Zivildienst in Kanada
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Die American Falls. (Foto: Albers)
Wir schreiben den 15. August 2006:
Nach achteinhalb Stunden und mehr als 6 000 Kilometern landet Flug LT 470 aus Düsseldorf in Toronto. Kurz zuvor überflog das Flugzeug Richmond Hill und das L'Arche Daybreak-Gelände, welches für die nächsten Monate mein ADiA-Arbeitsplatz sein wird.
ADiA steht für Anderen Dienst im Ausland und ist ein Wehrersatzdienst. Ich stellte mich 2006 dieser Herausforderung. Zunächst hatte ich aber einige umfangreiche Vorbereitungen zu treffen. In den Sommerferien 2005 bewarb ich mich bei VIA e.V., dem Verein für internationalen und interkulturellen Austausch, um eine ADiA-Stelle. Dieser Verein vergibt die ADiA-Plätze und vermittelt ADiA-Leistende an Partnerorganisationen im Ausland. Er fungiert gleichzeitig als Ansprechpartner in Deutschland und organisiert die Vorbereitungstreffen. Nach meiner Musterung und zwei Telefongesprächen mit dem Verein für internationalen und interkulturellen Austausch im Herbst hatte ich im Februar 2006 ein Telefoninterview mit L'Arche Daybreak, einer Partnerorganisation in Richmond Hill, zu meistern. Das Telefonat drehte sich um meine Beweggründe für den ADiA. Auch interessierte sich die L'Arche Daybreak-Angestellte dafür, ob ich bereits mit gehandycapten Menschen gearbeitet hätte. Im März erreichte mich dann mein Arbeitsvertrag und ich beantragte mein Visum. Zwei Wochen später unterzog ich mich der ärztlichen Untersuchung für die Einreiseerlaubnis. Im Mai bekam ich das Visum und buchte mein Flugticket. Anfang Juli fuhr ich zum Vorbereitungstreffen nach Fulda. Dort lernte ich andere künftige ADiA-Leistende kennen. Sie zog es nach Indien, Irland oder Großbritannien, einen nach Frankreich, einen anderen nach Südafrika. Wir wurden mit den rechtlichen Bedingungen vertraut gemacht, spielten auf dem Rasen des Fußball-Viertligisten, bis der Platzwart uns verscheuchte, schrieben gemeinsam eine Packliste und gründeten ein Internetforum.
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Ankunft in Toronto
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Die Canadian oder Horseshoe Falls. (Foto: Albers)
Am 15. August fliege ich endlich gen Toronto. Tom*, mein kanadischer Kollege, holt mich vom Flughafen ab. Wir fahren eine Ewigkeit durch Toronto und Umgebung, bis wir Richmond Hill erreichen. Dann kommen Tom und ich im Old House* an. Bei Old House handelt es sich um eines der acht Wohnhäuser, die L'Arche Daybreak unterhält. Dort wohnen John, Ann, Jeff und Robin. Alle vier sind Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen. Außerdem noch Regi aus Brasilien, Tom und unser equadorianischer Hausleiter Sam. Und ab sofort natürlich auch ich. Da ich nicht der erste Felix in Old House bin, werde ich prompt "Felix III. of Old House" getauft. Nach dem Abendessen beziehe ich mein Quartier. Es liegt zwischen Johns und Jeffs Zimmern in der ersten Etage. John ist ein 22-jähriger Mensch mit Down-Syndrom, Jeff ein Herr in den späten 50ern und Analphabet. Darunter liegen die Zimmer von Regi und Ann, die unter Demenz sowie Bipolarität leiden. Tom und Robin sind im anderen Teil des Hauses untergebracht. Robin kann sich nicht artikulieren, ist bettlägerig und muss künstlich ernährt werden. |
Die Bewohner arbeiten
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Jeff beim Müll sammeln. (Foto: Albers)
Der Jetlag steckt mir noch in den Knochen, als es nach dem Frühstück zum Müll sammeln mit Sam und Jeff geht. Jeden Mittwoch ist "garbage day". Das ist unser Name für Mittwoch, da Jeff die Wochentage nicht kennt. Seit es auf dem Arche-Gelände keinen Bauernhof mehr gibt, sammelt er hier die Müllsäcke ein. Auf diese Weise brauchte er sich nicht von seinem geliebtem Traktor trennen, den er mit der Präzision von drei Jahrzehnten Erfahrung über das Gelände fährt. Wenn nicht "garbage day" ist, hilft Jeff auf einem Bauernhof. Er ist einer der wenigen Bewohner, die außerhalb der Arche arbeiten. In seiner Freizeit übt er dann für seine donnerstäglichen Auftritte im "King Henry's Arms". Er unterstützt dort einen regional bekannten Musiker und seine Gäste mit den "Spoons", einem Holzinstrument. Es ähnelt zwei miteinander am Griff verbundenen Löffeln und produziert Töne in der gleichen Weise wie Kastagnetten. John arbeitet vier Tage die Woche in der Holzwerkstatt der Arche. Die Arche betreibt außer der Holzwerkstatt auch eine Töpferei. Die gehandycapten Menschen werden aus den Erlösen ihrer Produkte bezahlt. Freitags saugt John bei Blockbuster, einem Videoverleih, Staub. Außerdem sortiert er dort Filme ein. Zu Beginn seiner Schicht funktioniert das noch gut, gegen Ende hält er sich lieber mit dem Lesen der Filmbeschreibungen auf. Er ist mit seiner Lese-Fähigkeit in der Arche eher die Ausnahme. Auch Ann arbeitet, und zwar bei Arc, einem staatlichem Beschäftigungsprogramm für Menschen mit Behinderungen. Robin bringen wir tagsüber zum "Day program". Hier versammeln sich alle Bewohner der Arche, die keiner Beschäftigung nachgehen können, um gemeinsam mit den Mitarbeitern zu musizieren und zu tanzen.
Es folgen Zivildienst in Kanada- Toronto Islands und Zivildienst in Kanada-Niagara Falls. * Alle Personen- und Häusernamen wurden geändert.
Von Felix Albers
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