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Nach uns die Sinnflut

Karikatur von Christian Müller
(Karikatur: Müller)
Wenige Monate vor dem Klimagipfel in Kopenhagen stehen die unweltpolitischen Pläne des bürgerlichen Lagers fest

 

Auf dem Dach der Landesvertretung von Nordrhein-Westfalen in Berlin sitzt eine Krähe und beobachtet fasziniert das wuselige Geschehen vor dem Haus. Journalisten und Ü-Wagen vor dem Gebäude, immer wieder dieselben Fragen schnatternd, Politiker gehen ein und aus, pfeifende Umweltaktivisten mit Trommeln in unmittelbarer Entfernung. Das geht schon die ganze Woche so. Es scheint, als sei kein Ende in Sicht – selbst bis in die Nacht hinein diskutieren diese Anzugträger hinter den Jalousien über etwas, was die Menschen „Wachstum. Bildung. Zusammenhalt.“ nennen. Der Koalitionsvertrag. 128 Seiten geballtes Vorhaben für Deutschland, wie es die Zweibeiner kommentieren. Die Krähe ist uninteressiert, betrifft sie dieses Werk doch gar nicht. Irritiert blickt sie jedoch über die Straße – zu den „Ökos“, wie sie die Anzugträger nennen.

 

„Was wollen die eigentlich?“, denkt sie sich und fliegt neugierig los. Über Peter Frey hinweg, der gerade wieder einmal live nach Mainz geschaltet wird, sind es nur noch ein paar Flügelschläge bis zum Stand der Atomkraftgegner. Zwei Meter rechts davon steht eine Birke. Dort lässt sie sich nieder und betrachtet die Spruchbänder und Flyer von Greenpeace und Co. Eine Frau mit einer großen Rassel und Birkenstocks gestikuliert wild vor einem Polizisten. „Haben Sie denn eine Ahnung, was die da drin beschließen?“, fragt sie den ins Leere blickenden jungen Mann mit kurz geschorenem Haar in der Montur der Bereitschaftspolizei. Sie bekommt keine Antwort, diskutiert aber weiter als würde sie mit einer Mauer sprechen. Die Krähe kratzt sich mit dem Flügel über den Schnabel. Hier stinkt es gewaltig!

 

Die zukünftige, in den Medien putzig als „Tigerenten“- Koalition bezeichnete Regierung widmet den Themen Klimaschutz, Energie und Umwelt knapp neun Seiten im Koalitionsvertrag – immerhin. Betrachtet man den genauen Wortlaut jedoch etwas eingehender, fällt einem auf den ersten Blick sofort auf, dass die Begriffe Ökonomie und Ökologie eng miteinander verdrahtet werden und niemals sinnbildlich alleine stehen. Fast käme man auf den Gedanken, dass Ökologie nur dann sinnvoll wäre, wenn sie nicht zu Lasten der Ökonomie ginge. Ein paar kompliziert klingende Worthülsen aus dem Vertragswerk: „Wir sehen Klimaschutz zugleich als Wettbewerbsmotor für neue Technologie. […] Wo immer möglich, wollen wir marktbasierte Instrumente wie den Clean Development Mechanism (CDM) nutzen […] Der Emissionshandel ist das vorrangige Klimaschutzinstrument. [...] Wir setzen uns dafür ein, dass energieintensive Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb Nachteile befürchten müssen, weiterhin von den Versteigerungen der Emissionsrechte ausgenommen bleiben.“ Rolle rückwärts und Freifahrtsschein für Großkonzerne?

 

Die Krähe kennt die Situation aus ihrem Alltag. Sie wechselt zwischen den Biosphären und ist Bewohner zweier Welten: Der Erde und der Luft. Wobei sie ihre Mobilität nur in Letzterem effektiv umsetzen kann. Hier ist sie über einer Großstadt wie Berlin dem ausgesetzt, was wir so täglich alles in ihren Lebensraum blasen: Kohlenwasserstoffe, Stickstoffdioxide, Monoxide und Schwefelverbindungen  - neben den üblichen Verdächtigen Ozon (O3) und Kohlendioxid (CO2). Der reinste Chemiebaukasten. Luftchemiker wie Heiko Bozem vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz messen täglich die Luft über den Städten und registrieren besonders in den Sommermonaten erhöhte Werte in den Ballungszentren. Jeder Student in vollbesuchten, kleinen, stickigen Hörsälen kennt den Effekt: „schlechte“ Luft steigt nach oben. Das Problem ist, dass zusätzlich zu dem natürlichen Kohlendioxid-Kreislauf nun der künstliche des Menschen ins System gebracht wird und den sogenannten „Treibhauseffekt“ und die ansteigende Erderwärmung verursacht.

 

Eine fraglich instabile Variable, mit der nun die Politik versucht zu jonglieren. Wie auf einem Basar wird es im Dezember in Kopenhagen darum gehen, die Treibhaus-Emissionszahlen bis 2020 stückweise zu senken. Deutschland hat das ehrgeizige Ziel diese gegenüber 1990 um 40 Prozent zu reduzieren. Bei den Verhandlungen setzt die zukünftige Regierung darauf, dass eine „faire Lastenverteilung“ eingesetzt wird, „die vergleichbare Wettbewerbsbedingungen“ auch für Schwellenländer schafft. Im Klartext heißt das: Die Reichen sollen den Armen dabei helfen, ihre Wirtschaft auf Klimaschutz zu trimmen. Dabei sind es die ganz Großen, vorne weg die USA und China, die die Vertragsverhandlungen nicht nur spannend machen, sondern sie sogar zum Platzen bringen könnten - denn in der faktischen Vertragsumsetzung wittern sie eine Beschneidung ihrer Wirtschaft und sie fürchten, dass ein entsprechendes Klimagesetz zum Gipfel nicht rechtzeitig ratifiziert werden könne.

 

Den beiden größten Produzenten von Treibhausgasen steht ein Newcomer gegenüber: Nobert Röttgen, der neue Bundesumweltminister. Promovierter Jurist und kompetenter Wirtschaftspolitiker, der als CDU-Abgeordneter 2005 die parlamentarische Geschäftsführung seiner Bundestagsfraktion übernahm. Dieser Mann sitzt für Deutschland auch mit am Verhandlungstisch und versucht mit seinen Amtskollegen dem Ziel näher zu kommen, die drohende Erderwärmung zu vermeiden. Beobachter erkennen bereits in den Vorverhandlungen ein kräftiges Tauziehen zwischen Wirtschaftslobbyisten und Realpolitikern. Röttgen, der gute Verbindungen zum Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) aufweisen kann, muss sich für ein Tauende entscheiden.

 

Für die Krähe ist es ein leichtes sich in die Lüfte zu schwingen und dem ganzen Problem, um das sich die ganze Diskussion dreht, wegzufliegen. Irgendwann wird aber auch sie zu spüren bekommen, dass sie Teil eines Ganzen ist, so wie der Mensch, und dann muss sie sich dem Problem auf eine Weise stellen. Sich genetisch an die Gegebenheiten anpassen wäre eine Möglichkeit. Solange dem Menschen aber noch keine Flügel oder Flossen wachsen, ist die Erde unsere Biosphäre. Und noch haben wir nicht die Mittel ihr zu entfliehen. 

 

Von Christian Müller

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Redaktion
03.11.2009 09:32
 

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