtigste Aufgabe sah er in der Vergrößerung des Lehrkörpers, in der Neuordnung und Unterteilung der Unterrichtsfächer sowie in der Planung neuer Kliniken und Institute, wobei er von Kollegen der Medizinischen Fakultät, namentlich den Professoren Bostroem (Pathologe), Geppert (Pharmakologe), Gaffky (Hygieniker) und Sommer (Psychiater) tatkräftige Unterstützung erhielt. Zu den neu berufenen Professoren gehörten hervorragende Wissenschaftler der damaligen Zeit, wie die Doktoren Olt, Martin, Gmeiner, Zwick und Knell. Sie bildeten innerhalb der Medizinischen Fakultät das "Veterinärmedizinische Kollegium". Schon im Jahr 1900 wurde von Pfeiffer ein begründetes Bauprogramm vorgeschlagen, um den Bedürfnissen eines neuzeitlichen Unterrichts unter Wahrung des Charakters einer selbständigen Forschungsstätte Rechnung zu tragen. In den Jahren 1904 bis 1907 entstanden auf dem heutigen Fachbereichsgelände zwischen Frankfurter Straße und der Main-Weser-Bahn südlich vom Steg ein Veterinäranatomisches Institut (jetziges Institut für Tierärztliche Nahrungsmittelkunde), ein Veterinärpathologisches Institut, eine Chirurgische Veterinärklinik mit Lehrschmiede und ein klinisches Hörsaal- und Verwaltungsgebäude. 1910 konnte der Neubau der Medizinischen Veterinärklinik eingeweiht werden, womit neben der klaren Abgrenzung der Institute auch die Entflechtung der Kliniken eingeleitet wurde. Am 17. November 1914 wurde das
Veterinärmedizinische Kollegium innerhalb der Medizinischen Fakultät
zu einer selbständigen Veterinärmedizinischen Fakultät,
womit die vierte Periode der Entwicklung der
Veterinärmedizin in Gießen begann, die mit dem Chaos des 2. Weltkrieges
endete. Der Unterricht wurde in der nun angebrochenen fünften Periode der veterinärmedizinischen Entwicklung in Gießen im Mai 1946 unter den ungünstigen räumlichen, personellen und finanziellen Bedingungen zunächst nur provisorisch wieder aufgenommen. Außer dem Reifezeugnis mussten die Studienbewerber bestimmte politische Bedingungen erfüllen. Da der Andrang nach sechs Kriegsjahren verhältnismäßig stark war, hatten hervorragend Begabte Vorrang. Außerdem wurden alle die bevorzugt zugelassen, die seit 1933 aus rassischen oder politischen Gründen vom Studium an einer Deutschen Hochschule oder Universität ausgeschlossen oder aus denselben Gründen anderweitig schwer benachteiligt worden waren. Im übrigen wurde die Zulassung durch ein in sich widersprüchliches Punktesystem geregelt. Da in den ersten drei Wintersemestern bis zur Währungsreform nicht genügend Heizmaterial zur Verfügung stand bzw. die Heizungsanlagen noch nicht wieder instandgesetzt waren, wurden Vorlesungen und Übungen in Mänteln durchgeführt. Trotz all dieser Erschwernisse und widrigen Umstände war der Andrang zum veterinärmedizinischen Studium mit 1200 Bewerbern so groß, dass wegen der nur begrenzten Kapazität der Hörsäle und Kursräume schon damals ministeriell ein Numerus clausus eingeführt werden musste. Mehr als die Hälfte aller an der Hochschule für Bodenkultur und Veterinärmedizin Studierenden waren damals Tiermediziner, so dass die Veterinärmedizinische Fakultät zur tragenden Säule dieser neuartigen Hochschule wurde. Ihre Umbenennung in Justus-Liebig-Hochschule erfolgte 1950 mit der Eröffnung der Akademie für medizinische Forschung und Fortbildung. Nach ersten Anfangsschwierigkeiten war es vordringliche Aufgabe der Fakultät, den zunächst provisorischen Unterricht durch Neuberufungen auf die vorhandenen Lehrstühle zu verbessern, den Wiederaufbau teilzerstörter Institute und Kliniken in Angriff zu nehmen sowie den Neubau der stark zerstörten alten medizinischen Veterinärklinik und neuer dringend benötigter Institute in die Wege zu leiten. In dieser fünften Periode der Entwicklung der Veterinärmedizin an der Universität Gießen gab es zahlreiche personelle Änderungen. Am Veterinäranatomischen Institut war Prof. Schauder einer der ersten Professoren bei der Neueröffnung der Hochschule im Sommersemester 1946. Im unermüdlichem Einsatz für die Studenten versah er den Lehrstuhl bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1953. 1954 wurde Prof. A. Schummer von Hannover als Nachfolger berufen. Unter seiner Direktion konnte in den Jahren 1959 bis 1964 das neue Veterinäranatomische Institut errichtet werden, das eines der schönsten und zweckmäßigsten Europas ist. Prof. Schummer war 1960/61 Rektor, 1961/62 Prorektor der anläßlich der 350-Jahrfeier der Ludwigs-Universität fast wieder voll rehabilitierten Justus-Liebig-Universität. Die sechste Periode
der Entwicklung der Veterinärmedizin in Gießen begann mit
dem neuen Hessischen Universitätsgesetz vom 12.5.1970. Die Bestrebungen dieses
Gesetzes galten der Beseitigung der hierarchischen Strukturen der alten
Ordinarienuniversität Humbold'scher Prägung. Die Forderung nach mehr Transparenz
an den Hochschulen und für das Mitbestimmungsrecht der Studenten und Assistenten
(so genannte Drittelparität) führte zur Schaffung der Gruppenuniversität. Durch die
Verordnung vom 13.3.1971 wurden die Fakultäten abgeschafft und durch
Fachbereiche ersetzt, die Kliniken und Institute sollten in Betriebseinheiten
umgewandelt werden. Jedoch hatte die Veterinärmedizinische ähnlich wie die
Humanmedizinische Fakultät wegen der Erfüllung wichtiger Dienstleistungen für
die Bevölkerung in Form von Patientenbetreuung und Materialuntersuchungen den
Vorzug, nur den Namen ändern zu müssen, ohne wesentlich an Substanz einzubüßen.
Der größte Teil der Veterinärmedizinischen Fakultät stellte nach dem neuen
Gesetz den Fachbereich 18 dar. Lediglich die Institute für Erbpathologie und
Zuchthygiene sowie für Tropenveterinärmedizin wurden aus dem früheren
Fakultätsverband herausgenommen und bildeten mit dem Institut für Tierzucht und
Haustiergenetik der ehemaligen Landwirtschaftlichen Fakultät den Fachbereich 17
(Angewandte Genetik und Leistungsphysiologie der Tiere). 1975 wurden beide
Fachbereiche zum neuen Fachbereich 18 (Veterinärmedizin und Tierzucht)
zusammengelegt. Forschung und Lehre wurden durch das neue, am 16.6.1978 in
novellierter Fassung in Kraft getretene Gesetz weniger betroffen, während die
Personalstruktur z. T. beachtliche Veränderung erfuhr, die sich sehr nachteilig
für den zukünftigen wissenschaftlichen Nachwuchs auswirkte. Die für die
besondere Art der Entwicklung der Tiermedizin in Gießen so wichtigen engen
Kontakte zur Medizinischen, aber auch den Naturwissenschaftlichen und
Landwirtschaftlichen Fakultät haben sich bis in die heutige Zeit erhalten und
führten zu einer fruchtbaren wissenschaftlichen Zusammenarbeit. So sind im neuen
Mehrzweckgebäude des Fachbereiches in der Schubertstraße, das im Dezember 1971
in Betrieb genommen wurde, jeweils die Institute Virologie, Pharmakologie und
Toxikologie sowie Bakteriologie und Immunologie des Fachbereiches
Veterinärmedizin und die Lehrstühle für Virologie, Pharmakologie und
Medizinische Mikrobiologie des Fachbereiches Medizin untergebracht. Die enge
Verbindung der beiden virologischen Institute stellt die Basis für die Bildung
des Sonderforschungsbereiches Virologie dar, dem neben einer Arbeitsgruppe der
Pflanzenvirologie noch Arbeitsgruppen aus den Instituten für
Veterinärpathologie, Medizinische Mikrobiologie, Medizinische Pathologie und
Medizinische Biochemie angehören. |