»Kunstwurzeln« schon für Zwölfjährige?
Fachtagung rund um das boomende Thema Zahnimplantation – 160 Teilnehmer dikutierten über Pro und Contra
Gießen (if). »Zahnprothesen gehören eigentlich ins Museum.« Diese kategorische Feststellung traf Prof. Georg Watzek am Rande des 11. »Implantologie-Symposiums« der Gießener Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Watzek gilt als eine der internationalen Koryphäen der vor rund zwei Jahrzehnten begründeten, inzwischen boomenden innovativen zahnmedizinischen Disziplin. Allerdings, so warnte der Gast aus Wien im dicht gefüllten Chirurgiehörsaal: »Die Implantologie ist nicht zu vergleichen mit dem Einsetzen einer Schraube ins Holz.« Der Gedanke einer Implantatvollversorgung sei aus mancherlei Gründen nicht realistisch. Zudem erfordere eine »gute Versorgung« auch eine gute Ausbildung. Das gelte namentlich hinsichtlich der Biologie des Knochens.
300 000 künstliche Zahnwurzeln, so schätzt man, werden derzeit allein in Deutschland jährlich eingepflanzt. Die vom Direktor der Gießener Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG), Prof. Hans-Peter Howaldt – zugleich Abteilungsleiter »Oralchirurgie« in der Zahnklinik – und Dr. Philipp Streckbein zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Implantologie organisierte wissenschafts- und praxisorientierte Veranstaltung mit rund 160 Teilnehmern aus dem In- und Ausland kreiste namentlich um die Frage, ob überhaupt und wann die Implantation künstlicher Zahnwurzeln beim Verlust von Vorderzähnen im Wachstumsalter zu bedenken ist – sozusagen unter der Frage »Implantate schon für Zwölfjährige?«.
Während Dr. Andreas May einleitend eine Übersicht über Frontzahnverluste vermittelte – die Hälfte erfolgt bei Kindern und Jugendlichen, besonders häufig bei Zehn- bis Zwölfjährigen durch Unfälle, häufiger bei Jungen als bei Mädchen – bereitete unweit davon im Operationssaal der MKG-Klinik ein Team um Oberarzt Dr. Streckbein einen Patienten auf eine »Sofortimplantation« vor, die samt Freilegung und Weichteilabformung ebenso in den Hörsaal übertragen wurde wie später ein Knochentransfer.
In der Anatomie konnten sich dann am Nachmittag Teilnehmer des ausgebuchten Termins in Übungen an Humanpräparaten mit speziellen OP-Techniken vom Knochentransfer bis hin zur eigentlichen Einpflanzung vertraut machen.
Sozusagen in die »hohe Kunst der Implantologie« hatte der prominente Gast aus Österreich zuvor die Teilnehmer eingeführt und dabei deren Pro und Contra im Hinblick auf eine Implantatversorgung vor Abschluss des körperlichen Wachstums erörtert. Unterstützt durch eine imponierende Fülle von Dias, in denen er Langzeitverläufe über anderthalb Jahrzehnte hinweg dokumentierte, betrachtete er »Einzelimplantationen« im Wachstumsalter kritisch. Anders stelle sich – vor allem im Hinblick auf das Kieferwachstum – die Problematik dar, wenn unfall- oder anlagebedingt mehrfacher Zahnverlust im frontalen Unterkiefer besteht. Hier wiederum seien allerdings – namentlich bei anlagebedingten Defiziten – spezielle Zentren gefragt.