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You are here: Home Archiv UNIversum 2007 Winterdepressionen: Wie Dunkelheit das Seelenleben beeinflussen kann
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Winterdepressionen: Wie Dunkelheit das Seelenleben beeinflussen kann

Foto: Vahrenholt
Die Winterdepression ist heutzutage vor allem in Ländern mit langen und kalten Wintern eine ernst zu nehmende Erkrankung. Viele Menschen wissen allerdings nicht, sie von der allgemein eher schlechten Stimmung, die sie im Winter überfallen kann, zu unterscheiden. Denn tatsächlich reagiert jeder Mensch mehr oder minder auf das verkürzte Tageslicht und fühlt sich häufiger unwohl. Jedoch zeigen Menschen, die an Winterdepressionen leiden, dazu fast die selben Symptome wie "ganzjährig" Depressive. In der Forschung beschäftigt man sich eingehend damit, woher diese spezielle Form der Depression rührt und wie man sie in den Griff bekommen kann.


Was sind Winterdepressionen und wie äußern sie sich?

Es ist nicht zu leugnen, dass die kalte und dunkle Zeit des Jahres das menschliche Wohlbefinden beeinflusst. Wer kennt sie nicht, die Schwierigkeiten beim Aufstehen, die Müdigkeit am Tag, die Lustlosigkeit und vielleicht auch die vermehrte Unkonzentriertheit? Und wie oft hört man, wie sich die Mitmenschen über die Dunkelheit und Kälte beklagen und stimmt aus vollem Herzen zu, weil man sich selbst vielleicht gerade in einer vom Winter verursachten melancholischen Stimmung befindet?
Vielleicht stellt sich auch genau in diesem Moment die Frage, ob man an Winterdepressionen leidet, wobei dann doch dieser Ausdruck mehr ein Schlagwort oder Überbegriff für die meisten ist, die nicht wissen, wie sie sonst diese "Winterstimmung" benennen sollen. Nur die Wenigsten sind sich darüber im Klaren, dass die Winterdepression eine ernst zu nehmende Störung ist, an der tatsächlich zwei bis fünf Prozent der deutschen Bevölkerung leidet.

Melancholische Stimmungen im Winter sind zunächst bei den meisten Menschen als relativ normal einzuschätzen, denn in geringem Ausmaß  spürt jeder die Folgen des reduzierten Tageslichts. Zum natürlichen Verhalten des Menschen gehört es auch, im Winter etwas fauler und schläfriger zu sein und sich ein wenig Winterspeck anzufuttern. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass die Winterdepression als Krankheit für eine sehr lange Zeit nicht ernst genommen wurde, ähneln doch die Symptome dem ganz natürlichen Verhalten des Menschen.
Zwar haben Forscher schon früh heraus gefunden, dass in der kalten Jahreszeit mehr Menschen an Depressionen leiden, doch erst seit ungefähr zwanzig Jahren beschäftigen sich Psychologen und Neurowissenschaftler mit dem Phänomen, warum manche stärker von den Symptomen betroffen sind als andere. Erst 1984 nahm eine Forschergruppe des National Institute of Mental Health (NIMH) in den USA diese Krankheit genauer in Augenschein und gab ihr den Namen "Seasonal Affective Disorder", kurz SAD. Die Winterdepression ist also - wie die englische Bezeichnung schon sagt - eine saisonal Depression, die in sonnenverwöhnten Ländern fast unbekannt ist, während in Ländern mit langen Wintern auffällig viele Menschen daran leiden.

Neben Traurigkeit und der schon erwähnten Energielosigkeit gehören auch Gewichtszunahme und ein überdurchschnittlich gesteigertes  Schlafbedürfnis zu den gängigen Symptomen, doch die abnehmende Lebensfreude und die gedrückte Stimmung der SAD-Betroffenen sind wohl die einschlägigsten Ursachen dafür, dass man diese Störung als "Depression" bezeichnet. Menschen, die an SAD leiden, ziehen sich aus dem sozialen Leben zurück, können sich zu nichts aufraffen und verlieren die Lust an Sex. Sie fühlen sich ängstlich, leer und traurig. Hierin unterscheidet sich die Winterdepression eigentlich nicht von anderen Formen der Depression, der offensichtliche Unterschied liegt allein darin, dass SAD saisonal bedingt ist. Die Mehrheit der Betroffenen beginnt im Oktober/ November an, auffällig stark an den Symptomen zu leiden, und erst im März hebt sich ihre Stimmung wieder, wenn die Tage wieder spürbar länger werden. Die Schwermut verschwindet, als sei sie nie da gewesen.

Im Puncto Schlaf- und Essverhalten unterscheidet sich die Winterdepression von anderen, das ganze Jahr über zu beobachtenden Formen: Während ganzjährig Depressive oft noch stundenlang wach liegen und grübeln, schlafen SAD-Patienten überdurchschnittlich viel und leiden unter Anfällen von Heißhunger, der der depressionstypischen Appetitlosigkeit gegenüber steht. Dennoch machen Empfindungen von Schwäche und totaler Erschöpfung und das quälende Gefühl, nutzlos zu sein, SAD zu einer ernsthaften Form von Depression, bezeichnet als "endogene" Form: Der Betroffene befindet sich in einem Zustand nicht erklärbarer Spannung, Angst und Hilflosigkeit. Er fühlt sich "grundlos, aber von Grund auf verändert". Er empfindet die Krankheit als etwas, das ihm auferlegt wird, und er ist unfähig zu reagieren. Meist sind Depressive dennoch in der Lage, ihre Alltagsroutine fortzuführen, was sie für den Betrachter als normal erscheinen lässt. Doch für sie ist der Alltag eine Notwendigkeit, die sie nur schwer ertragen können, da bei ihnen Ängste vor den Anforderungen des Tages vorliegen, ebenso wie Perspektivlosigkeit und die Unfähigkeit, sich zu entscheiden. Die Depression generell ist eine Gemütskrankheit, bei einem Betroffenen ist die "Gestimmtheit" aller Gefühle nicht vorhanden. Wie bei einem Instrument, das nicht gestimmt wurde, ist es nicht möglich einen Klang zu erzeugen, was eine Herabgestimmtheit des ganzen Lebensgefühls mit sich bringt.

Woher kommen Winterdepressionen?

Foto: Vahrenholt

Für Menschen mit saisonaler Störung ist morgens beim Aufstehen die Welt noch in Ordnung, doch von Stunde zu Stunde geht es ihnen schlechter. Aber warum leiden manche Menschen an SAD und andere nicht?
Die Forschung hat mehrere Theorien zur Ursache von Winterdepressionen aufgestellt. Eine der frühesten und auch plausibelsten besagt, dass SAD durch mangelnde Lichteinwirkung hervorgerufen wird. Diese "Photoperiodenhypothese" beschreibt weiterhin die Vorstellung, dass die "innere Uhr", die die Körperfunktionen in einem bestimmten Tagesrhythmus steuert, darunter auch die Produktion des Schlafhormons Melatonin, bei einem Menschen mit saisonaler Störung durcheinander gerät. Wenn die Tage dunkler werden, wird bei SAD-Patienten eine verlängerte Melatoninausschüttung ausgelöst. Die  Produktion des Hormons hängt bei ihnen -  im Gegensatz zu nicht Betroffenen - von der Jahreszeit ab. Im Winter bleibt der Melatoninzyklus bei ihnen um etwa 38 Minuten länger im "Nachtbetrieb" als im Sommer, während jeder gesunde Mensch  das ganze Jahr über gleich lange das Schlafhormon freisetzt.

Erstaunlich an dieser Theorie ist die Tatsache, dass davon ausgegangen wird, dass unsere Vorfahren Homo Sapiens und Homo Erectus noch vollständig nach dem Rhythmus, den die  SAD-Patienten besitzen, gelebt haben sollen. Dieser Rhythmus ergab sich aus den natürlichen Umweltbedingungen, die sich auf den Organismus auswirkten. Das bedeutet, dass im Winter wegen knapper Nahrung (die durch die kurzen Hellphasen auch schwerer zu beschaffen war) der Körper auf den "Energiesparmodus" schaltete. Dies fürhrte zu einem vermehrten Schlafbedürfnis und unsere Vorfahren verloren das Interesse an anstrengenden Tätigkeiten, wie beispielsweise die Partnersuche und die Fortpflanzung.

Der Mensch ist heute von eben diesem Rhythmus kaum noch abhängig, da unsere Umwelt von künstlichem Licht wie einer einfachen Glühbirne erhellt wird. Die "innere Uhr" registriert das Kunstlicht als Zeichen, die Ausschüttung von Melatonin noch zu unterdrücken, auch wenn es schon dunkel und der "natürliche Tag" schon vorüber ist. Somit ist das menschliche Gehirn von der tatsächlichen Tagesdauer und letztendlich von der Jahreszeit unabhängig. Nicht so bei Winterdepressiven welche wie unsere Vorfahren das natürliche Signal für die wechselnde Jahreszeit (also die veränderte Zeitspanne zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang) registrieren. Sie nehmen künstliches Licht nicht als Sonnenlicht wahr.

Diese Theorie zur Erklärung von Winterdepressionen ist problematisch für die Forschung, da der Beweis fehlt, dass die verlängerte Melatoninsynthese tatsächlich die Ursache für Depressionen ist. Denn getestete Medikamente, die die Ausschüttung des Botenstoffes unterdrücken sollten, zeigten keine Wirkung. Deshalb war eine zweite Theorie vonnöten, die besagt, dass die "innere Uhr" bei SAD nicht nur länger im "Nachtmodus" tickt, sondern auch der echten Zeit und dem sommerlichen "Schlaf - Wach - Rhythmus" hinterher hinkt. Das wäre zu vergleichen mit einem Jetlag, bei dem eine solche Phasenverschiebung bekanntlich das Wohlbefinden so lange stark beeinträchtigt, bis sich die "innere Uhr" auf die neue Zeit eingestellt hat.
Menschen mit saisonaler Störung leiden also sozusagen an einem ständigen Jetlag, da die Melatoninsynthese nicht nur länger dauert, sondern auch im falschen Rhythmus einsetzt. 

Einen weiteren Verursacher für SAD sollte man nicht außer Acht lassen: Das Glückshormon Serotonin, dessen Mangel auch Ursache für andere Depressonsformen ist, reguliert unseren Appetit, das Schlafverhalten und vor allem die Stimmung. Tatsächlich gerät der Serotoninspiegel bei allen Menschen (auch bei den "Glücklichen"!) im Januar an einen Tiefpunkt. Doch dass dieser Abfall des Spiegels nur manche Menschen depressiv macht, hängt wiederum mit dem jeweiligen Erbgut zusammen.

Was hilft gegen saisonale Depression?

Foto: Vahrenholt

Hält man sich an die Theorie des Lichtmangels, ist die logische Konsequenz eine Lichttherapie. Und in der Tat wurden sogar spezielle Therapielampen entwickelt, die helles Tageslicht simulieren und deren Einsatz gerade am frühen Morgen das Wohlbefinden von Winterdepressiven erheblich steigert.

Natürlich helfen auch Medikamente, die den Abbau von Serotonin verzögern und damit den Glückshormonspiegel anheben. Doch diese Maßnahme sollte der Betroffene erst ergreifen, wenn nichts anderes hilft. Zuerst sollte man es einmal mit bewusster Ablenkung (kochen, malen etc.) versuchen und Stress vermeiden. Bewegung im Freien ist vor allem auch sehr hilfreich, zumal Spaziergänge und Sport die Produktion von Serotonin ankurbeln. Doch das beste Gegenmittle - obwohl leichter gesagt als getan - ist und bleibt das positive Denken. Und vielleicht scheint schon gleich der erste kleine Lichtstrahl durch die Dunkelheit der Seele!

 

Von Janina Vahrenholt

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Redaktion
17.08.2009 23:55
 

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