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Ich bin Jugoslawe, ich zerfalle also

Buch-Cover Wie der Soldat das Grammofon repariert
(Bildmaterial: Btb Verlag)
Opa Slavko starb innerhalb von 9,8 Sekunden, als sich sein Herz und der Sprinter Carl Lewis ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferten und dieser im Fernsehen einen Weltrekord über 100 Meter aufstellte. Seinem Enkel Aleksandar Krsmanivić hinterließ Opa Slavko nicht nur Zauberhut und Zauberstab, sondern nahm ihm auch das Versprechen ab, sich die Welt schöner auszudenken und nie mit dem Erzählen aufzuhören. Obwohl Zauberhut und Zauberstab nicht helfen, den Opa wieder ins Leben zurückzurufen, hält sich der junge Aleks zumindest an sein Gelübde vom Erzählen und Fantasieren. Hoch komisch und mit vielen witzigen Wortspielen berichtet der Protagonist Aleksandar aus seiner kindlichen Ich-Perspektive von seiner idyllischen und bunten Kindheit in der bosnischen Stadt Višegrad.


Da wird mit viel Pflaumenschnaps auf einem Fest die erste Innentoilette eingeweiht, da wird in der Drina um die Wette geangelt, da gibt es die unsterblichen Urgroßeltern. Und Aleksandar rät seiner rasenden, nie rastenden Tante Taifun, ihr kommendes Kind doch Speedy Gonzales zu nennen. Doch schon auf den ersten Seiten wird klar, dass die Handlung unweigerlich auf den Bosnienkrieg hinausläuft. Eine
erste Krise kündigt sich auf dem Pflaumenfest an, als ein Serbe sich über die Musik mokiert
und den Trompeter mit einer Pistole bedroht: „Sind wir denn hier in Istanbul?“.

 

Der Tod Opa Slavkos steht für eine Zäsur in Aleksandars friedlichem Leben. Aleks stellt fest, dass unvollendet alles besser ist, da am Ende immer das Vergehen steht. Er beschließt, „Chefgenosse des Unfertigen“ zu werden und seine Bilder nie mehr zu Ende zu malen. Und nach dem Tod Titos erkennt Aleks den beginnenden Zerfall Jugoslawiens, als die Titobilder in der Schule abgehängt werden und der Lehrer nicht mehr „Genosse Lehrer“, sondern „Herr Fazlagić“ genannt werden soll. Das Versprechen an seinen Opa lebt er besonders in seinen Schulaufsätzen aus. Fantastische Erzählungen aus dem Leben seiner Familie statt reale Erlebnisse kosten ihn fast die Versetzung in die nächste Klasse.

 

Der zweite Teil des Buches wird eingeleitet, indem die Leute die Stadt verlassen „ohne auf Wiedersehen zu sagen“. Als die ersten Bomben fallen, beginnt für Aleksandar und seine Familie das Leben im Schutzkeller. In seiner kindlich-naiven Sicht schildert er das Zusammenleben der Menschen auf engstem Raum, die willkürliche Brutalität der Soldaten und die Vergewaltigung seiner Tante Amela. Über ein Radio erhalten sie die Information vom Fall der Stadt, aber Aleks versteht nicht, wie eine Stadt ohne gewaltiges
Erdbeben fallen kann. Aleks verliebt sich in das schöne Mädchen Asija, deren muslimische Eltern verschleppt worden sind. Durch sie begreift er, dass es „richtige“ und „falsche“ Namen gibt. Da seine Mutter ebenfalls einen „falschen“ Namen besitzt – sein Vater ist Serbe, seine Mutter Muslimin –, fliehen sie nach Deutschland. In mehreren Briefen versucht er die zurückgelassene Asija wieder zu finden.

 

Mit der Flucht nach Deutschland reißt die chronologische Erzählung ab. In Form von Briefen, Listen oder einem „Buch im Buch“ werden die Geschehnisse rückwirkend erzählt. Am Ende des Romans stattet Aleksandar seiner Heimatstadt noch einmal eine Besuch ab. Die Geschichte endet am Grab seines Opas Slavko und mit den Gedanken an Asija. Ob er sie je wiedergefunden hat?

 

 

Fazit:

In seinem Debütroman schildert der Autor Saša Stanišić den bosnischen Bürgerkrieg aus Kinderperspektive. Im Bosnienkrieg war er mit seiner Familie von Višegrad nach Heidelberg geflohen, was dem Roman eine autobiographische Linie verleiht. Der Autor setzt gekonnt auf den naiven Blick des jungen Ich-Erzählers, so dass die Grenzen zwischen Realität, Einbildung und Traum verschwimmen. Heruntergespielt wird dadurch nichts, denn durch die neutrale Sicht des Jungen erscheinen die Untaten im Krieg umso grausamer.

Die Verwendung von Inhaltszusammenfassungen anstelle einer Nummerierung oder Betitelung der Kapitel ist nicht nur optisch ansprechend, sondern steigert die Lust weiterzulesen. Einzig der Abbruch der Chronologie nach der Flucht nach Deutschland schadet dem Erzählfluss. Andererseits spiegelt dies die Identitätsprobleme Alekandars in Deutschland wider.

Auch wenn es dieses Buch über die Nominierung für den Deutschen Buchpreis nicht hinaus geschafft hat, bleibt das Buch „Deutscher-Buchpreis-Gewinner der Herzen.“ (TAGESSPIEGEL).


Saša Stanišić: Wie der Soldat das Grammofon repariert. Btb Verlag, München
2008. 320 Seiten, Taschenbuch, 9 Euro.


Von Jessica Weiss

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Redaktion
17.11.2010 13:28
 

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