Neues »Herz« der Lebenswissenschaften pocht
Universität weiht Biomedizinisches Forschungszentrum ein – Bouffier: »Jahrhundertentscheidung« für Standort Gießen
Gießen (kw). Gearbeitet wird bereits seit einigen Wochen im Biomedizinischen Forschungszentrum Seltersberg (BFS). »Aber erst heute beginnt das neue Herz des Campusbereichs Lebens- und Naturwissenschaften zu schlagen«, sagte Prof. Joybrato Mukherjee am Montagmorgen. Der Präsident der Justus-Liebig-Universität konnte bei der offiziellen Einweihung rund 400 Gäste begrüßen – darunter den hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier. Der CDU-Politiker lobte das »leuchtende Aushängeschild der Universität, der Stadt und der Region« als »architektonisch höchst ambitioniert« und »sehr gelungen«. Am Nachmittag erkundeten mehrere Hundert Interessierte den markanten 102-Millionen-Euro-Bau mit fünf verschiedenfarbig gestalteten »Fingern« beim »Tag der offenen Tür«.
Das Forschungszentrum sei eines der kostenintensivsten Gebäude, die das Land für die JLU errichtet hat, sagte Mukherjee. Es habe »viele Väter und Mütter«, der jetzige Ministerpräsident und Alumnus Bouffier aber sei »von Anbeginn eine Art Übervater« gewesen. Auch allen anderen Beteiligten sei zu danken für das »Beton und Stein gewordene Zeichen des Vertrauens in unsere Forschungskompetenz«. Seit Jahren pflege die Universität Gießen ihre Schwerpunktsetzung in den Lebenswissenschaften. Sie gehöre in diesem Bereich zu den drittmittelstärksten Hochschulen Deutschlands und sei weltweit attraktiv für Nachwuchswissenschaftler.
Bouffier erinnerte an die jahrelange Diskussion darüber, ob und wo in Hessen ein solches Zentrum entstehen solle. Er habe sich immer für Gießen eingesetzt – nicht einfach deshalb, weil dies seine Heimatstadt ist, sondern »in Anerkennung für die Leistungen, die die Universität bereits erbracht hatte«. Gefallen sei schließlich eine »Jahrhundertentscheidung«, die ein Beleg sei für die »Zukunftsfähigkeit« der JLU.
Ganz bewusst setze die Landesregierung auf Forschung und gebe dafür trotz aller Sparbemühungen viel Geld aus, unterstrich der Ministerpräsident. In Deutschland einmalig seien das drei Milliarden Euro schwere Hochschul-Bauprogramm »Heureka« und das Sonderforschungsprogramm »Loewe«. Denn Innovationen seien der Schlüssel dafür, dass Deutschland im globalen Wettbewerb bestehen kann. Die oft zu wenig beachtete Forschung sei, so Bouffier, »die Grundlage für die Arbeitsplätze von morgen«.
Die spektakuläre Architektur sei im Grunde Prof. Stefan Hormuth zu verdanken: Der damalige, mittlerweile verstorbene JLU-Präsident habe einen Kontrapunkt setzen wollen zu den Bauten der Umgebung, sagte Thomas Platte, Direktor des Hessischen Baumanagements. Der handförmige Bau sei dank der in der Mitte konzentrierten »Kommunikationsräume« kompakter, als er auf den ersten Blick wirke. Mit 800 Euro pro Kubikmeter umbautem Raum sei er außerdem recht kostengünstig, wenn man die technisch hochwertige Ausstattung berücksichtige. Für Verzögerungen gesorgt habe die Insolvenz eines Fachplaners für Elektroinstallationen.
»Auf höchstem internationalen Niveau« könnten die Wissenschaftler in dem »großartigen, prägenden Gebäude« arbeiten, freute sich Prof. John Ziebuhr, Sprecher des BFS-Vorstands. Zu Themen wie Infektionen, Entzündungen oder Tumorentstehung würden nicht nur Grundlagen erforscht, sondern auch mögliche Anwendungen. Das könne bis zur Entwicklung von Produkten wie etwa Impfstoffen gehen. Außerdem eröffneten die neuen Hörsäle »exzellente neue Möglichkeiten für die Lehre« und machten das Gebäude nutzbar für Kongresse.
Musikalisch umrahmt wurde die Einweihungsfeier von einem Kammerorchester unter Leitung des Universitätsmusikdirektors Stefan Ottersbach.
»Offene Tür« wurde rege genutzt
Groß war der Andrang am Nachmittag. Bürger konnten an Führungen durch normalerweise gesperrte Bereiche teilnehmen, Labors besichtigen und beispielsweise auch ein Praktikum beobachten. Wissenschaftlerinnen gaben Einblicke in ihre Forschungsprojekte.
Das BFS im Kurzporträt
Im Biomedizinischen Forschungszentrum Seltersberg (BFS) an der Ecke Schubertstaße/Aulweg haben rund 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Justus-Liebig-Universität eine neue Wirkungsstätte gefunden. Das Land Hessen hat für den Fünf-Finger-Bau mit einer Hauptnutzfläche von gut 13 500 Quadratmetern gut 102 Millionen Euro ausgegeben; davon entfielen mehr als sechs Millionen auf die Erstausstattung. Im April 2007 war Baubeginn. Der Entwurf stammt vom Berliner Büro Behles & Jochimsen Architekten.
Im Einzelnen arbeiten im BFS Einrichtungen aus vier Fachbereichen, nämlich aus der Humanmedizin: Institut für Medizinische Mikrobiologie, Institut für Medizinische Virologie, Rudolf-Buchheim-Institut für Pharmakologie; aus dem der Veterinärmedizin: Institut für Virologie, Institut für Pharmakologie und Toxikologie, Institut für Parasitologie; aus dem Fachbereich Biologie und Chemie: Professur für Immunologie sowie aus dem Fachbereich Agrarwissenschaften, Ökotrophologie und Umweltmanagement die Professur für Pflanzenbau. Außerdem bietet das Zentrum Flächen für etliche übergreifende Forschungsvorhaben.