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Glühend heißer Wüstensand

Karikatur
(Karikatur: Müller)
Die Diskussion um Krieg, Afghanistan und Exit-Strategien

 

Was ist die Gemeinsamkeit zwischen einer „bewaffneten Friedensmission“ (Zitat Franz Josef Jung), einem „kriegsähnlichen Einsatz“ (Zitat Karl-Theodor zu Guttenberg) und einem „sinnlosen Krieg“? (Zitat Jürgen Todenhöfer). Das vorstehende Adjektiv, das einen näheren Zustand beschreibt. Addiert man jedoch diese Aussagen, kommt man zu einem ganz anderem Ergebnis: Afghanistan. Eine Sandwüste, die am „Hindukusch verteidigt“ (Zitat Peter Struck) wird.

Als die NATO einen Tag nach dem 11. September 2001 den Bündnisfall ausrief, schaute die Welt sofort auf den Mullah-Staat der Taliban, wo die Drahtzieher des Anschlages, Osama bin Laden und al-Qaida, vermutet wurden. Keinen Monat später begann die Nordallianz unter Führung der Vereinigten Staaten und der Duldung der Vereinten Nationen eine Invasion des Landes. Auch Deutschland beteiligte sich mit 1.500 Soldaten, um sich gegenüber der amerikanischen Nation solidarisch zu zeigen. Es sollte eine Sandkastenmission werden, die bis heute andauert: Die Amerikaner führen den Krieg im Süden und wir Deutschen bauen im Norden Schulen und Brunnen. Eigentlich ein fairer Deal, doch Soldaten sind nicht zum Bauen da, denn sie haben eigentlich ein anderes Handwerk erlernt: Sichern, Decken, Unterstützen und im Notfall: Töten. Doch was heißt im Notfall?

Über diese Frage stritten die deutschen Politiker als Erstes, als es darum ging 2003 und 2004 weitere Soldaten in die Wüste zu schicken und die Einsatzmission zu erweitern. Krieg war ein Wort, das nicht ausgesprochen werden durfte. Es bedeutete zuzugeben, dass eine Friedensmission gescheitert war. Doch wie umschreibt man geschickt den Krieg? Synonyme helfen nur bedingt weiter, wie die Diskussionen in den vielen Talkshows zeigen. Krieg wäre es gewesen, wenn die USA und ihre Verbündeten nicht einfach Soldaten nach Afghanistan geschickt hätten, sondern auch den Afghanen offiziell den Krieg erklärt hätten. In der Durchführung entschied man sich jedoch für zwei Strategien: Unterstützung und Kampf - die ISAF und die Operation „Enduring Freedom“ sollte zum einen den Krieg gegen den Terror beenden und gleichzeitig den Afghanen die Freiheit schenken. Doch welcher Krieg wird heute noch erklärt? Wozu so viele Worte, wenn man ohnehin gerüstet ist bis an die Zähne?
Es ist der rechtliche Unterschied, mit welchen Mitteln man einen Krieg nach dem Völkerrecht führen darf. Krieg ist ein schlimmer und grausamer Zustand, für die Soldaten aber eine „rechtliche Absicherung“. Sie dürfen schon bei der bloßen Witterung von Gefahr töten und müssen nicht erst warten, bis sie von einer Bombe zerfetzt oder aus dem Hinterhalt beschossen werden. Denn aus der Sicht der uniformierten Soldaten ist die Lage kompliziert: Die Taliban haben keinen "Dresscode" und sind dementsprechend schwer zu identifizieren. Aber nach dem deutschen Recht ist es ein Wagnis in „Friedenszeiten“ den Abzug zu tätigen. Leicht hat man eine Anklage wegen Totschlags oder noch Schlimmeres am Hals, sobald man wieder deutschen Boden betritt. Man darf sich also absolut keine Fehler erlauben. Die Nervosität ist groß.

Aus der Ferne sieht alles immer so einfach aus. Wir Normalbürger leben nicht viele Monate hinter Stacheldraht und Sandsackstellungen in einem Wüstencamp außerhalb der Stadt. Für uns ist ein Tanklaster nichts Besonderes. Wir sehen so etwas täglich auf der Autobahn. Doch in einem Land, wo ein Terrorist sehr schwer von einem Zivilisten zu unterscheiden ist, kann ein Tanklaster zu einer rollenden Bombe werden, wenn die falsche Person hinter dem Lenkrad sitzt. Wenn ein deutscher Oberst dann Meldungen erhält über eine derartige Entführung, unweit von einem deutschen Camp entfernt, wie sollte man in einer solchen Situation „angemessen“ reagieren? Sollte man Soldaten losschicken? Eine Drohne? Bomber, wie dann auch geschehen ist? Als Journalisten blicken wir auf die Berichte und werten den Ausgang einer solchen Entscheidung aus. Die Sündenböcke sind häufig die politischen Entscheidungsträger, was und wie viel sie gewusst haben könnten über mögliche unschuldige Opferzahlen. Die Kommandokette endet in Deutschland beim Verteidigungsminister. Er ist formal der Oberbefehlshaber der Streitkräfte in „Friedenszeiten“. Dieser sagte neulich in einer Fernesehsendung, dass dieser Einsatz „militärisch nicht mehr zu gewinnen“ sei. Man streitet über das Wort „angemessen“ und vergisst dabei, dass es um Menschen geht, die in einem fernen Land im Osten täglich ihr Leben für die Demokratie riskieren – es sind die afghanischen Demokraten und die deutschen Soldaten im Norden des Landes, die sich täglich in die Gefahr begeben.

Es muss darum gehen, welche realistische Strategie langfristig für Afghanistan die beste ist und wann wir unsere Soldaten abziehen können –  was sicherlich erst in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren geschehen wird. Im afghanischen Sand liegen russische Panzer, amerikanische Gewehre und unschuldiges Blut. Der Einsatz um den Willen zur Freiheit darf nicht umsonst sein: Weder für einen Soldaten noch für die deutschen Steuerzahler. Ein erster Schritt wäre die Verbesserung der Kommunikation zwischen „Front“ und Heimat. Zudem sollten die Zuständigkeiten innerhalb der Ministerien geklärt werden. Es ist einfach unzureichend, wenn eine Staatssekretärin im Ministerium für Verteidigung einen Bericht über den Luftangriff im Internet ergoogeln muss, wie es DER SPIEGEL berichtet. Der Draht darf nicht noch einmal im glühend heißen Wüstensand versiegen. Die Verschärfung des Afghanistan-Einsatzes darf nicht zum politischen Kampf der Parteien und ihrer Strategien mutieren, sie muss vernünftig artikuliert werden. Es steht einfach zu viel auf dem Spiel. 

 

Von Christian Müller

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Redaktion
02.01.2010 23:47
 

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