Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Ganz oben links auf jeder Seite befindet sich das Logo der JLU, verlinkt mit der Startseite. Neben dem Logo kann sich rechts daneben das Bannerbild anschließen. Rechts daneben kann sich ein weiteres Bild/Schriftzug befinden. Es folgt die Suche. Unterhalb dieser oberen Leiste schliesst sich die Hauptnavigation an. Unterhalb der Hauptnavigation befindet sich der Inhaltsbereich. Die Feinnavigation findet sich - sofern vorhanden - in der linken Spalte. In der rechten Spalte finden Sie ueblicherweise Kontaktdaten. Als Abschluss der Seite findet sich die Brotkrumennavigation und im Fussbereich Links zu Barrierefreiheit, Impressum, Hilfe und das Login fuer Redakteure. Barrierefreiheit JLU - Logo, Link zur Startseite der JLU-Gießen Direkt zur Navigation vertikale linke Navigationsleiste vor Sie sind hier Direkt zum Inhalt vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen vor Suche vor Fußbereich mit Impressum

Navigation
Artikelaktionen

Vertrieben! Assimiliert! Integriert?

 
Buch-Cover Kalte Heimat
(Bildmaterial: Siedler Verlag)
In seinem Buch „Kalte Heimat“ befasst sich der promovierte Historiker Andreas Kossert mit dem Schicksal der 14 Millionen Deutschen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aus den ehemaligen Ostgebieten Deutschlands vertrieben wurden. Ihrer Heimat beraubt, mussten sie sich in Westdeutschland und der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) auf oftmals beschwerlichem Weg eine neue Existenz aufbauen.

 

In den Mittelpunkt seiner Untersuchungen stellt Kossert das Leiden der Ostvertriebenen und den konfliktreichen Prozess der Eingliederung der Flüchtlinge in die etablierten Sozialgefüge der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Er kommt zu dem Schluss, dass die These von einer gelungenen Integration der Vertriebenen ein Irrglaube ist und plädiert für einen öffentlichen, generationsübergreifenden Diskurs über das Schicksal der Flüchtlinge. Deren von Verlust und Schmerz geprägte Geschichte soll zu einem Teil der kollektiven historischen Erinnerung der Deutschen werden.

 

Dass die Frage der Opferrolle der aus dem Osten Vertriebenen der Leitfaden des Buches ist, wird bereits bei einem kurzen Blick in das Inhaltsverzeichnis deutlich: Leitet Kossert das erste Kapitel noch mit der Frage „Vertriebene als Opfer?“ ein, so betitelt er das letzte Kapitel mit der Aussage „Vertriebene als Opfer“. Die Quintessenz des Werkes ist genau in diesen beiden Kapiteln zu finden. Die von diesem Rahmen eingeschlossene, tiefer gehende Erörterung seiner Thesen liefert Kossert in einer sich über zehn Kapitel erstreckenden Argumentationslinie. Sie setzt bei einer kurzen Einführung in die Thematik der Ostvertreibung an. Dabei werden die Geschichte der Deutschen in Osteuropa wie auch der politische Hintergrund der Vertreibung und ihr Vorgang als solche kurz und bündig abgehandelt. Im Anschluss daran geht Kossert auf die Aufnahme der Vertriebenen im besetzten Deutschland ein. Er bezieht sich hierbei auf so unterschiedliche Aspekte wie die Traumatisierung durch den Verlust der Heimat, den materiellen und kulturellen Ruin vieler Flüchtlinge und die Konfrontation der Ostvertriebenen mit dem Rassismus und der offenen Feindseligkeit vieler Einheimischer.

 

Weitere Inhalte des Buches sind die Schilderung der Eingliederungsbemühungen der politisch-administrativen Institutionen, wie sie sich beispielsweise im Lastenausgleichsverfahren zeigten, die allgemeine Politisierung der Vertriebenenfrage und die Organisation der Interessenvertretung der Vertriebenen. Dem Schicksal der Flüchtlinge in der SBZ und der späteren DDR widmet Kossert ein gesondertes Kapitel. Darüber hinaus geht er vertiefend auf die mit den Vertriebenen nach Deutschland gebrachte neue Religionsvielfalt ein. Sie habe kulturelle Konventionen sowie fest etablierte Traditionen in Frage gestellt und die deutsche Nachkriegsgesellschaft einem tiefgreifenden Wandel unterzogen.

 

Die Kapitel, in denen die Rezeption der Vertriebenenthematik in den Medien von 1945 bis heute und die Diskussion um den Wert und den Erhalt des kulturellen Vermächtnisses der Vertriebenen dargestellt werden, leiten über zu Kosserts Fazit. Demnach war und ist die Traumatisierung der Ostvertriebenen so schwer wiegend, dass sie sich auch auf deren Nachkommenschaft auswirke. Der Integrationsprozess sei somit bis heute noch nicht vollständig abgeschlossen. Dies durch die Anerkennung der Opfer der Flüchtlinge und den Erhalt ihres kulturellen Erbes zu erreichen, sieht Kossert als wichtige Aufgabe und gesamtdeutsche Pflicht an.

 

Nachdem die Diskussion über die Opfer der Ostvertriebenen lange Zeit als Tabu galt, ist es in den vergangenen Jahren zu einer verstärkten Aufarbeitung dieser Thematik in der Öffentlichkeit und in den Medien gekommen. Kosserts Werk ist für den bereits bestehenden Fundus an Forschungsliteratur insofern eine Bereicherung, als dass es die Vertreibung und die sich anschließenden Integrationsprozesse von innen heraus, aus der Perspektive von drei Generationen von Flüchtlingen beschreibt. Dieser „andere“, zum Teil schon fast intime Blickwinkel, ermöglicht es dem Leser, sich intensiv mit den Schicksalen von Millionen Ostvertriebenen zu befassen. Zudem wird durch das Buch deutlich, wie wirkungsmächtig die Veränderungen waren, die mit Flucht und Vertreibung über die deutsche Gesellschaft kamen.

 

Dass Kossert eine verständliche Sprache wählt und weitgehend auf Fachtermini verzichtet, macht das Buch auch für Laien sehr zugänglich. Zahlreiche Texteinlagen, Statistiken und einprägsame Illustrationen, die den einzelnen Sinnesabschnitten beigefügt sind, leisten darüber hinaus einen wichtigen Beitrag zur Veranschaulichung der Thematik. Im Anhang wird eine umfangreiche Liste an weiterführender Literatur zu den einzelnen Kapiteln geliefert. Eine lobenswerte Hilfestellung für interessierte Leser und ein Anreiz, sich vertiefend mit dem Thema der Ostvertreibung zu befassen.

 

In Anbetracht der Komplexität der Fragestellung ist leicht vorherzusehen, dass Kossert nicht alle Aspekte, die in Sachen Ostvertreibung eigentlich beleuchtet werden müssten, in seine Untersuchungen aufnehmen kann. Der Schwerpunkt des Buches liegt eindeutig im soziokulturellen Bereich. So werden beispielsweise auch wirtschaftliche Faktoren bei der Integration der Ostvertriebenen stets unter sozialpolitischen, kaum jedoch unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet.

 

Es gibt noch zwei weitere Gründe, warum Kosserts Betrachtungen kaum als gänzlich umfassend bezeichnet werden können: Zum einen wird die Situation der Flüchtlinge in der SBZ und der späteren DDR auf vergleichsweise wenigen Seiten abhandelt. Zum anderen gehört zu einer umfassenden wissenschaftlichen Untersuchung immer der Einbezug der Gegenposition. In diesem Fall wären dies die der Einheimischen, die mit den Flüchtlingsströmen aus dem Osten konfrontiert wurden. Kossert erhebt jedoch auch gar nicht den Anspruch, eine allumfassende Analyse zum Thema Ostvertreibung zu erstellen, da er von vornherein klarstellt, dass es ihm um die Perspektive der Vertriebenen geht. Die Konsequenz ist eine gewisse Subjektivität in seinen Betrachtungen.

 

Fazit:

Die moderne Geschichtsforschung hat sich mit dem Schicksal der Flüchtlinge bereits in großem Umfang beschäftigt, was die zahlreichen Publikationen, auf die auch im Anhang des Buches verwiesen wird, nachdrücklich belegen. Eine revolutionäre Neuheit ist „Kalte Heimat“ also nicht. Dies mindert jedoch weder den Wert noch die Aktualität des Werkes.  Die auf nationaler und internationaler Ebene zum Teil sehr scharf geführten Debatten um die Pläne zum Bau eines Dokumentationszentrums über die Vertreibung haben bewiesen, dass das Thema Ostvertreibung mehr denn je im Fokus der Öffentlichkeit steht. Es bedarf deshalb der Aufklärungsarbeit, die besonders vielen Menschen zugänglich ist.
Nicht zuletzt deshalb dürfte Kosserts Buch in die Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung aufgenommen worden sein. Mit einer Bereitstellungspauschale von 4 Euro ergibt sich ein Preis-Leistungs-Verhältnis, dem vergleichbare Lektürenangebote kaum beikommen können. Summa summarum ist Kosserts Buch also eine umfangreiche und sehr erschwingliche Einstiegslektüre zum Thema Flucht und Vertreibung und zudem ein eindrückliches Plädoyer für den Erhalt des kulturellen Erbes der Ostvertriebenen.

 

Andreas Kossert: Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945. Siedler Verlag, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Band 712, Bonn 2008. 430 Seiten, Bestellnummer 1712, Bereitstellungspauschale 4 Euro. 

 

Von Nicole Gottschalck