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"Studenten sollten das normale Leben nicht vergessen"

Dipl.-Psychologin Ulrike Wittmann
Dipl.-Psychologin Ulrike Wittmann (Bild: Weber)
Jedes Studentenmagazin hat in der letzten Zeit diese Schreckensmeldung verbreitet: Viele Studenten sind völlig ausgebrannt, leiden an einem "Burnout-Syndrom". Der totale Zusammenbruch wegen Modulen, Credits und Studiengebühren. Doch was ist dieses "Burnout" eigentlich und wie können Studierende vorbeugen? UNIversum hat diese populäre Diagnose genauer untersucht...


... und sprach mit Diplom-Psychologin Ulrike Wittmann. Sie berät u.a. Studierende mit psychischen Problemen oder Lernschwierigkeiten in der Zentralen Studienberatung der Justus-Liebig-Universität (JLU) Gießen.


Frau Wittmann, was genau ist dieses "Burnout-Syndrom"?

Ich verwende diesen Begriff eigentlich nicht gerne. Präzisierend kann man sagen, dass ein Burnout das Ergebnis eines meist zeitlich sehr langen Prozesses von ständiger Überforderung bezeichnet. Dieser Prozess muss aber nicht zwangsläufig in einem Burnout enden, wenn man entsprechende Möglichkeiten hat, dies auszugleichen.

Manche Studierende haben das Gefühl sie müssten arbeiten, arbeiten, arbeiten und es dürfte sonst nichts mehr geben. Was dann kommt, würde ich "Erschöpfungszustand" nennen. Ich möchte eines klarstellen: Der Endzustand des Burnout ist weitaus dramatischer und bezeichnet eben nicht Studenten, die im Prüfungsstress sind. Da muss schon sehr viel mehr gelaufen sein.

 

Warum mögen Sie diesen Begriff nicht?

Dieses Wort wird im Moment ganz häufig verwendet. Früher wurde es eher auf Menschen gemünzt, die in sozialen Berufen arbeiteten, heute wird er auch für Studenten verwendet. Unter Burnout kann man eine ganze Menge verstehen, zum Beispiel Depressionen, Ängste und Isolation. Ich finde es nicht so gut, dass dieser Begriff jetzt relativ wahllos verwendet wird. Dahinter stehen ja auch diagnostische Tatsachen. Was man heute gemeinhin als Burnout bezeichnet, hat man früher Stress genannt.

 

Professor Dr. Rolf Dobischat, der Präsident des Deutschen Studentenwerkes, bezeichnete Anfang 2007 in einem Interview das Burnout als ein "relativ neues Phänomen" unter den Studierenden, die mit erhöhtem Leistungs- und Finanzierungsdruck zu kämpfen hätten. Wittmann vermutet, dass seitdem die vermeintliche Diagnose immer häufiger gestellt wird, wenn es um Stress, Überforderung und Erschöpfungen unter Studierenden geht.


Beim Lesen vieler Artikel denkt man: Die Sache ist ganz klar, ein Burnout kommt von zuviel Stress. Aber so einfach ist das mit dem Burnout nicht, oder?

Überhaupt nicht! Es gibt viele Faktoren neben Stress, die zu einer Erschöpfung führen können.

 

Auch persönliche Merkmale und gesellschaftliche Veränderungen, wie Werteverluste und die Auswirkungen der Globalisierung, können – unter anderem – eine Erschöpfung herbeiführen. Unsere Expertin empfiehlt als gute Zusammenfassung den Wikipedia-Eintrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Burnout-Syndrom

 

Hat der Bologna-Prozess, die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen, Ihre Beraterfunktion verändert?

Ich habe das Gefühl, dass die Prüfungsangst, die viele Studierende der alten Studiengänge betraf, gar nicht mehr so oft vorkommt. Die Bachelorstudenten gewöhnen sich anscheinend daran, dass sie ständig Prüfungen haben, und dass die darin erzielten Noten zählen.

In den neuen Studiengängen merkt man schneller als in den alten, wenn man überfordert ist. Das liegt einfach an den neuen Anforderungen. Jetzt gibt es mehr Zeitdruck. Zudem ist das Studium auch teurer geworden, vor allen Dingen auf Grund der Studiengebühren. Deswegen wollen die Leute ganz schnell studieren und dann kommt meist Panik auf. Das sind zusätzliche neue Stressfaktoren.


Was unterscheidet eine "richtige" Erschöpfung von den Situationen, in denen Studierende merken: "Jetzt geht aber nichts mehr"?

Eigentlich trifft eine Erschöpfung im Sinne des Burnout nicht bei einem Erstsemester ein, der nach vier Wochen Lernen sagt: "Das schaffe ich nicht". Da müsste schon vorher viel passiert sein.

Es gibt natürlich Situationen, die Studenten, besonders am Studienanfang, unter Druck setzen, beispielsweise der Verlust des gewohnten sozialen Umfeldes.

Wenn sich jemand, der in der Schule nie was gemacht hat, plötzlich in einen Studiengang wieder findet, wo es richtig abgeht, dann hat der Studierende natürlich auch dann ein Problem. Das beobachten wir im Moment besonders bei den neuen Lehramtsstudiengängen. Da sind die Leute schon mit gut 40 Wochenstunden Unizeit und Vor- und Nachbereitung dabei. Das ist zwar eine ganz normale Arbeitswoche, aber viele sind es einfach nicht gewohnt. Das ist aber kein Burnout, sondern eine Überforderung!



Ein kleiner Hinweis des UNIversums an dieser Stelle: Eine aktuelle Studie der Uni Frankfurt stellt einen interessanten Zusammenhang zwischen erschöpften Lehrern und dem Lehramtsstudium als Notlösung her: Viele, die im Beruf ausgebrannt sind, waren demnach schon im Studium überfordert und generell wenig motiviert und engagiert. "Die über besondere Belastungen Klagenden haben vermutlich nie 'gebrannt'",  lautet das Fazit der Untersuchung.



Sind die Symptome bei jedem Menschen gleich?

Nein. Je nach Persönlichkeit und Ausstattung kann das zu ganz unterschiedlichen Störungen führen. Bei einigen kommt es zur umfassenden Erschöpfung, andere leiden beispielsweise unter Depressionen oder schwerer Konzentrationsschwäche.

 

Eine Zusammenfassung: "Burnout" bezeichnet einen Zustand der absoluten Erschöpfung. Dieser kann auf Grund dauernder Überforderung erreicht werden und äußert sich bei verschiedenen Betroffenen in sehr vielfältiger Weise. Genauso breit gefächert ist auch das Ursachenspektrum. Viele psychische Zustände, die manchmal leichtfertig als "Burnout" betitelt werden, sind Überforderungen durch Studium, Umfeld und eigenen Erwartungen. Gerade dann kann eine Beratung, wie sie Ulrike Wittmann anbietet, helfen.

 


Wie sieht Ihre konkrete Hilfe aus?

Wir beraten Studenten, die überfordert sind, zeigen ihnen mögliche Lösungswege für ihre Probleme auf und geben Tipps fürs Lernen. Wir begleiten sie auf ihrem Weg.

 

Wie viele Studierende kommen denn zu Ihnen, die absolut ausgebrannt sind?

Zahlen kann ich keine nennen. Es gibt aber weniger Studenten, die den Endzustand Burnout erreicht haben, als solche, die an Überforderung leiden.

 

Was machen Sie, wenn Sie einen Burnout-Patienten vor sich haben?

Den schicke ich meistens erstmal gleich zum Arzt. Meist liegen da ja ebenfalls psychosomatische Beschwerden vor. Mitunter empfehle ich dann auch eine Psychotherapie.

 

 

Wie können Studierende zu viel Stress, einer Überforderung und damit auch einem Burnout vorbeugen?

Man sollte sich zu allererst bei Studienbeginn darauf einstellen, dass die Uni nicht so ist wie die Schule, denn man hat deutlich mehr Lernstoff und muss sich darum auch regelmäßig kümmern. Das wird besonders in den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen gefordert.

Auch sollte man die Erwartungen am Anfang des Studiums etwas zurückschrauben und nicht davon ausgehen, dass alles gleich perfekt klappt. Es ist genauso ungesund, zu glauben, man könne 20 Stunden am Tag lernen. Wir haben ja keine Computer im Hirn! Ein vernünftiger Zeitplan ist dabei die halbe Miete.

Sich Freizeitmöglichkeiten zu schaffen ist aber genauso wichtig. Das schließt auch Bewegung mit ein. Manchmal reicht es auch, wenn man sich einmal in der Woche einen Tag frei nimmt. Manchmal empfehle ich einen intensiven Kurzurlaub mit dem Freund oder der Freundin. Kurz gesagt: Studenten sollten das normale Leben nicht vergessen.

 

 

Hilft Kommunikation mit anderen Studierenden?

Ja, das stimmt schon. In Lerngruppen können viele Studenten besser lernen. Dabei sehen sie, wie andere lernen, und dass auch diese einen vergleichbaren Stress haben. Da kann man sich einfach mal so richtig auslassen. Das kann auch entspannen.

Ich plädiere auch dafür, dass Freunde einfach mal zuhören sollen. Den Betroffenen nicht einfach abwiegeln, von wegen "Das schaffst du schon!". Das hilft dem anderen nicht weiter. Gemeinsam kann man in einem ausgiebigen Gespräch nach Lösungen suchen. Meist hilft es sehr viel, genug Zeit miteinander zu verbringen.

 

 

Gibt es weitere Beratungsmöglichkeiten an der JLU?

Außer in unserem Büro können betroffene Studenten auch in der Sozialberatungsstelle des Studentenwerks Hilfe finden. Der AStA beschäftigt ebenfalls zwei Psychotherapeuten. Es gibt an der JLU also vielfältige Möglichkeiten, sich helfen zu lassen!

Beratungszeiten und weitere Infos:
http://www.uni-giessen.de/cms/studium/beratung/zsb
http://hrza1.hrz.uni-giessen.de/studentenwerk/soziales/haupt.htm

 

Interview: Anne-Kathrin Weber

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Redaktion
27.01.2008 10:33
 

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