"Jazz ist anders" - Die Ärzte sind zurück
Zum Konzertbericht: 26.11.2007 Frankfurt Festhalle – ein Abend mit jeder Menge Spaß
Sie sind laut, sie sind schräg, sie sind so gut wie eh und je. Sie sind die "Beste Band der Welt"! "Die Ärzte" aus Berlin ("auuuus Beeerliin!"), bestehen aus Gitarrist Farin Urlaub, Schlagzeuger Bela B. und Bassist Rod Gonzales. Sie sind die beliebteste Funpunkband Deutschlands. Nach über 25 Jahren sind sie nicht aus der Musikszene und von der Bühne wegzudenken, geschweige denn von dieser herunter zu bekommen.
Auch wenn sie sich selbst mittlerweile mit einem Augenzwinkern als "alte Säcke" bezeichnen, ist ihr Humor doch immer noch so erheiternd und bissig, wie man ihn von ihnen kennt und liebt.
Nach drei Jahren fast schon beängstigender Stille um die Band und diversen Solo-Projekten der einzelnen Mitglieder, erschien endlich das neue Album "Jazz ist anders" am 02.11.2007. Und wieder einmal zeigt sich, dass "Die Ärzte" mit ihren Texten immer voll ins Schwarze treffen, sowohl bei der älteren Generation, als auch bei jungen Musikfreunden: Die erste Single-Auskopplung "Junge" beschreibt beispielsweise die elterliche Verzweiflung über einen den gesellschaftlichen Konventionen nicht ganz gehorchenden Sohn. Dieser Song spricht nicht nur vielen Eltern in Deutschland aus der Seele, sondern nimmt auch ihr Verhalten auf die Schippe mit Zeilen wie "Junge – es ist noch nicht zu spät dich an der Uni einzuschreiben!"
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Auf ihren Konzerten sind mittlerweile mehr als nur eine Generation vertreten. Trotz des "fortgeschrittenen Alters" des lustigen Trios (eigentlich sind sie ja alle erst Anfang Vierzig). In diesem Sinne konnte man in der Frankfurter Festhalle am 26.11.07 und beim Zusatzkonzert eine Woche später im Rahmen der "Es wird eng"–Tour auch hautnah miterleben, wie Alt und Jung einträchtig nebeneinander herumsprangen und lauthals die alten Kultsongs aus den 80ern sowie die neuen Hits mitsangen. Denn trotz neuer Platte ließen es sich "Belafarinrod" nicht nehmen, mit Liedern wie "Westerland" oder "Zu spät" die Halle zum Kochen zu bringen. Ebenso konnten sie es nicht unterlassen, durchgeknallte Ansagen zu bringen und unsinnige Gespräche untereinander zu führen. Außerdem gehört zu einem Ärzte-Konzert auch mindestens eine witzige Mitmach-Aktion, wie beispielsweise eine "Sitz-La-Ola", bei der das Publikum erst wieder beim Refrain aufspringen darf. Bemerkenswert an der selbsternannten "Besten Band der Welt" ist die Einzigartigkeit ihrer Live-Auftritte. Sie versprechen nicht nur jede Menge Spaß, sondern bieten auch großartige Songs aus über 25 Jahren. Verschiedene spontane Umdichtungen der Texte und die meist sinnfreie Konversation miteinander und dem Publikum tragen ihr Übriges dazu bei. So kann man davon ausgehen, dass die Fans immer eine völlig neue Show geboten bekommen und dennoch alle mit derselben Begeisterung nach Hause gehen. |
26.11.2007 Frankfurt Festhalle – ein Abend mit jeder Menge Spaß
Als Ärzte-Veteranen konnten wir beide uns auf Farins Frage hin, wer aus dem Publikum schon während der 80er Jahre "Die Ärzte" gehört habe, melden. Wir zählten zu den wenigen, die dazu in der Lage waren. Als er wissen wollte, wer schon per Ultraschall in dieser Zeit ihre Musik gehört habe, hoben ebenfalls nur wenige die Hand. Amüsiert darüber, wie jung doch mittlerweile ihr Publikum sei, begannen sie ihr nächstes Lied. In der Tat konnten wir uns mit unseren 24 Jahren schon zu den ältesten Konzertbesuchern rechnen. Es war ziemlich seltsam, in einer Masse pubertierender Mädchen und zwischen ein paar Jungs zu stehen, bei denen sich der erste Bartwuchs zart abzeichnete. Dies tat jedoch unserer Stimmung keinen Abbruch. Im Gegenteil, es verschaffte uns Genugtuung zu sehen, dass wir, die schon vor zehn Jahren Ärzte-Konzerten engegengefierbert hatten, bei älteren Liedern textsicherer waren als der Neuzugang.
Doch beginnen wir von vorne: Unser Plan war, so früh wie möglich in Frankfurt anzukommen, so lange wie nötig im Regen, Schnee, oder was sonst noch in der Wettervorhersage auftauchte, auszuharren, um unter den Ersten zu sein, die eingelassen wurden. Bis auf die Tatsache, dass es trocken blieb und der "Wettergott" (es gibt übrigens nur einen Gott: "Belafarinrod") uns verschonte, ging der Plan auf. Allerdings wollen wir nicht wissen, wie lange diejenigen, die unbedingt in die erste Reihe wollten, schon in der Kälte gestanden haben mussten, als wir ankamen. Nach einem kurzen Sprint von der Eingangshalle zur Bühne, gelang es uns, in der vierten bis fünften Reihe (so genau kann man das ja nie ausmachen), unmittelbar vor der Bühne und auf der Höhe, auf der Rod später in etwas auftauchen sollte, stehen zu bleiben. Zum Glück waren wir auf dieser Seite, wie später Bela höhnisch verlauten ließ, denn diejenigen, die vor Farin stünden, könnten möglicherweise durch seine feuchte Aussprache etwas nass werden.
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Ab jetzt war Stehenbleiben das ultimative Stichwort, denn es bedurfte einiger Erfahrung in der Ellenbogentechnik, um auch wirklich seinen Platz zu verteidigen: Mal wurden wir einen Meter nach links, dann einen Meter nach rechts geschoben. Ein besonders großer und kräftiger Mann direkt vor uns, kam während dieser Prozedur schon vor dem Konzert dem Boden erheblich näher. Allmählich machten sich bei uns zugleich Erheiterung und Zweifel bei der Frage breit, wie wir das erst überstehen sollen, messen wir beide doch gerade mal 1, 65 Meter. Ansonsten wurde uns mit Sprechgesängen, die sich meist gegen die Zuschauer auf der Tribüne richteten, ("Scheiß Tribüne!" ist schon seit "Rock am Ring" ein Ärzte-typischer Gesang) die anderthalb Stunden bis zum Konzertbeginn versüßt. |
20.10 Uhr: endlich, die ersten Töne erklingen!
In alter Ärzte-Manier konnte man die Band zu Beginn des ersten Liedes nicht sehen, erst gegen Ende fiel der Vorhang.
Schon während des ersten Stücks wurde unsere mittlerweile übermäßig kuschelig gewordene Zweisamkeit zerstört: Nach wenigen Takten wurden wir von der Pogo tanzenden Masse mehrere Meter auseinander gerissen. Fortan galt es, irgendwie alleine zu versuchen, stehen zu bleiben, ohne sich an der Anderen festhalten zu können.
In den folgenden drei Stunden setzten "Die Ärzte" mit 38 Liedern alles daran, ihr Publikum zur Erschöpfung zu bringen. Was ihnen auch gelang. Nach noch zwei Zugaben war jeder froh und glücklich, jedoch ziemlich erschöpft.
Was wurde uns geboten?
Neben Songs aus dem neuen Album (selbstverständlich inklusive "Junge") und natürlich "Westerland" sowie "Zu spät", den beiden Klassikern, brachte die Gruppe den Vegetariersong "Ich ess Blumen". Weiterhin kamen wir in den Genuss von Bela B.s "Der Graf", dem gleichzeitig süßen wie grotesken Lied "Anneliese Schmidt" und "Teenagerliebe".
Eine besondere Einlage des Konzertes stellte das "Wunschlied" dar: Eine wahllos auserkorene Person aus dem Publikum durfte auf einer Kinder-Zeichentafel, die "Die Ärzte" ihren Security-Männern geklaut hatten, ihr persönliches Wunschlied aufschreiben, welches sie anschließend spielten. Die ultimativen Knaller wie "Geschwisterliebe", "Elke" oder "Rock Rendez-vous" waren leider schon bei vorherigen Konzerten genannt worden und durften somit nicht mehr gewählt werden.
Jedoch ein großes Lob an die Auserkorene: Sie wünschte sich das Stück "Friedenspanzer", das 1993 auf dem Album "Die Bestie in Menschengestalt" erschienen ist. In uns wurden Erinnerungen wach. Wie oft hatten wir doch, damals gerade zehnjährig, dieses Lied bei jedem Hören laut mitgegrölt!
Dies waren nicht die einzigen Höhepunkte des Konzertes: "Die Ärzte" unterließen es auch nicht, klar zu stellen, dass sie den hessische Ministerpräsident Roland Koch nicht mögen, dafür jedoch Heinz Schenk für den größten Hessen halten.
Immer wieder wurde auch das, von ihnen als lahm bezeichnete und dadurch angestachelte, Publikum zum Einsteigen in die unsinnigsten Aktionen animiert. "La-Ola-Fetischist" Farin heizte die Menge stets neu an, "La-Ola-Wellen" von vorne nach hinten und wieder zurück, mit Stinkefinger oder, im Dunkeln, mit Feuerzeug und Handylicht zu fabrizieren. Amüsant waren auch die die diversen Übungen, die das Publikum bei der "Sitz-La-Ola" zu vollführen hatte, in Anspielung auf den Ärzte-Auftritt bei "Rock am Ring 2007".
Neugierig?
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Alle Hessen, die jetzt neugierig geworden sind oder bereits zu den "Ärzte-Begeisterte" zählen, aber keinen Termin in Frankfurt wahrnehmen konnten, sollten es nicht versäumen, das irre Trio auf dem Hessentag in Homberg (Efze) am 15.06.08 zu erleben (natürlich gilt das auch für alle Fans, die schon in Frankfurt, vielleicht sogar auf beiden Konzerten, gewesen sind!). Die Karte kostet 29 Euro und ist ohne Frage jeden Cent wert! Versprochen! Denn dort wird die "Beste Band der Welt" die Massen wieder, wie sie es nennen, "zu Brei rocken"! Rod loves you!
Von Janina Vahrenholt und Nastasja Becker
Alle mit * gekennzeichneten Bilder entstammen mit freundlicher Genehmigung der "Ärzte" ihrer offiziellen Band-Homepage www.bademeister.com und wurden am 31. Dezember 2007 in Köln aufgenommen. |