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"Polaroid" gegen das Vergessen

Eine rückwärtslaufende Uhr.
Verwirrung der Zuschauer: die Szenenfolge von "Memento" läuft rückwärts ab.
Ein grausamer, blutiger Mord, aufgezeichnet auf einem Polaroid-Foto. Die Hand, von der die Aufnahme gehalten wird, schüttelt es, doch die Farbe des Sofort-Bildes verblasst, bis das Foto leer ist. Es wird vom Fotografen zurück in die Kamera gesteckt. Das Foto schnellt in den Apparat zurück, erst dann blitzt die Kamera, die kurz darauf unter dem Mantel des blonden Mannes verschwindet. An der Wand fließt das Blut hoch statt herunter. Auch der tödliche Schuss und damit der Mord laufen rückwärts. Die erste Szene des Films "Memento" ist so verwirrend wie der Thriller selbst.


"Memento" ist anders als andere Filme. "Memento" ist innovativ, geheimnisvoll und regt zum Nachdenken an. Christopher Nolan, Regisseur des Thrillers, versetzt seine Zuschauer in dieselbe Lage wie die Hauptfigur, Leonard Shelby, gespielt von Guy Pearce ("Time Machine", "L.A. Confidential"). Leonard leidet nämlich seit dem Tag, an dem er von einem der beiden Mörder seiner Frau niedergeschlagen wurde, am Versagen seines Kurzzeitgedächtnisses. Was noch fünf Minuten zuvor passiert ist, hat er schnell vergessen, und er weiß demnach nicht, warum er was macht und wer die Menschen um ihn herum sind. Dadurch, dass der Handlungsstrang des Films rückwärts läuft, wird auch dem Zuschauer zunächst nicht klar, was in Leonards Leben eigentlich abläuft.


Erinnerung durch Tattoos

Leonard Shelby fand seine Frau ermordet im Badezimmer auf. Einen der beiden Mörder konnte Leonard erschiessen, bevor ihn der andere hinterrücks niederschlug. Seitdem kann Leonard neue Erinnerungen nicht mehr speichern, denn dieser Schlag traf ihn genau auf den Kopf. Leonards Welt ist für ihn nun ein einziges, dunkles Mysterium, wie ein Alptraum, in dem er keinen Zusammenhang, keinen Ausweg findet aus der ewigen Umnachtung des Ungewissen.

Einzige Fluchtpunkte, die ihm etwas Erinnerung verschaffen, sind Tätowierungen, die er sich teilweise selbst sticht, Notizen und besagte Polaroid-Fotos, die ihm Aufschluss über unbekannte Orte, Personen und Ereignisse geben sollen. Leonard kann schließlich nur noch sich selbst trauen, denn er weiß nicht, wer die Menschen sind, die ihn umgeben. Er kann nicht sagen, ob er an dem Ort, an dem er plötzlich aufwacht, schon einmal gewesen ist.


Rache als Ziel im Nebel des Vergessens

Wovon er aber mit Sicherheit weiß, ist seine Aufgabe: Rache an dem Mörder seiner Frau. Denn der Anblick seiner sterbenden, vergewaltigten Frau ist zugleich seine letzte Erinnerung. Mit dieser Mission streift er von Ort zu Ort und nutzt jeden Tipp, den er über den geheimnisvollen "John G.", den er für den Mörder hält, bekommt. Natalie und Teddy (Carrie-Anne Moss und Joe Pantoliano, beide bekannt aus "Matrix"), die ihm eigentlich ebenfalls unbekannt sind, scheinen ihm dabei willkommene Hilfen zu sein. Oder nutzen sie seine missliche Lage nur aus? Kann er ihnen trauen oder ist er tatsächlich vollkommen auf sich selbst gestellt? Mit jeder weiteren Szene, die eigentlich Entstehungsgeschichte der vorangegangenen Szene ist, wird dem Zuschauer mehr und mehr klar, wie düster und verloren Leonards Leben wirklich ist. Seine bedauernswerte Existenz wird nur noch von Rachegedanken aufrecht erhalten. Dunkle Wahrheiten bestimmen sein Dasein, von denen er nie etwas erfahren wird.


Zwei Handlungsstränge für noch mehr Verwirrung

Eigentlich hat der Film zwei Erzählstränge, zu unterscheiden durch die verschiedenen Aufnahmeformen. Die Hauptgeschichte, um die es in "Memento" geht, ist in Farbe gedreht und läuft rückwärts - im weitesten Sinne. Denn es sind eher die einzelnen Szenen, deren Anordnung in falscher Reihenfolge gewählt ist. Würde der ganze Film rückwärts gespielt werden, könnte man Dialoge und Sinn des Films nicht verstehen.

Die zweite Story des Films dreht sich ebenfalls um Leonard Shelby und verläuft in chronologisch korrekter Reihenfolge, ist aber in Schwarz-Weiß gedreht. Er sitzt in irgendeinem Hotel und telefoniert mit einem Unbekannten. Bei diesem Telefonat, aus dem über den ganzen Film verteilt Ausschnitte gezeigt werden, erzählt Leonard durchgehend die Geschichte eines früheren Klienten. Denn Leonard war vor seinem Unfall Ermittler für Versicherungsbetrug. Sein Klient Sammy Jankis litt, wie Shelby nun selbst, an Amnesie. Leonard sollte seinen Versicherungsanspruch überprüfen. Um dem Film nicht zuviel vorweg zu nehmen, sei nur soviel verraten, dass Sammy Jankis´ Geschichte für Leonard im weiteren Verlauf des Films noch von Bedeutung sein wird.


Teilnahme an Leonards Schicksal

Dieser etwas andere Film, gedreht in nur 25 Produktionstagen, basiert auf Jonathan Nolans Kurzgeschichte "Memento mori" (zu dt. etwa: "Bedenke, dass du sterben musst"). Christopher Nolan hat die Kurzgeschichte seines Bruders intelligent in Szene gesetzt. Die besondere Art, wie der Film zusammen geschnitten wurde, versetzt das Publikum in die Lage des Protagonisten Leonard Shelby und lässt es somit an seinem Schicksal teilhaben. Immer wieder fragt man sich, was Schein ist und was Wirklichkeit. Wieviel von dem, was hier behauptet wird, entspricht der Wahrheit? In welchem Zusammenhang stehen die Personen und Orte mit Leonard? Was hat er bereits erlebt, wovon er nichts mehr weiß? Vor allem aber, was hat er getan, was er besser nie erfahren sollte?

Unterstützt wird dieser mysteriöse Film durch die düstere Musik, die den ganzen Film wie einen unklaren Alptraum wirken lässt. Genauso muss es schließlich auch Leonard Shelby vorkommen, der durch seine nicht vorhandenen Erinnerungen immer wieder in irgendeinem Hotelzimmer aufwacht und nicht weiß, warum er hier sitzt und was das alles zu bedeuten hat.

Unter anderem schildert folgende Szene, wie groß Leonards Gedächtnisproblem tatsächlich ist. Leonard rennt vor irgend etwas davon. Doch er weiß nicht, warum und vor was oder wem er flüchtet. Während dieser Flucht hat er seine vorangegangenen Erlebnisse vergessen und merkt erst, dass er in Gefahr ist, als ein Schuss fällt. Doch auch hier soll nicht zuviel vorweg genommen werden. Wichtig ist, dass durch das Mittel der rückwärtigen Szenenanordnung auch der Zuschauer zunächst nicht weiß, warum Leonard flüchtet. Erst im weiteren Filmverlauf werden diese und auch andere Szenen aufgeklärt.


Anregung zum Grübeln

Christopher Nolan ist mit diesem Film ein wirklich intelligenter Streifen gelungen, der selbst nach seinem Ende noch nicht alle Geheimnisse preisgibt. In viel zu vielen Filmen kennt der Zuschauer schon lange vor dem Ende den Ausgang der Story. Doch "Memento" wird auch nach mehrmaligem Ansehen noch immer die Gedanken fesseln und zum Nachdenken anregen. Ein Film also für alle, die geheimnisvolle Thriller mögen, über die man erst einmal grübeln muss, um den Zusammenhang verstehen zu können. Auf Listen, die unter dem Titel "Muss man gesehen haben" laufen, darf "Memento" keinesfalls fehlen.



Autor und Foto: Alexander Kohl

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Redaktion
sb2365
20.07.2007 13:10
 

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