Auf Stein gewachsen statt auf Sand gebaut - Lucca im Norden der Toskana
|
Pisa, Florenz und Siena, Zypressen im Chianti-Gebiet – das verbindet der Italien-Reisende mit der Toskana. Doch nordwestlich dieser Touristenzentren liegt eine der bedeutendsten historischen Städte der Region, die sich ihren ursprünglichen Charme bis heute bewahrt hat. Ein Reisebericht
Wir kommen aus Südosten. Die Autostrada 11 führt von Florenz in Richtung Versilia-Küste. Unser Ziel ist weder Pisa mit seinem berühmten Campo dei Miracoli noch der Strand von Viareggio oder Livorno. Wir sind auf dem Weg nach Lucca, der Stadt mit dem angeblich besten Olivenöl Italiens. Der Besuch lohnt sich nicht nur für Freunde der mediterranen Küche. Was wir auf der Fahrt noch nicht ahnen: Am Ende des Tages wird diese Stadt einen tiefen Eindruck hinterlassen und unser Toskana-Bild nachhaltig verändert haben. In ihren mittelalterlichen Gassen haben wir Geschichte und Flair der Region erlebt - ohne uns als Touristen zu fühlen.
|
Wechselvolle Geschichte – obligatorisch für HistorikerAus der heutigen Größe der Stadt lässt sich ihre geschichtliche Bedeutung kaum erahnen: Mit rund 85000 Einwohnern ist Lucca nur wenig größer als Gießen. Aber Lucca ist alt, es wurde schon in vorrömischer Zeit gegründet. Von wem ist unklar: archäologische Funde weisen auf keltische und ligurische Ursprünge hin. Namensgeber waren wohl die Ligurer, die mit "luk" einen Sumpf bezeichneten. Im fünften Jahrhundert v. Chr. kamen die Etrusker, 200 Jahre später die Römer. 56 v. Chr. sollen sich in der nun "Colonia Luca" genannten Siedlung Caesar, Pompeius und Crassus getroffen haben, um ihr Triumvirat zu beschließen. Nach dem Untergang des Römischen Reiches kamen die Goten und die Langobarden. Sie erhoben Lucca offiziell zur Hauptstadt der Provinz Tuscia – bis die Karolinger diesen Titel im 11. Jahrhundert an Florenz vergaben. Bis ins hohe Mittelalter galt Lucca als größte und wichtigste Kommune der Toskana. Das Handwerk, vor allem die Seidenverarbeitung, sowie der Handel florierten und brachten der Stadt Wohlstand. Dieser weckte Begehrlichkeiten - vor allem bei den Pisanern, mit denen die Luccheser eine lange Feindschaft pflegten. Unter der Herrschaft des berüchtigten Castruccio Castracani befand sich Lucca Anfang des 14. Jahrhunderts auf dem Höhepunkt seiner wirtschaftlichen und politischen Macht. Eine schwere Wirtschaftskrise veränderte auch die politische Gestalt: 1369 wurde Lucca Stadtrepublik. In der folgenden Zeit verteidigte Lucca erfolgreich seine Unabhängigkeit – in erster Linie gegen Florenz. Ein bemerkenswerter Erfolg, denn es blieb schließlich die einzige toskanische Stadt, die nie in den Machtbereich der Medici gelangte. Erst 1799 wurde dieses Kapitel Luccheser Geschichte von Napoleon Bonaparte beendet. Er machte Lucca zum Fürstentum - und seine Schwester Elisa Baciocchi zur Fürstin. Der Wiener Kongress sprach 1814 die kleine, aber wohlhabende Kommune dem bourbonischen Herzogshaus von Parma zu. Nach einem kurzen Intermezzo habsburgischer Herrschaft wurde Lucca schließlich 1861 in das Königreich Italien eingegliedert. Zum Anfang ↑ Lucca heute - grüne Festung
|
Heute ist Lucca Provinzhauptstadt und ein bedeutender Standort für die Papierindustrie. Auch Zigarren, Pflanzen und das bereits erwähnte Olivenöl werden in der Region hergestellt.
Das Stadtbild Luccas bestimmt ein gigantischer Festungswall. Zwölf Meter hoch und im Fundament ebenso breit umschließt das Bollwerk die gesamte Altstadt. Anfang des 16. Jahrhunderts sollte die Anlage zum Schutz vor den Florentinern dienen. Bis zur Fertigstellung vergingen mehr als hundert Jahre. Danach wurde das Bauwerk nie zur Verteidigung benötigt – zum Glück. Die geschickte Diplomatie bewahrte der kleinen Stadtrepublik nicht nur ihre Unabhängigkeit, sondern verschonte sie auch vor Kriegszerstörung.
|
Heute erfüllt die Befestigungsanlage andere Zwecke: Die Bastionen und internen Räume des komplexen Wehrsystems beherbergen Ausstellungen und ein internationales Studienzentrum. Mit ihrer üppigen Begrünung bildet die Mauer den schmückenden Rahmen der Altstadt - und dient den Lucchesern als baumbestandene Flaniermeile. Ein Spaziergang, besser noch eine Radtour, auf dem rund vier Kilometer langen Wall ist ein absolutes Muss – von hier aus genießt man einen herrlichen Ausblick auf die Altstadt mit ihren zahlreichen Kirchen und Palazzi. Zum Anfang ↑ Sehenswürdigkeiten: Kirchen, Kunst und KuriosesImposant ist der Dom San Martino. 1060 wurde die Kathedrale von Bischof Anselmo da Baggio gegründet. Der Bischof wurde ein Jahr später Papst Alexander II., der Dom wurde 200 Jahre später vollständig umgebaut. Neben zahlreichen anderen Kunstschätzen birgt er in seinem Inneren das Volto Santo. Das Kruzifix soll ein authentisches Christusbild darstellen und vom heiligen Nikodemus zur Zeit der Kreuzigung geschnitzt worden sein. Seinen Weg von Palästina nach Lucca fand das „Heilige Antlitz“ angeblich im 8. Jahrhundert auf einem unbemannten Schiff und einem führerlosen Ochsenkarren. Wissenschaftler stellten fest, dass es sich um eine Kopie aus dem 13. Jahrhundert handeln muss. Dennoch wird das Volto Santo als Gnadenbild verehrt und ist Ziel von Pilgerreisen. Archäologie-Begeisterte sollten unbedingt einen Abstecher in die Kirche Santi Giovanni e Reparata einplanen, die sich in unmittelbarer Nähe befindet: In Ausgrabungen wurden verschiedene Schichten des Kirchengebäudes freigelegt, an denen die Entwicklung vom heidnischen Tempel zur Basilika ablesbar ist. |
Sehenswert ist auch die romanische Kirche San Michele in Foro. Ihre gewaltige Westfassade wird von einer Statue des Erzengels Michael gekrönt und vermittelt einen Eindruck von der einstigen Bedeutung Luccas. 1070 wurde mit dem Bau begonnen, doch nach Fertigstellung der reich geschmückten Fassade ging den Bauherren das Geld aus. So musste das Gotteshaus deutlich kleiner und bescheidener vollendet werden.
Direkt an der Stadtmauer liegt die Basilika San Frediano. Auch sie wurde mehrfach umgestaltet und ausgebaut. Hier gibt es ein prächtiges Fassadenmosaik aus dem 13. Jahrhundert zu bewundern, das die Himmelfahrt Christi in einer von Engeln getragenen Mandel zeigt. Unerschrockene können im Innenraum eine Mumie aus dem gleichen Jahrhundert ansehen: die Gebeine der heiligen Zita, Schutzpatronin der Zimmermädchen. Bemerkenswert ist hierbei, dass die Leiche vollständig erhalten ist. Üblicherweise werden Reliquien in kleineren Einheiten angeboten. So sind Körperteile der heiligen Katharina, Schutzpatronin Italiens, über das ganze Land verteilt. In der Kirche San Domenico in Siena kann man übrigens ihren Kopf besichtigen.
Wenige Schritte weiter auf der Stadtmauer fällt eine aufwändig gestaltete Gartenanlage aus dem 18. Jahrhundert ins Auge. Sie gehört zum Palazzo Controni-Pfanner und kann besichtigt werden. Für Freunde des gestylten Grüns empfiehlt sich zudem ein Besuch im Giardino Botanico und in den Gärten der Villa Bottini.
Grüne Oasen gibt es viele in Lucca – selbst an den ungewöhnlichsten Orten. Auch die Steineichen auf dem Dach des 44 Meter hohen Torre Guinigi kann man besuchen – und von oben einen atemberaubenden Ausblick über den mittelalterlichen Stadtkern bis zu den Apuanischen Alpen genießen.
Video-Clip: Auf dem Torre Guinigi
|
|
Und wie kamen die Eichen auf den Turm? Kein Reiseführer verrät uns die Antwort. Der Verkäufer in der Buchhandlung nahe der Porta dei Borghi weiß mehr: Die Eichen wurden im 15. Jahrhundert als Teil eines Hängegartens dort gepflanzt. Türme repräsentierten im Mittelalter häufig die Macht ihrer Besitzer. Über 130 davon sollen einst das Stadtbild von Lucca geprägt haben. Die meisten wurden vermutlich in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts geschleift, um Baumaterial für Castruccio Castracanis Festung Augusta zu liefern. Der Turm der Familie Guinigi blieb verschont; er erinnert heute an die Adelsfamilie, unter deren Herrschaft Lucca von 1400 bis 1430 in Frieden und Wohlstand lebte. Zum Anfang ↑
Entdeckungstour durch die Gassen der Altstadt
Wieder zurück auf dem Kopfsteinpflaster der weitgehend autofreien Altstadt, führt uns der Weg in die Haupteinkaufsstraße Luccas, die Via Fillungo. Nach dem Touristengewimmel auf den überfüllten Plätzen und Straßen in Florenz frage ich mich erstaunt: Ist das hier noch die Toskana? Ja, das ist sie noch, aber urwüchsiger. Das Umland ist bergiger und waldreicher, die Region weniger touristisch erschlossen. Um die Mittagszeit sind die Straßen fast menschenleer, kein Geschäft hat geöffnet. Siesta. Erst am späten Nachmittag erwacht wieder das Leben.
Wir nutzen die Zeit für eine Pause im "Antico Caffè di Simo", dessen köstliche Pasticcherien-Auslage uns magisch anzieht. Innen fühlt man sich in vergangene Zeiten zurückversetzt: Die Einrichtung stammt aus dem 19. Jahrhundert, und es hätte mich nicht verwundert, wenn Giacomo Puccini zur Tür hereingekommen wäre. Schließlich war dies sein Lieblingscafé. Der Opernkomponist war ein Sohn der Stadt; sein Geburtshaus liegt unweit der Kirche San Michele in Foro. Dort steht auch der Flügel, auf dem er "Turandot" komponierte.
Nach Verlassen des Cafés hält der Eindruck an: Wir fühlen uns in eine andere Zeit versetzt. Die Läden in der Via Fillungo werben mit historischen Fassaden; Leuchtreklamen sucht man meist vergeblich. Vereinzelte Jugendstil-Ornamente muten beinahe modern an. In urigen Alimentari kann man sich mit Olivenöl, Käse und Wein aus der Region versorgen – oder unzählige Sorten Focaccia probieren. Feinschmecker kommen in Luccas Altstadt auf ihre Kosten. Besonders vor süßen Verlockungen ist man hier nirgends sicher. Typische Luccheser Gebäckspezialitäten sind Castagnaccio, ein Kastanienkuchen, und Buccellato, ein Hefekranz mit Anis und Rosinen. Meine persönliche Empfehlung gilt jedoch den hausgemachten Schokoladen-Leckereien bei "Caniparoli". Zum Anfang↑
Im Zeitraffer: Von der römischen in die napoleonische Zeit
|
Der Bummel durch die mittelalterlichen Gassen endet auf einem großen ovalen Platz. Die Form der Piazza Anfiteatro oder Piazza del Mercato ist kein Zufall: Auch sie ist auf Stein gewachsen, genauer gesagt auf den Fundamenten des einstigen römischen Amphitheaters, das in der Völkerwanderungszeit zerstört worden war. Steinquader des Theaters kann man überall in Lucca finden; sie wurden als Baumaterial für Kirchen und Paläste recycelt. Ursprünglich hatten die Luccheser den Platz vollständig zugebaut. Erst 1830-1839 wurden die Häuser im Inneren des Ovals abgerissen und der Platz geschaffen. Tausende Tauben freuen sich… Rings um den Platz finden sich nicht nur Straßencafés und Eisdielen, sondern auch einige Läden für Kunsthandwerk. Keramik, Glas- und Kunstschmiedearbeiten oder Korbwaren haben in der Toskana eine lange Tradition – und in den Boutiquen der Piazza einen stolzen Preis. Gleiches gilt für die Antiquitäten, die hier ebenfalls feilgeboten werden. Auch wenn der Platz als einer der schönsten der Toskana gilt – die Luccheser treffen sich lieber auf der Piazza San Michele vor der Kulisse restaurierter mittelalterlicher Kaufmannshäuser. Zur Abendzeit leert sich die Piazza Anfiteatro. Dann verlagert sich das gesellschaftliche Leben in die unzähligen kleinen Lokale in den Seitengassen und auf die Piazza Napoleone vor dem Palazzo Ducale. Hier ist das frühe 19. Jahrhundert lebendig – gestaltet wurde der Platz nach Plänen der Schwester Napoleons, Elisa Baciocchi. Ihr verdanken die Luccheser auch die Baumbepflanzung auf dem Festungswall. Video-Clip: Piazza Anfiteatro |
Nacht der tausend Lichter –Luminaria di Santa Croce
Einmal im Jahr ist es in Lucca mit der Beschaulichkeit vorbei. Am 13. September wird die Reliquie Volto Santo in einer feierlichen Prozession bei Fackellicht durch die festlich illuminierte Stadt getragen. Dieses Schauspiel lockt alljährlich Scharen von Touristen an. Beleuchtet wird die Szenerie nicht etwa durch elektrische Lämpchen, sondern ausnahmslos durch Kerzen. Das Aufhängen und Entzünden der Lichter nimmt den ganzen Tag in Anspruch – und dokumentiert erneut das Traditionsbewusstsein der Stadtbewohner. Video-Clip: Luminaria di Santa Croce Lucca bietet nicht nur sehenswerte Kunst- und Baudenkmäler, sondern vor allem eine einzigartige, vollständig erhaltene historische Stadtstruktur. Der besondere Charme der Stadt liegt jedoch in ihrer Natürlichkeit. Der Schriftsteller Mario Tobino erklärt den Reiz Luccas so: "Die Luccheser haben etwas Außergewöhnliches vollbracht: sie haben es verstanden, ihre Stadt zu erhalten." In der Tat: Lucca gehört in erster Linie den Lucchesern. Man sagt den Bewohnern der Stadt nach, sie seien Fremden gegenüber wenig aufgeschlossen. Wir hatten nicht den Eindruck, dass Touristen als Störfaktoren empfunden werden. Aber anders als in Florenz oder Pisa sollte man schon einige Brocken Italienisch parat haben, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Um das besondere Flair der Stadt zu erleben, sollte man etwas Zeit mitbringen. Ein Tagesausflug reicht für die wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Doch die Atmosphäre ist die eigentliche Hauptattraktion. Wer mehr wissen möchte, findet hier die wichtigsten Informationen zum Reiseziel Lucca im Überblick. Weinberge und Olivenhaine - das Umland |
Und das Olivenöl? Das haben wir direkt beim Hersteller erstanden. In den Hügeln rund um die Stadt liegen zahlreiche Wein- und Olivengüter, die ihre Erzeugnisse direkt vertreiben. In einer solchen Fattoria im kleinen Dörfchen San Michele di Moriano haben wir nicht nur zahlreiche hauseigene Produkte verköstigt, sondern auch ein preiswertes und typisch toskanisches Quartier gefunden - Familienanschluss und drei Haustiere inclusive.
Wer im Urlaub Ruhe und Erholung in idyllischer Landschaft sucht, wird in den Colline Lucchesi, wie die umliegende Hügellandschaft genannt wird, schnell fündig. Ein großes Angebot an privaten Ferienunterkünften - von preiswert bis luxuriös - sowie die vielseitige Landschaft - von Strand bis Gebirge - machen die Region zum Geheimtipp. Reiseinformationen sowie einen Überblick über lohnende Ausflugsziele gibt es hier.
Video-Clip: Colline Lucchesi
Text und Fotos: Nicola Kowski
Weiterlesen:
Ein spannendes Kapitel Stadtgeschichte:
Castruccio Castracani - Söldnerführer und Herzog von Lucca