Student einer internationalen Gemeinschaft
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Leben wie in einer Großfamilie
ERASMUS im Ausland – das ist wie Teil einer großen Familie zu sein. Wer Deutschland zum Studieren verlässt, ahnt nicht, wie viele interessante und zum Teil verrückte Menschen er aus allen Ecken der Welt treffen wird. In Bristol beginnt das große Treffen der Nationen etwa drei Wochen vor Unistart beim House Search Event, das traditionell in der Hiatt Baker Hall abgehalten wird. Dabei werden alle ERASMUS-Studenten versammelt. Innerhalb von wenigen Stunden müssen sie ihre Mitbewohner auswählen und sich mit ihnen auf die Suche nach Wohnungen begeben. Die sind jedoch nicht leicht zu finden. In Bristol ist der Wohnraum rar gesäht, zudem bevorzugen die meisten Vermieter britische Studenten. Wenn sie ausländische Studierende akzeptieren, dann meist, weil sie ihre Wohnungen bei den Landsleuten nicht losgeworden sind. Die Folge ist, dass diese Unterkünfte häufig heruntergekommen oder extrem weit vom Zentrum entfernt sind. Lässt man sich trotzdem darauf ein, muss man sich mit einem letzten Problem herumschlagen: Nahezu alle Vermieter wollen Studenten, die ein Jahr bleiben. Bei den Gießener ERASMUS-Studenten ist jedoch ein halbes Jahr die Regel. Das macht die Angelegenheit nicht leichter. Dennoch haben am letzten Tag alle eine Unterkunft und die dazu passenden Mitstreiter gefunden. Außerdem hat man neben seinen künftigen Mitbewohnern unglaublich viele Menschen kennen gelernt, die man alle wiedersehen wird. Das ist der eigentliche Vorteil vom House Search Event: Die dort geknüpften Kontakte sind nachher unbezahlbar. Denn kaum ist das House Search Event vorbei, beginnt die Zeit der House Parties. Bereits am ersten Wochenende trifft man sich um zu feiern. Gründe sind schnell gefunden. Falls einem einmal nicht der Sinn danach steht, das Haus zu verlassen, so kann auch das recht abenteuerlich sein. Denn das Leben mit Studenten aus aller Welt gestaltet sich auch im eigenen Haus äußerst spannend. Lebt man etwa in einem Wohnheim, das hauptsächlich internationale Studierende beherbergt, wird man mit verschiedenen Mentalitäten, Sitten und Kulturen bekannt gemacht, die nicht immer leicht zu akzeptieren sind. Irgendwie rauft man sich aber zusammen, zum Teil weil nichts anderes übrig bleibt, aber vor allem, weil das Leben sonst nur unnötig schwer wird. Schließlich kann man voneinander viel lernen: Ein Inder berichtet über seine spektakuläre Hochzeit, ein Spanier stellt seine Casanova-Mentalität unter Beweis, die Portugiesin lehrt mit ihrer gemütlichen Art, dass das Leben sich nicht um festgelegte Zeiten drehen MUSS, und die Japanerin nebenan beweist, was wirklicher Fleiß ist. Auch abseits vom Wohnheim-, WG- und Party-Leben gibt es in Bristol zahlreiche Angebote für internationale Studierende. Die Society Erasmix, die neben dem bereits erwähnten House Search Event auch Feten, Ausflüge und Wochenendtrips, etwa nach Edinburgh, organisiert, kann nur als eines davon aufgezählt werden. Fast noch wichtiger ist das Bristol International Student Centre (BISC), das ebenfalls Parties und Touren veranstaltet, zusätzlich aber auch über einen Fundus an Geschirr und sonstigen Utensilien verfügt, die man bei einer WG-Gründung kaufen kann. Das Ergebnis ist zusammen gewürfelt, aber billig, ein ziemlich entscheidender Vorteil in Großbritannien. Wesentliches Element der BISC-Arbeit sind auch die Essensangebote: Zum Beispiel gibt es Montagnachmittag "Cream Tea", mittwochs "Soup Lunch" und vor Weihnachten lockt das "typical Christmas Meal", lecker, aber gewöhnungsbedürftig. Daneben bieten auch die verschiedenen Kirchen an bestimmten Tagen Mittagessen an. Das bedeutet in England leider meistens Sandwiches. Trotzdem sollte man darüber nachdenken. Schließlich haben Sandwiches einen entscheidenden Vorteil: Sie sind nicht nur günstiger sondern auch halb so fettig wie das Essen in der sogenannte Mensa. Da gibt es nur Baked Potatoes, English Breakfast, Chips sowie Pizza. Und das fünf Tage die Woche. |
"Deadline is..." - das Studium an einer britischen HochschuleEssays, ECTS, Examination... Das Studieren an einer britischen Hochschule richtet sich nach einem relativ starren System. Diese Tatsache verwirrt vor allem die Magisterstudenten. Das Prinzip des selbstbestimmten Lernens hat hier keine Anhänger. Am Historischen Institut der University of Bristol war zumindest der ERASMUS-Betreuerin klar: Es wird kein Unterschied zwischen einheimischen und ausländischen Studenten gemacht. Alle Geschichtsstudenten mussten insgesamt drei Kurse besuchen, davon war der Kurs "Contemporary Britain" Pflicht, die anderen beiden standen zur Wahl. Was den so Eingeteilten jedoch nicht klar war, dass das für alle bedeutete, neun Essays zu schreiben, und für diejenigen, die ein Jahr blieben, zusätzlich für die Klausur im dritten Term zu lernen. So teilt sich nämlich das britische Hochschuljahr ein: Vor den Weihnachtsferien liegt der winter term, anschließend folgt der spring term und nach den Osterferien der summer term, in dem allerdings keine Seminare mehr stattfinden. Für die deutschen Studenten bedeutet dieser Jahresrhythmus intensives Nachdenken bei der Frage, in welchem Jahr man denn studiere. Den umständlichen Erklärungen, wie das deutsche Semester-Prinzip eigentlich funktioniert, folgte bald ein resigniertes: „Well, I guess I’m a third year student!“ Dies zog gewöhnlich immer die Frage nach sich, wie man sich denn sein Nach-Uni-Leben vorstelle, da die Dauer der englischen Abschlüsse um einiges kürzer ist als die der deutschen Magister-Studiengänge. In der Kürze dieser Zeit verstehen es die Briten aber, unglaublich viel Stoff unterzubringen. Wie effektiv dieses System ist, kann jeder selbst beurteilen. Tatsache ist, dass die Studenten in England wesentlich weniger Zeit in Seminaren verbringen, dafür wesentlich mehr zu Hause lesen und vorbereiten müssen. Die Auswahl der Lehrveranstaltungen ist je nach Hochschuljahr begrenzt, der Besuch freiwilliger Veranstaltungen unmöglich. Dazu reicht die Zeit bei Weitem nicht. Die Studenten hangeln sich von Essay zu Essay und am Ende steht die Klausur, deren Stoff sich jeder innerhalb weniger Wochen in den Kopf hämmern muss. Als deutscher Student stellt sich oft die Frage, wie viel am Ende hängen bleibt, vor allem, wenn man selbst sich nach einem Jahr nur noch an fünf der neun Essay-Themen überhaupt erinnern kann. Das System hat jedoch auch seine Vorteile: Die Kurse sind kleiner als es die Veranstaltungen in Deutschland, in der Regel bis zu 15 Studenten. Daher kommt es zu einer weitaus engeren Bindung an den Dozenten. Ein Abgleiten in die Anonymität kann somit nicht vorkommen. Allerdings ist es somit natürlich auch unmöglich, die Hausaufgaben zu vergessen, heimlich während der Veranstaltung zu telefonieren oder einfach nicht zu erscheinen. Der Dozent wird es auf jeden Fall merken. Ebenso fällt ihm mangelnde mündliche Beteiligung auf. In diesem Fall wird hartnäckig nachgefragt. Bleibt also festzustellen: Für einen Magisterstudenten ist das britische System gewöhnungsbedürftig, jedoch sehr interessant und lustig. An einer deutschen Universität würde es schließlich nie vorkommen, dass der Dozent in jedem Seminar für all seine Studenten Tee kocht und Kekse verteilt. Das gibt es wirklich nur in Großbritannien. Von Tatjana Heid |