Einmal Schweden und zurück - Ein Auslandssemester
"Jag skulle vilja fiska varje dag" – "Ich möchte gerne jeden Tag fischen gehen", einer der ersten vollständigen Sätze, die ich auf Schwedisch sagen konnte. Unnütz gemessen an seinem Nutzwert, ungemein aufbauend für jemanden, der gerade eine neue Sprache lernt. Aber von Anfang an: Im Sommer 2004 stand für mich fest, ich würde das Wintersemester 2005 als Auslandssemester in Schweden verbringen. Genauer gesagt in Umea, einer Stadt etwa 500 Kilometer südlich vom Polarkreis und gut 2.000 Kilometer von Gießen entfernt.
Aber der Weg dahin war lang - und das nicht geographisch, sondern bürokratisch gesehen. Ich stand nämlich zu Beginn meines Vorhabens vor dem Problem, dass das Fach Geschichte keinen Austausch nach Schweden anbietet. Als Geschichtsstudent kann man sich um ein Auslandssemester in Spanien, England, Italien oder Dänemark bewerben, aber Schweden steht nicht auf der Liste. Also blieb mir nur die Bewerbung über andere Fachbereiche, die Kontakte zu schwedischen Universitäten aufweisen konnten. Dabei wurde mir jedoch sofort gesagt, dass ich als Fachfremde ganz unten auf die Liste gesetzt würde und nur mit sehr viel Glück einen Platz ergattern würde. Glück, das ich im Fachbereich Physik hatte. Ein Platz war bis zum Ende der Bewerbungsfrist offen geblieben und ging nun an mich. (Informationen zur Bewerbung um ein Auslandssemester)
Im August 2005 setzte ich mich zusammen mit einem Koffer, der so groß war wie mein Kleiderschrank, mit zwei Freunden und meinem Bruder ins Auto um die Reise nach Umea anzutreten. Zwei Wochen hatten wir für die Tour eingeplant, deren Ziel meine neue Heimat auf Zeit im Norden Schwedens sein sollte. Während dieser Reise stellte sich vor allem eins heraus, nämlich dass meine Schwedischkenntnisse, die ich mir in Deutschland antrainiert hatte, noch lange nicht alltagstauglich waren. Aber ich ließ mich nicht entmutigen. Schließlich würde ich genügend Zeit vor Ort haben, um meine Sprachkünste zu verfeinern. Und alle wichtigen Seminare wurden ohnehin auf Englisch angeboten.
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In Umea angekommen, überkamen mich erste Zweifel. Das Auslandsbüro der Universität Umea hatte mir Schlüssel zu einem Wohnheimzimmer ausgehändigt, das ungefähr den Charme eines Siebziger-Jahre-Altenheimzimmers besaß. Die recht wirren Ornamente des PVC-Bodens ließen in mir die Angst aufsteigen, dass zu langes und genaues Betrachten dauerhafte Hirnschäden nach sich ziehen würde. Aber ich hatte mich auf das Unternehmen Auslandssemester eingelassen und wollte mir jetzt nicht von ästhetischen Bedenken die Laune verderben lassen. Meine Freunde samt Bruder verabschiedeten sich Richtung Heimat und ich erkundete zum ersten Mal die Stadt. Umea hat gut 110.000 Einwohner. Für deutsche Verhältnisse eher eine kleine Stadt, für ein Land wie Schweden, in dem insgesamt nur neun Millionen Menschen leben, aber durchaus ein Ort mit Metropolen-Charakter. Dieser Sonderstellung sind sich die Einwohner Umeas durchaus bewusst. Ehrfürchtig sprechen sie von ihrer Stadt als der Hauptstadt des Nordens. Ansonsten zeigt sich der durchschnittliche Umeaner eher bescheiden. Ganz nett sei es doch in dem Ort, der direkt an der Ostsee liegt. "Man kann es hier schon aushalten", ist dementsprechend die Antwort der meisten Einwohner auf die Frage, wie es ihnen in Umea gefalle. Und wie lebt es sich hier im Winter, wenn sich die Sonne nur für ein paar Stunden zeigt? Auch das überlebt man, versicherte mir ein Schwede. Schließlich mache der viele Schnee, der ab Oktober falle, alles ein wenig freundlicher. Zwei Tage nach meiner Ankunft in Umea begann für mich auch das Leben an der Universität. Einführungswoche stand auf dem Programm. Schließlich musste 120 Erasmusstudenten aus aller Herren Länder erklärt werden, was und wie sie an der Universität studieren konnten. Eine Woche hieß es Stundenpläne zusammenstellen, den Campus erforschen und sich untereinander besser kennenlernen. |
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So gerüstet startete ich, zusammen mit den übrigen Austauschstudenten, ins Wintersemester. Ich hatte mir vorgenommen in Schweden mein Studienelement Soziologie voran zu treiben und hatte mich für zwei Seminare eingetragen. Daneben belegte ich noch zwei Schwedischkurse und ein Englischseminar. In Schweden studiert es sich anders als in Deutschland. Ein komplett belegtes Semester besteht aus vier Seminaren oder 20 Creditpoints. Das besondere am schwedischen System ist nun die Tatsache, dass diese Seminare nicht das gesamte Semester parallel laufen, sondern in Blöcken hintereinander absolviert werden. Das heißt: Die ersten vier Wochen hatte ich nur ein Seminar, dafür aber mehrmals die Woche. Nach Abschluss des Kurses begann der nächste. Und in diesem Turnus ging es bis zum Ende des Semesters weiter. Prinzipiell sind alle Seminare in Schweden mit einer viel kleineren Anzahl von Studenten belegt als in Deutschland. Maximal 15 Studenten werden in eine Veranstaltung aufgenommen. Melden sich mehr an, wird ein weiteres Seminar angeboten.
Über meine Zeit in Schweden außerhalb der Universität lässt sich viel Gutes und einiges Skurriles sagen. Eins vorweg, der Schwede an sich braucht Zeit um sich an Fremdes zu gewöhnen. Ein Schwede, den ich während meines Aufenthalts kennenlernte, sagte mir später: "Je weiter du in den Norden kommst, desto mundfauler und einsiedlerischer werden wir. Aber wenn man uns Zeit zum Auftauen gibt, werden wir eigentlich ganz nett." Stimmt. Wer behauptet, nur Südländer verständen es zu feiern, war definitiv noch nie in Skandinavien. Alle Studenten, die unterhalb der Woche diszipliniert in der Bibliothek oder an ihren Schreibtischen gesessen haben, lassen freitags Punkt drei Uhr ihre Stifte fallen. Dann nämlich beginnt im Universitäts-Café das Treffen zum efter-plugga, was frei übersetzt soviel heißt wie: "Treffen nach dem Lernen". Dann gibt es Bier und Pizza satt. Eine Stärkung für das Party-Wochenende, das den meisten Studenten nun bevorsteht. Dass die Schweden auf Partys dann so seltsames Essen wie Sill, gegorener Fisch aus der Dose, mitbringen, muss man verzeihen können.
Vielleicht entwickeln sich solch ungewöhnliche Essensgelüste aber auch von selbst, wenn man als Schwede für ein paar Monate die Sonne nur sporadisch sieht. Der menschliche Körper sucht schließlich die merkwürdigsten Wege, um Fehlendes zu kompensieren. Ich selber konnte allerdings auch in den kalten und dunklen Monaten, also der Zeit nach September, keinen Drang verspüren, Fisch aus der Dose zu essen, der schon so roch als sei er bereits einmal jemanden durch den Magen gewandert. Nur damit deutlich wird, wie unangenehm Sill riecht und wahrscheinlich auch schmeckt: das Verwaltungsgericht Köln hat vor einigen Jahren festgelegt, dass das Öffnen einer Dose Sill im Hausflur zur Kündigung des Mieters führen kann. Die rheinische Toleranz getreu dem Motto: "Jeder Jeck ist anders" findet also zumindest geruchstechnisch bei Sill sein Ende. Die Dunkelheit machte mir wenig zu schaffen. Ich fand es eher amüsant, dass es Tage gab, an denen ich nicht ein Mal die Sonne gesehen habe, aus dem einfachen Grund, weil ich zu lange geschlafen hatte. Die Kälte traf mich schon härter. Auch wenn der Zwiebellook ein bewährtes Rezept darstellt, ab minus 15 Grad hilft auch der dritte Pullover nicht mehr. Vor allem die Füße betreffend sind der Lagentechnik natürliche Grenzen gesetzt. Ab dem vierten Paar Socken passte ich einfach nicht mehr in meine Schuhe. Aber kälter als minus 15 Grad wurde es auch selten, dass muss hier ganz ehrlich gesagt werden.
Viel zu schnell musste ich mich Ende Dezember wieder von Umea verabschieden, gute neue Freunde zurücklassen und der schwedischen Landschaft Lebewohl sagen. Doch für mich steht fest, mich hat Schweden nicht das letzte Mal gesehen.
Von Vera Giese |