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Premiere für den Zeitzeugen

Fernseher
Holocaust im Fernsehen - Lange eine Grauzone
Viele verbinden Holocaust und Film vermutlich mit den Dokumentationen von Guido Knopp oder Steven Spielbergs Spielfilm "Schindlers Liste". Kaum jemand weiß heutzutage noch, dass die Produktionen über den Mord an den Juden während der NS-Zeit eine über fünfzigjährige Entwicklung durchgemacht haben.

 

Fernsehen, Holocaust und der transnationale Wandel der Erinnerungskultur

Am Anfang standen Filme wie "Death Mills" (USA, 1946), mit denen die Besatzungsmächte die deutsche Bevölkerung über die Gräueltaten an den Juden aufklären wollten. Bei diesen Filmen setzt das von Prof. Dr. Frank Bösch geleitete Seminar an. Ein weiteres wichtiges Thema ist, beginnend mit dem Eichmann-Prozess, die Berichterstattung über Gerichtsverfahren gegen NS-Verbrecher. Außerdem wird ein Schwerpunkt auf die amerikanische Fernsehserie "Holocaust" (1978) gelegt, ein Meilenstein für die Darstellung des Holocaust im Fernsehen und für die Entwicklung der transnationalen Erinnerungskultur. Exemplarisch soll hier, basierend auf einem Referat, die erste deutsche Dokumentation über den Mord an Juden in der Sendereihe "Das Dritte Reich" vorgestellt werden.

 

Deutschland in den 60er Jahren

Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre kommt es in Deutschland zu einer Veränderung des Geschichtsbewusstseins im Hinblick auf den Nationalsozialismus. Gründe sind einerseits politische Ereignisse wie die Ergreifung Eichmanns 1960 sowie ein zunehmender Generationenkonflikt. Doch auch die Medien spielen bei dieser Entwicklung eine wichtige Rolle. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Holocaust beginnt mit biographischen Erzählungen. Beispiele hierfür sind das Tagebuch der Anne Frank oder Filme wie "Das Tagebuch des Jürgen Wilms" (1960) und "Am grünen Strand der Spree" (1960), in denen Kriegsveteranen von ihren Fronterlebnissen berichten. Erst in der achten Folge der Dokumentation "Das Dritte Reich" (1960) erfolgt eine ausführlichere Darstellung der NS-Verbrechen.

 

"Das Dritte Reich" - Eine bahnbrechende Dokumentation

Diese Dokumentation kostete etwa 700.000 DM und war somit eine der teuersten deutschen Fernsehproduktionen der frühen sechziger Jahre. Jeweils Freitag abends wurde sie von Oktober 1960 bis Mai 1961 zur besten Sendezeit ausgestrahlt. Zu sehen sind viele eingeblendete Dokumente - damals eine Notwendigkeit, da das Gezeigte dem misstrauischen Publikum erst noch bewiesen werden musste. Trotz anfänglicher Skepsis herrschte starkes Interesse an der Serie. Etwa 69 % der Fernsehzuschauer verfolgten die erste Sendung. Die achte Folge mit dem Titel "Der SS-Staat" konzentriert sich scheinbar auf die Geschichte der Schutzstaffel. Der Mord an den Juden spielt nur eine untergeordnete Rolle. Dennoch schließt die Sendung mit einer für diese Zeit ungewöhnliche Anklage an das deutsche Volk.

Zentrale Darstellungselemente der Gräueltaten an den Juden sind Fotografien aus dem gerade erschienenen Buch "Der Gelbe Stern" und dem Stroop-Bericht, ein von den Nationalsozialisten aufgenommener Film über die Juden im Warschauer Ghetto. Auf Bilder von Exekutionen sowie von Leichenbergen wie bei "Death Mills" oder "Nacht und Nebel" wird jedoch verzichtet.

"Das Dritte Reich" ist prägend für die folgenden Dokumentationen. Festmachen lässt sich das vor allem an der inhaltlichen Struktur sowie an dem erstmaligen Einsatz von Zeitzeugen. Dieser wird später zu einem wichtigen Bestandteil von Dokumentationen über die NS-Vergangenheit. Dagegen wird das Abfilmen von Orginaldokumenten immer seltener, weil die späteren Filme dieses Genres zunehmend von der Beweislast befreit werden.

 

 Von Florian Grafl

 

 


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