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Kieferknochenersatz direkt aus der Hüfte

Implantologie-Symposium: Knochentransplantation mit Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen

Gießen (if). Mit dem kräftigen Zubeißen ist es vorbei. Die gute alte Prothese, die oft jahrzehntelang ihren Dienst versehen hat, wackelt und scheuert. Häufig bereitet auch die langgediente Brücke zunehmend Probleme: Knochenschwund. Das heißt Knochenaufbau und Knochenabbau sind aus dem Lot geraten. Osteoklasten – die Knochenfresser – haben die knochenbauenden Osteoblasten, die ihnen normalerweise Paroli bieten, besiegt. Was jetzt? Wo nur sollen beispielsweise die künstlichen Zahnwurzeln für Implantate im Kieferknochen Halt finden? Und womit können große Hohlräume nach Zahnverlusten und Zahnentfernungen gefüllt werden, um eine stabile Basis für Implantate und Prothesen zu bekommen?

Während die Stadt in der ersten Frühjahrssonne lag, drängten sich über 140 Zahnmediziner am Samstagmorgen im abgedunkelten Chirurgie-Hörsaal: Teilnehmer des 12. »Implantologie-Symposiums«, zu dem die Gießener MKG-Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie eingeladen hatte. Gespannt verfolgten sie auf der Bildwand einen spektakulären Eingriff. Kaum 30 Meter entfernt entnahm Klinikchef Prof. Hans-Peter Howaldt, assistiert von den Oralchirurgen Dr. Philipp Streckbein und Dr. Samah Attia, aus dem Beckenkamm eines älteren Patienten Knochenmaterial, um einen großen Knochendefekt im Kiefer aufzufüllen.

Sobald die Wunde ausgeheilt ist, kann jetzt ein Implantat eingesetzt werden, um den Patienten wieder zu normaler Nahrungsaufnahme zu befähigen. Eingriffe dieser Art – oft tumorbedingt, aber auch nach Unfällen oder Infektionen – gehören ins Spektrum der MKG-Klinik und haben zu ihrem überregionalen Ruf beigetragen. Wann immer möglich, wird zur Auffüllung körpereigenes Knochenmaterial aus dem Beckenkamm oder dem Schienbein des Patienten entnommen. Ist dies nicht möglich, wird Knochenersatzmaterial eingesetzt.

Ehe die Teilnehmer des Symposiums in der Anatomie am Nachmittag in einem »Hands-on«-Kurs von den Gießener Oralchirurgen an Originalpräparaten in die Praxis der Implantologie eingeführt wurden, hatte »Knochenspezialist« Dr. Wieland Stöckmann in einem spannenden Beitrag aus der Sicht des Anatomen die Besonderheiten bei Bau-, Umbau- und Heilungsprozessen des Knochens erläutert. Prof. Bernd Wöstmann ging auf die Bedeutung von Knochenersatzmaterial in der Zahnheilkunde namentlich in der zahnärztlichen Prothetik ein. 

    

Wachsende Umsätze

Unfallchirurgie und Orthopädie verfügen über die längsten Erfahrungen mit den noch relativ jungen Materialien. Rund 100 verschiedene Variationen sind bereits auf dem Markt und die Umsätze damit von ursprünglich 20 Millionen vor rund zehn Jahren auf mittlerweile über 100 Millionen Euro jährlich gewachsen. Heute werden sie beispielsweise bei Radiusfrakturen – den häufigsten Unfällen – ebenso routinemäßig eingesetzt wie in der Wirbelsäulenchirurgie. Prof. Christian Heiß prophezeite, dass ihre Bedeutung bei Frakturen und Defekten des Knochens nicht zuletzt angesichts der zunehmenden Häufung von osteoperosebedingten Knochenbrüchen in unserer alternden Gesellschaft noch weiter wachsen wird. Der Leitende Oberarzt und Stellvertretende Direktor der Unfallchirurgie ging dabei auch auf die seit über zwei Jahren laufenden Forschungsarbeiten zusammen mit der Universität Heidelberg und der Technischen Universität Dresden im SFB/TRR 79 ein. An diesem Vorhaben sind in Gießen neben der Unfallchirurgischen Klinik (Prof. Reinhard Schnettler) und dem Labor für Experimentelle Unfallchirurgie das Physikalisch-Chemische Institut, die Veterinärmedizin sowie die experimentelle Radiologie mit Teilprojekten beteiligt. Sie gelten dem Ziel, einen »langzeitstabilen Gewebeersatz« zu entwickeln, der zugleich die Defekt- und Frakturheilung beschleunigt. Erste Erfolge zeichnen sich bereits ab. Im Hinblick auf die noch in diesem Jahr zu erwartende Begutachtung stimmt das optimistisch.

 

Quelle: Giessener Allgemeine Zeitung, 04.03.2013