Burma: "Je ärmer die Menschen, desto mehr beten sie."
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Der Gießener Student Philipp Ahlers reiste im Sommer 2007 mit dem Rucksack durch Asien. Am 7. Oktober flog er von Bangkok nach Yangon, Burma. Zwei Wochen zog er durch das südostasiatische Land, lernte Menschen und Natur kennen und schätzen. Als er von Demonstrationen in Yangon hörte, wollte er sich das aus der Nähe anschauen. Und fand sich plötzlich mittendrin in den Protesten burmesischer Mönche gegen das Militärregime. In einem Interview schildert er seine Eindrücke und Erlebnisse aus diesen Tagen.
In der Mitte des Demonstrationszuges waren die Mönche. Zivilisten haben sich mit Hand-in-Hand-Ketten um sie herum versammelt, um sie zu schützen und zu verhindern, dass die Demonstration auseinander gerissen wird. Es sind immer mehr und mehr Zivilisten auf den Zug zugelaufen und haben die Demonstranten auf diese Weise geschützt. Militärtruppen waren, außer in abgesperrten Seitenstraßen, noch keine zu sehen. Präsenz des Militärs ist aber generell normal für Burma, da man für sehr viele Gebiete besondere Passierscheine braucht. Wie hat sich die Situation dann radikalisiert? Am ersten Tag waren fünftausend, am zweiten Tag zehntausend und am dritten Tag dreißigtausend Menschen auf den Straßen. Und da war dann auch deutlich mehr Militär präsent, das aber noch nicht eingegriffen hatte. Es war nicht absehbar, wie sich die Situation weiter entwickeln würde. Touristen wurden vom Ausland aufgefordert, dass Land so schnell wie möglich zu verlassen.
Auf den Straßen waren dreißigtausend Menschen. Und dann hast auch du dich entschlossen, das Land zu verlassen? Ich habe mich in meinem Hostel mit anderen Backpackern zusammengesetzt und darüber beratschlagt, was wir machen sollen. Sieben von uns haben beschlossen, Burma zu verlassen, drei sind dort geblieben. Am nächsten Tag sind wir zum Flughafen gefahren und hatten keine Probleme auszureisen. Einen Tag später wurde das Land abgeriegelt.
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Hattest du in der Zeit Kontakt zur Außenwelt?
Im Internet konnte ich nur GMX und Hotmail aufrufen, um Emails zu versenden. Es gibt so etwas wie Internetcafés, meist sind das Hinterstübchen mit zwei, drei historischen Computern. Wenn es nicht vom Staat gedeckte Cafés sind, wird normalerweise alle drei Minuten das Internet abgeschaltet. Vom Staatsserver. In einem Café in Bangan sagte der Besitzer zu mir, ich könne durchgehend im Internet auf allen Seiten surfen, allerdings müsste er dann alle drei Minuten meine IP-Adresse verändern. Damit der Computer nicht abgeschaltet wird.
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Wie hast du die Menschen in Burma erlebt? Es gibt also nur vom Staat instrumentalisierte Medien? |
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Burmesischer Soldat (Foto: Ahlers)
Auf den Bahnschienen saßen alle zweihundert Meter bewaffnete Wachen. Hast du die Militärjunta selbst in irgendeiner Form erlebt?Ich persönlich hatte keine Probleme mit den Militärs. Polizei ist immer präsent. Aber die Polizisten sind nicht wirklich als solche erkennbar. Sie tragen keine Uniformen, weil sie es sich nicht leisten können und sind somit nicht wirklich von der normalen Bevölkerung zu unterscheiden. Die Anwesenheit des Militärregimes zeigt sich beispielsweise an bewaffneten Wachen, die alle zweihundert Meter auf den Bahnschienen saßen. Einem meiner Freunde wurde eine Waffe an den Kopf gehalten, nur weil er sich auf der Straße mit drei Mönchen unterhalten hatte. Das war schon ein sehr unangenehmes Erlebnis. |
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Wovon leben die Menschen? |
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Sollten Touristen das Land aufgrund der Militärregierung als Reiseziel boykottieren?
Nein, ich denke nicht. Mit einem solchen Boykott würde man nicht der Regierung schaden. Die Regierung kassiert von allem, was verkauft wird, 50 Prozent an Steuern. Wenn man weiß, wie man damit umgehen muss, gibt man der Regierung gar kein Geld. So kann man beispielsweise vor einem Tempel ein Sandgemälde kaufen, es also schwarz kaufen. Dadurch zahlt man weniger als wenn man es im Tempel direkt kaufen würde. Aber das Geld geht zu 100 Prozent an die Menschen selbst. Man kann auch sehr viel helfen, wenn man gezielt Klamotten, Spielsachen, praktische Dinge in das Land mitbringt. Denn Geld allein hilft den Menschen in Burma nicht, da sie davon kaum etwas kaufen können. Was kann getan werden, um den Menschen in Burma zu helfen? Was können Menschen in Deutschland tun, um sich für ein freies Burma zu engagieren? Man kann natürlich die Petitionen unterschreiben. Ich weiß nicht, ob man als einfacher Bürger so viel erreichen kann. Ich glaube nicht, dass man sich einer schießwütigen Militärregierung einfach so als Menschenrechtsaktivist entgegenstellen kann. Der Druck auf China müsste erhöht werden, da das Land noch Einfluss auf Burma hat. Der einzige Grund, warum die Militärregierung in Burma Geld bezieht, sind die Edelsteine, die im Überfluss vorhanden sind. Wenn diese Einnahmequellen nicht mehr da sind, wovon nur die Regierung einen Vorteil hat, dann könnte sich das Militär auch nicht mehr finanzieren. Das würde vielleicht auch der Korruption ein Ende bereiten. Wenn sich die Diktatur nicht mehr halten kann, weil sie sich keine Kugeln mehr kaufen kann, wäre das vielleicht eine Basis für eine Revolution von innen. Berichten deutsche Medien ausreichend über die Situation in Burma? Ich habe nur die Schlagzeilen mitbekommen, die man im Internet lesen kann, weil ich ja zur Zeit der Demonstrationen selbst im Land war. Ich war aber schon erstaunt, dass Myanmar überhaupt in den Nachrichten aufgetaucht ist, weil ich glaube, dass 80 Prozent der Deutschen gar nicht wissen, wo das Land eigentlich liegt.
Interview: Maren Hennemuth |