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Das Moers- Festival – abseits des Mainstreams

Die Hauptbühne - ein umfunktioniertes Zirkuszelt (Foto: Alexander Haas)
Eine Oase in der deutschen Festivalwüste: Das 37. New Jazz- Festival im Stadtpark von Moers begeistert Freunde moderner, improvisierter Musik mit seiner Mischung aus Jazz, Elektronischer Musik, Hip-Hop und Avantgarde

 

Der Stadtpark von Moers zeigt am heißen Pfingstsamstag ein buntes Bild: Umgeben von steinigen Wegen, vereinzelten Bäumen und Sträuchern sind Zelte, Pavillions und provisorische Feuerstellen aufgebaut, deren Besitzer sich nicht nur durch Altersunterschiede, sondern auch deutlich durch ihre Zugehörigkeit zu einzelnen jugendkulturellen Trends voneinander unterscheiden. Punks mit Bierdosen in der Hand, langhaarige Metaller, die zu dissonanten, verzerrten Klängen aus der tragbaren Stereoanlagen ihre Haarpracht schütteln, Rocker in Lederoutfits und Alt-Hippies, die im Kreis sitzend ihre selbst komponierten Trommelklängen genießen, prägen die Atmosphäre. Die Wege sind gesäumt von Ständen, an denen Straßenhändler Batiktücher, Trommeln oder diversen Schmuck anbieten, während andere, umgeben von den unterschiedlichsten Gerüchen, Kulinarisches verkaufen. Bisweilen macht es den Anschein, als befände man sich auf einem der zahlreichen, konventionellen Musikfestivals, wie sie in Deutschland in der warmen Jahreszeit nicht unüblich sind. Doch das New Jazz Festival in Moers ist anders, vor allem ein besonderer Ort für tolerante und aufgeschlossene Musikliebhaber, die jenseits des Mainstreams Musik genießen wollen. Nach einiger Zeit des Flanierens finden ich und meine Begleiter einen ruhigen, schattigen Ort, den wir etwas abseits vom lauten Treiben des pulsierenden Festivals für die nächsten Tage und Nächte zu unserem Schlafplatz machen.

Erste Höreindrücke aus dem Zirkuszelt

Schon bald nachdem wir ihn bezogen haben, ertönen die ersten Klänge aus dem unmittelbaren, 50 Meter weit entfernten Festivalzelt, das von einem Zirkuszelt gekonnt zu einer atmosphärischen „Konzerthalle“ umfunktioniert wurde. Die Klänge sind ungewohnt, es lassen sich einzelne Töne aus einer Trompete ausmachen, ein Bass spielt einen synkopierten Tonlauf, ein Schlagzeug setzt ein. Vergeblich sucht man die eins im Takt, das Maß, was einem sonst hilft, zumindest subjektiv eine Struktur innerhalb eines Musikstücks auszumachen. Die Musik wird immer lauter, immer mehr Instrumente setzen ein, ein ununterbrochenes Crescendo lässt ein Platzen des Trommelfelles der Menschen im Zelt befürchten, doch nach einem Höhepunkt der scheinbar endlosen Steigerung bricht der Song plötzlich ab, es ist nur noch ein Hauch eines Trompetensolos zu vernehmen. Ein Blick in das Festivalprogramm verschafft Klarheit, zumindest was die ungewöhnliche Lautstärke angeht: Es handelt sich um die Samuel Jon Samuelsson Big Band aus Island, ein 18- köpfiges Orchester aus unzähligen Posaunen und Trompeten, das sich einer gekonnten Mischung aus impulsiven Funk und Jazz verschrieben hat und deren Kompositionen von des in der Szene in Reykjavik nicht wegzudenkenden Künstlers Samuelsson stammen. Bereits diese erste musikalische Darbietung lässt erahnen, dass hier die eigenen, an das Radio gewöhnten Gehörgänge eine Radikal- Kur verabreicht bekommen.  
Denn das Moers- Festival befindet sich trotz eingeladener Avantgarde- Größen wie John Zorn, musikalisch wie organisatorisch, jenseits des Mainstreams. Das mit interessanten Hintergrundinformationen angereicherte Programmheft liest sich zunächst wie ein versehentlich gemischtes Konglomerat aus dem Line- Up verschiedenster Festivals, doch der Gedanke erweist sich spätestens nach dem ersten Live- Erlebnis als Trugschluss. Es scheint, als bedürfe es regelrecht einer Veranstaltung, wo sich Formationen wie die New Yorker Electro- Artrock- Gruppe Battles die Bühne mit Newcomern wie dem Jazz- Pianisten Jason Moran teilen. In den Genuss dieser grundlegend unterschiedlichen Bands sollten wir nach dem schon fast für uns ohrenbetäubenden Konzert der Big Band kommen.

Vernebelte Klangwelten

Die Battles live (Foto: Michael Hoefner/www.zwo5.de)

 

Als wir gegen Abend auf dem Weg aufs Konzertgelände die letzten Sonnenstrahlen des Tages erleben und die letzte ins schwülwarme Zelt führende Stufe betreten, hat man das Gefühl, in eine andere Welt einzutauchen. Man benötigt einen Moment, um sich an die gespannte, aber angenehme Atmosphäre zu gewöhnen. Kurz nachdem wir geeignete Plätze gefunden haben, betreten vier Männer die künstlich eingenebelte Bühne. Es sind die Battles aus New York. Der Gedanke an die Informationen aus dem Programmheft erzeugte bei mir, als Freund moderner, experimenteller Musik, eine gespannte Vorfreude. Denn die Gruppe besteht aus prominenten Mitgliedern: John Stainer sitzt als ehemaliger Drummer der Metal-Band Helmet hinter dem Schlagzeug, während Tyondai Braxton, Sohn des legendären Jazz-Saxophonisten Anthony Braxton die Gitarre, das Gesangsmikrofon und das Keyboard bedient. Die einsetzende Musik hat dann auch sofort etwas Einnehmendes. Aus den immer wieder, sich wiederholt aufbauenden Klangwelten, die durch Synthesizer erzeugt werden, entstehen nach einiger Zeit komplexe Songstrukturen. Oft minimalistisch, schaffen die Musiker, vom dunklen Zelt und den subtil farbigen Lichteinsätzen unterstützt, eine fast hypnotische Atmosphäre. Bewundernswert ist die Präzision der Musiker, mit der sie ihre komplexen Arrangements umsetzen. Besonders beeindruckend ist das Timing des Drummers, dem eine perfekte Symbiose aus fertigen, vom PC generierten Drum- Loops und seinen live gespielten Breakbeats gelang. Bis zum Schluss sitzen wir und die anderen Zuhörer durch die repetitiven Melodiemuster gebannt auf unseren Bänken, während sich vor der Bühne einige Wenige in Ekstase getanzt haben. Nach einer knappen Stunde verlassen die Musiker die Bühne und auch wir bewegen uns, etwas betäubt von der intensiven Musik- Medikation, dem Ausgang entgegen, an dessen Ende die Abendsonne und kühle Getränke ein schnelles Zurückfinden in die Realität versprechen.

Eine Rückkehr ins Jahr 1959

Im Zelt (Foto: Alexander Haas)

 

Wir wollen die Nacht ruhig angehen lassen und gehen, gestärkt von nahrhafter Festival- Kost, zurück ins Hauptzelt. Denn hier soll der letzte Act des Abends auftreten. Mit dem Programm In My Mind – Monk at Townhall 1959 spielt der amerikanische Jazz- Pianist Jason Moran

zusammen mit der Formation „The Big Bandwagon“ ein erstklassiges Konzert- Revival des Jazz- Titanen Thelonious Monk, welches sich im Laufe des Auftritts keineswegs nur als eine Kopie von 1959, sondern als eine modernisierte Transformation ins 21. Jahrhundert erweist. Mithilfe neuer Sounds und eingespielter Video- und Audiosequenzen von Originalaufnahmen Monks wird erreicht, dass wir uns in die legendäre Show zurückversetzen können, ohne dabei die Gegenwart aus den Augen zu verlieren. Bis zum Schluss halten die Musiker mit virtuos vorgetragenem Jazz der traditionelleren Sorte, der viel Raum für Improvisationen und Soli lässt, das Publikum samt uns mit ihrer musikalisch-technischen Höchstleistung in Bann. Um Punkt 24 Uhr hinterlassen die Musiker ein stark beeindrucktes Publikum im bereits abgekühlten Zelt.

Wir nehmen uns vor, das vom Organisator bewusst intendierte Kontrastprogramm weiter auszukosten und machen uns auf den Weg ins Hotel Van der Valk, eine von vielen anderen Konzertlocations des Festivals, wo weitere Acts im Rahmen der „the night“- Reihe Feier- und Tanzwütige bis in die Morgenstunden auf ihre Kosten kommen können.

Das Szenario auf dem Weg dahin gleicht fast einer Nacht in einer marokkanischen Großstadt. Eine erdrückende Schwüle gesellt sich zur staubigen Luft, die immer wieder durch einzelne Rauchschwaden umliegender Feuerstellen ergänzt wird. An jeder Ecke befinden sich Gruppen von Menschen, die trommeln, einige spielen sogar E- Gitarre über mitgebrachte Verstärker, die an Generatoren angeschlossen sind. Dazu gesellen sich die unzähligen „Schaulustigen“, meistens Bewohner der Stadt, die das Festival zum Anlass nehmen, gemeinsam mit den aus ganz Europa angereisten Besuchern zu feiern. Als wir den Club erreicht haben, herrscht bereits eine angeheizte Stimmung, der charismatische Rapper und Sänger Ty aus Nigeria entpuppt sich schnell als Stimmungskanone, der es schafft, Semester allen Alters mithilfe des Energie geladenen Funks der Band zum Tanzen zu animieren. Wir erleben nur noch zwei Lieder, aber das ist nicht weiter schlimm, denn der Weg war und ist unser Ziel, wie im Jazz und nach kurzer Pause setzt auch schon das DJ- Set der Basement Freaks ein…

Der Festival- Sonntag – Tag der Gegensätze

Spontane Trommelsession auf dem Gelände (Foto: Alexander Haas)

 

Nach verdientem Schlaf, aus dem ich durch einen Wecker gerissen werde, der sich als ein Saxophon unseres Nachbarn entpuppt und einem ausgiebigen Frühstück nehmen wir uns vor, ein Konzert der Reihe „the morning“ anzuschauen. Wir entscheiden uns für das Dunkelzelt, eine von den vielen anderen, kleinen Locations, in dem nachmittags auch die „concerts in the dark“ zu hören sind. Auch jetzt befindet sich nur ein mattes Licht im Raum. Der Kontrast zur Mittagssonne könnte nicht größer sein. Als wir das etwas leere und dadurch intime Zelt betreten, läuft bereits ein Stück. Es herrscht fast komplette Stille, es sind nur einzelne, nicht direkt identifizierbare Geräusche zu vernehmen. Ich merke sofort, dass man ohne visuelle Reize ein viel sensibleres Gehörempfinden hat, das man so nicht gewöhnt ist. Hier ein Klicken, dort ein Rauschen. Es kommt vermutlich aus Richtung des Musikers, der konzentriert auf seine Turntables blickt, und statt Platten abzuspielen, den Tonabnehmer mitsamt der Nadel als ein rhythmisches Instrument umfunktioniert hat. Ein Blick auf die Mitte der Bühne erklärt die synkopisch angespielten Basstöne. Ein Mann mit einem Kontrabass steht dort, sein Sound klingt stark verfremdet. Kein Wunder, denn skurrilerweise klemmen Autonummerschilder aus unterschiedlichen Städte zwischen den Saiten, die beim Zupfen des ohnehin voluminösen Tons einen zusätzlichen, klackernden Ton entstehen lassen. Dann wäre da noch Steve Heather am Schlagzeug, einem unglaublich dynamischen Ausnahmedrummer aus Australien, der gerne unkonventionelle Stimittel wie Metallstäbe verwendet.

Die Intensität der eher geräuschhaften und tonal freien Musik ist atemberaubend, die Dynamik enorm. Nach einer zehnminütigen, leisen Phase steigert sich die Lautstärke der Instrumente, der Bassist beginnt mit gesamter Kraft ausdrucksvoll auf die Saiten zu schlagen, die anderen ziehen mit, bis zuletzt ein überwältigender Lärmpegel erreicht ist und das Stück mit gleicher Unvorhersehbarkeit endet. Die Kooperationen zwischen den Künstlern aus Tallin, Berlin, Wien, Zürich und Sydney, die im kleinen Zelt auftreten, sind exklusiv für das Moers Festival entstanden. Man kennt sich untereinander, wenn überhaupt nur flüchtig und nach jedem Stück wird die Besetzung gewechselt. Ohne dass man es mitbekommt, schaffen es alle, so zu spielen, als seien sie alte Bekannte, die sich wöchentlich zum freien Musizieren treffen.

Während wir uns die nächste Formation anhören wird mir klar, dass Musik  jenseits aller Phrasen wirklich als universales, internationales Kommunikationsmittel funktionieren kann. Nur sie zählt und ist im wahrsten Sinne des Wortes einmalig, dank freier Improvisation nur in diesem Moment hörbar und dann nie wieder. Nach dem Konzert bleibe ich noch einige Zeit sitzen und beobachte das Treiben. Die Künstler kommen miteinander ins Gespräch, zeigen und erklären sich gegenseitig ihre bearbeiteten Instrumente und knüpfen ihr musikalisches Netzwerk weiter. Man kann gespannt sein, ob sich für nächstes Jahr nicht vielleicht neue, feste Konstellationen bilden.

Das Ende naht, doch die Kontraste bleiben

MC Dälek (Vordergrund) und Destructo Swambots (Hintergrund) (Foto: Philipp Rhensius)


Am späten Sonntagabend sollen die amerikanischen Experimental- Hip- Hopper Dälek im Festivalzelt auftreten. Mit kindlicher Vorfreude betreten wir das Zelt, doch statt eines Sitzplatzes, ziehen wir diesmal die raren Stehplätze vor der Bühne vor, auf einer Veranstaltung, auf der ansonsten vorzugsweise die Musik sitzend rezepiert wird.
Als wir gute Plätze gefunden haben, ertönt ein bombastisches Intro. Nach ein paar Minuten betreten die Musiker die Bühne. Als erster sticht der stämmige Rapper und Frontmann MC Dälek ins Auge. Die Mütze tief ins Gesicht gezogen, nimmt er konzentriert seinen Platz in der Mitte der Bühne ein, während sein ganzkörper- tätowierter Produzent Oktopus sich weiter hinten mit Laptop und Mixer platziert. Die Gastmusiker, die das Duo während der Europa- Tour begleiten, bestehen aus dem langhaarigen Gitarristen mit dem kryptisch anmutenden Namen Destructo Swambots und dem zurückgezogenen Keyboarder Joshua Both. Als der erste Track einsetzt, haben Dälek bereits das zumindest sich vorne befindende Publikum im Griff. In die komprimierten Hip- Hop- Beats, begleitet von einer düsteren, basslastigen Soundwand, fügen sich die prophetischen und mantra- artigen Raps von MC Dälek wunderbar ein. Die Musik besteht aus Elementen von dissonanten Metal- Riffs, stark übersteuerten Keyboard- Flächen und hart akzentuierten Raps. Die Show ist mitunter nicht weniger beeindruckend. Immer wieder schneidet Oktopus verzerrte Grimassen, wenn er an markanten Songstellen die Regler seines Mixers bis zum Anschlag aufdreht, während der Gitarrist bis zur Erschöpfung mit drehenden Kopfbewegungen seine Mähne schüttelt und der Frontmann meist prophetisch, mit geschlossenen Augen in die Höhe blickend seine Stimme zum Instrument verwandelt. Bis zum Schluss halten die amerikanischen Künstler eine düstere Endzeitstimmung aufrecht. Während der Beat weiterläuft, verlassen die Musiker unter tosendem Applaus und Zugaberufen mit bedächtiger Langsamkeit die Bühne, ohne sich wie oft üblich starallürenhaft zu verbeugen. Beeindruckt, aber auch erschöpft von einer weiteren musikalischen Ausnahmeshow, denken wir etwas wehmütig daran, am Montag wieder zurück in die Realität zu reisen. Sie erscheint bei näherem Hinschauen aber auch dem Moers- Festival wiederum eigentlich nicht so unähnlich, denn auch sie ist bekanntlich geprägt von Kontrasten. Und die kann man hier zuhauf erleben: Laute Musik wechselt leise ab, Synthesizer und Laptops gehen einher mit traditionellen Instrumenten wie dem Klavier oder der Trompete und 20- jährige wie 50- jährige  Menschen feiern, fernab von jeglichen Klischees, ihre gemeinsame Leidenschaft, die improvisierte Musik, den Jazz, der einem vor allem in Moers jedes Jahr aus Neue immer wieder vor Augen hält, sich ständig weiter zu entwickeln. Zum Schluss bleibt nur noch der Eindruck, dass das Moers- Festival ein einmaliger inspirierender Ort ist,  an dem man durch die sorgfältige Auswahl des künstlerischen Leiters die seltene Möglichkeit bekommt, unterschiedlichste, genre- übergreifende Musik zu hören.

Von Philipp Rhensius


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