"Die Aufmüpfigkeit bleibt" - Die 68er-Studentenbewegung in Gießen
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Fast vierzig Jahre nach 1968 – dem Jahr, das einer ganzen Generation den Namen gab: Wieder demonstrieren Studenten, diesmal gegen die Studiengebühren. Studentenproteste haben eine lange Tradition. Die Schwerpunkte der 68er-Bewegung lagen in den Großstädten, vor allem in Berlin. Was aber geschah damals an der Justus-Liebig-Universität? UNIversum sprach mit einem Gießener "68er" über eine bewegte Zeit - und über den Wert des Protestierens.
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Die Spuren der Aufmüpfigkeit sind noch heute in Heinrich Brinkmanns Gießener Wohnung unübersehbar. Karl Marx` und Friedrich Engels "Blaue Bände" oder "Die Akkumulation des Kapitals" von Rosa Luxemburg sind Zeugnisse einer Alt-68er-Vergangenheit in Gießen. Brinkmann studierte seit 1962 an der Universität in Münster, entschloss sich jedoch im Wintersemester 1965/66 an die Gießener Universität zu wechseln, wo er an der Philosophischen Fakultät Germanistik, Philosophie und Soziologie studierte und 1968 mit Magister abschloss. Zur damaligen Zeit hatte die Justus-Liebig-Universität in Gießen circa 4400 Studenten und die Entwicklung zur Massenuniversität hatte nicht ein derartig dramatisches Ausmaß erreicht, wie beispielsweise in Berlin. Brinkmann war einer von 400 bis 450 Studenten an der Philosophischen Fakultät. Und wie auch an anderen deutschen Universitäten kam die Initialzündung für die Studentenunruhen in Gießen ebenfalls aus der Fakultät der Geisteswissenschaften. Aus der juristischen, der wirtschaftswissenschaftlichen und den medizinischen Fakultäten erhielt man vorrangig Unterstützung durch die ausländischen Studenten. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund als Träger der Studentenproteste
Das organisatorische und ideologische Rückrat der Studentenbewegung in Gießen war über lange Zeit der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS). Diesem trat Brinkmann auf Anraten Manfred Hahns 1966 bei und wurde sogleich zum Vorsitzenden gewählt - nach dem Motto: "Werft die jungen Hunde ins Wasser und sie werden schon schwimmen". Seine neue Verantwortung verlangte vor allem eine theoretische und ideologische Auseinandersetzung mit den Schriften von Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno, Jürgen Habermas, Max Horkheimer und großen Denkern wie Marx und Engels oder Rosa Luxemburg, die die Grundlage der Auseinandersetzung mit den damals aktuellen politischen Themen bildeten. Der junge Hund schwamm und arbeitete sich in die Vietnamproblematik, die Notstandsgesetzgebung und hochschulpolitische Problematiken ein. Schon bald gehörte er zu den zehn bis 15 Aktiven des SDS, die ab 1966 die linken, intellektuellen Vorreiter der Studentenbewegung bildeten. Die wichtigste Arbeit des SDS waren interne Schulungsabende, die vor allem von den SDS-nahen Mitgliedern des Mittelbaus abgehalten wurden. Im Wintersemester 1966/67 wurde beispielsweise über die Probleme der Dritten Welt gearbeitet, wozu der Assistent am Soziologischen Seminar Dr. Hans-Joachim Krüger referierte. Auch Franz T. Lee war mehrfach in Gießen, um über die Apartheid in Südafrika zu berichten. Über die Notstandsgesetze informierten Roderich Wahsner und Dieter Sterzel, beide Assistenten der juristischen Fakultät. Der Soziologe Dr. Manfred Hahn versuchte in solchen "Teach-ins" die Geschichte der Arbeiterbewegung nahezubringen. Fritz Vilmar aus Berlin durchleuchtete die Rüstungswirtschaft. Außerdem schilderte ein Angehöriger der Black Panthers die Situation der Schwarzen in den USA und es wurden Filme vorgeführt, die den Krieg der USA gegen das vietnamesische Volk zum Thema hatten. Das waren Seminare im Rahmen des SDS, "die aber abends stattfanden. Meistens bei den Soziologen, die in der Ludwigstraße ihr Seminar hatten. Im Hinterhaus des heutigen Studienbüros, direkt gegenüber dem Hauptgebäude", erzählt Brinkmann. Daneben arbeitete man in diesem vergleichsweise idyllischen Gießener Klima an Flugblättern und man konnte eine schwach entwickelte, aber wahrnehmbare Protesttradition ausmachen. Große Kundgebungen vor dem alten Schloss gab es zum Thema der Atombewaffnung der Bundeswehr um 1958/59. Die Studenten machten ihrem Unmut über die große Koalition aus SPD und CDU in einer Novemberdemonstration 1966 Luft und es wurde eine Demonstration am 2.6.1967 gegen den Schahbesuch in Deutschland organisiert.
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Von Janine Richter |