Wo Millimeterarbeit das Maß aller Dinge ist
Neurochirurgen vermittelten beim »Welt-Hirntumortag« spannende Einblicke in ihre Disziplin – Viele Besucher
Gießen (if). »Wunderbar«, strahlt Katharina Graf, Ärztin aus der Neurochirurgischen Uniklinik: Statt auf Station, sitzt sie hinter dem von ihren Kollegen eigens aufgebauten OP-Mikroskop im Foyer des Klinikums und weiht interessierte Besucher in die Möglichkeiten der mikroskopgestützten Entfernung eines Gehirntumors ein. Schon hat die Pinzette den zu entfernenden Paprika-Kern gepackt. Jetzt ganz, ganz vorsichtig mit Hilfe eines zweiten Instruments bergen. Doch- Schreck lass nach: Mit dem Kern kommt gleich ein Stück vom Innenleben der Paprikaschote zutage. Im OP der Neurochirurgie wäre ein solcher Verlauf eine veritable Katastrophe: Hier ist Millimeterarbeit das Maß aller Dinge. Soviel wie möglich von der Wucherung – schnell wachsend und bösartig oder zwar gutartig, aber raumfordernd – zu entfernen, ohne die umgebenden Strukturen zu schädigen, lautet das Ziel.
Aus Anlass des »Welt-Hirntumortages 2012« vermittelten am Mittwochnachmittag die Professoren Eberhard Uhl, Direktor der Neurochirurgischen Klinik, und Till Acker, Leiter des Instituts für Neuropathologie – Nachfolger von Prof. Walter Schachenmayer – einen informativen Einblick in ihre Arbeit.
Erstaunlich viele Besucher nutzten die gebotene Chance: Bis zum Spätnachmittag war das OP-Mikroskop im Foyer, wo Dr. Marco Stein und F. Wanis die Möglichkeiten der Mikrochirurgie vorstellten, ebenso umlagert wie der Platz gegenüber, an dem Dr. Anne Schänzer und Hildegard Dohmen-Scheuller aus dem Team von Professor Acker Tumorzellen unter dem Mikroskop präsentierten. Wer sich dafür interessiert, konnte auch per Videodemonstration einer Gliomresektion beiwohnen.
Derweil platzte einige Schritte entfernt der Seminarraum der Neurochirurgen sozusagen »aus allen Nähten«. Als Uhl einleitend über das heute mögliche operative Vorgehen bei hirneigenen Tumoren berichtete, standen die Hörer dicht gedrängt noch unter der Tür: »Operation –ja oder Nein ?«, lautet die Frage, deren Entscheidung oft erst nach einer Biopsie – einer stereotaktisch vorgenommenen Gewebeentnahme – getroffen werden kann. Ist es ein Meningeom – ein von den Gehirnhäuten ausgehende Wucherung – oder handelt es sich um ein von den Gliazellen, den Stützzellen der Neuronen ausgehendes Gliom ? Gliome. die häufigsten der alljährlich in Deutschland diagnostizierten 6000 primären Hirntumore. sind auch die gefürchtetsten. Uhl, nach den Fortschritten bei ihrer Therapie befragt: »Es gibt Fortschritte«, aber überzeugende Heilungschancen noch nicht«.
An solchen Möglichkeiten jedoch arbeitet gezielt das in der Gießener Arndtstraße arbeitende Team um Acker. Manchmal muss einer Operation nach einiger Zeit eine weitere folgen: Spielten bei der Remission – einem Rückfall – dabei »gut versteckte«, vom Skalpell nicht erreichte Krebsstammzellen eine Rolle? Aber wie wurden sie aktiviert? Erst unlängst kam aus dem Institut für Neuropathologie eine Information, die auch in der internationalen der Fachwelt für Erstaunen sorgte: Sobald »versteckte« Stammzellen des Glioblastoms, der tückischsten Form der vielgestaltigen Gliome, Sauerstoffmangel in ihrer Umgebung wahrnehmen, »wachen sie auf« und entwickeln eine gezielte Überlebensstrategie: Der Tumor wächst wieder. Acker und seiner Gruppe ist es gelungen, einen bestimmten Eiweißkomplex zu enttarnen, der in diesem Zusammenhang offenbar eine Schlüsselrolle spielt: Könnte man ihn blockieren, müsste sich die Bildung neuer Krebszellen und damit eine Wiederkehr des Krebses verhindern lassen.
Ehe Prof. Ulf Sibelius, Direktor im Zentrum für Palliativmedizin die in Gießen bestehende spezialisierte Ambulante Palliativmedizin und F. Feist die »Selbsthilfegruppe Hirntumore« vorstellten, ging Dr. Marco Stein, der die allwöchentliche Spezialsprechstunde der Neuroonkologen leitet, bei einem Überblick über neue Chemotherapien auch auf noch experimentelle Therapieansätze ein. Einer der interessantesten: Wo eine chirurgische Entfernung der bösartigen lebensbedrohlichen Wucherung nicht möglich ist, wird eine »Nanotherapie« eingesetzt: Mit Eisen beladene Nanopartikel werden dabei zu einer »Thermotherapie«, einer über bestimmte Bestrahlung ausgelösten Wärmebehandlung, in den Tumor eingebracht – unter der Erwartung, dass bei rund 60 Grad Celsius die hitzeempfindlichen Tumorzellen ihr eingebautes Selbstmordprogramm starten und veröden.