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Der Große Führer und das kleine Land

Abbildung Stalins in einem Aufruf der SED
Stalin als kommunistischer „Klassiker“. (Foto: Triesch)
Stalinistischer Personenkult in der DDR

 

 


Im Januar 2008 war auf der Berliner Liebknecht-Luxemburg-Demo, einer alljährlichen Veranstaltung zum Gedenken an die 1919 ermordeten Sozialisten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, ein Transparent mit der Aufschrift „Der Antistalinismus ist die Speerspitze des Antikommunismus“ zu lesen. Was hier auf den ersten Blick wie verschrobene (N)Ostalgie wirken mag, zeigt doch, wie tief die DDR-Gesellschaft von stalinistischem Gedankengut durchdrungen war: Ideologie-Bestände, die in den Köpfen einiger ehemaliger DDR-Bürger anscheinend überdauert haben.

Dass Stalin die Geschicke des östlichen Teils in Deutschland nach der Befreiung vom Nationalsozialismus weitgehend bestimmte, erscheint als eine Selbstverständlichkeit. Als uneingeschränkter Machthaber im Kreml traf er natürlich die außenpolitischen Entscheidungen. Doch es war weitaus mehr als dieser außenpolitische Einfluss, der die Politik in Ostdeutschland dominierte. Noch vor Kriegsende wurden am 30. April 1945 die Mitglieder der „Gruppe Ulbricht“, benannt nach ihrem Anführer und späterem Staatsratsvorsitzenden der DDR, Walter Ulbricht, aus Moskau nach Berlin geflogen. Hinter dieser Bezeichnung verbarg sich eine Gruppe von Exildeutschen, die in der UdSSR geschult wurde, um nach Kriegsende leitende Positionen in Politik und Gesellschaft zu übernehmen. Von Anfang an gab es also eine enge Verflechtung zwischen den politischen Entscheidungsträgern in der UdSSR und den deutschen Verantwortlichen in der sowjetischen Besatzungszone. Eine Chance für eine eigenständige Politik, wie sie in den westlichen Besatzungszonen nach und nach gewährt wurde, bestand somit von vornherein nicht.

 

Propaganda-Mappe über Stalin
Stalin-Propaganda-Mappe von 1953. (Foto: Triesch)

„Und Stalins Wille wird geschehen“

Die Politik der UdSSR griff auch in den ideologischen Bereich ein. Das zeigte sich in der Verehrung des „Großen Führers“ Stalin, der in eine Reihe mit den „Klassikern“ kommunistischer Theoriebildung Marx, Engels und Lenin gesetzt wurde.
Am Offensichtlichsten kam dieser Personenkult in Namensgebungen zum Ausdruck. Die längste Straße Berlins, die heute Teile der Frankfurter Allee und der Karl Marx Allee umfasst, wurde zum 70. Geburtstag Stalins am 21. Dezember 1949  „Stalinallee“ getauft. Die nach sowjetischem Vorbild konzipierte Prachtstraße wurde 1951 zusätzlich noch mit einem Denkmal zu Stalins Ehren geschmückt, das Walter Ulbricht persönlich einweihte.

Weniger spektakulär, aber vom Symbolgehalt ebenfalls bedeutend war die Benennung eines Teils des heutigen Eisenhüttenstadts als „Stalinstadt“, nachdem der Namenspatron im März 1953 gestorben war. Ehrungen solcher Art gipfelten etwa auch in Gedichten, die für heutige Leser kaum mehr nachvollziehbar sein dürften. Ein Beispiel:  Johannes R. Bechers  „Danksagung“. Darin heißt es: „Und kein Gebirge setzt ihm eine Schranke, kein Feind ist stark genug zu widerstehen dem Mann, der Stalin heißt, denn sein Gedanke wird Tat, und Stalins Wille wird geschehen.“ Von Johannes R. Becher stammt übrigens auch der Text der DDR-Nationalhymne.

Doch der Kult wurde nicht nur in solch monumental anmutenden Formulierungen inszeniert, sondern auch in anderen Bereichen der Gesellschaft praktiziert. Im Blickfeld standen dabei vor allem die Jüngsten. Als ein besonders beeindruckendes Zeugnis für die von oben gesteuerte Stalin-Verehrung bereits im Kindergarten zeugen hierbei Briefe, die Kinder zum 70. Geburtstag des Diktators verfassten. Es finden sich darin Sätze wie: „Stalin hat einen Bart und schwarze Haare, Stalin hat Kindergärten und Betten gebaut, und er läßt Häuser bauen. Stalin hat alle lieb. Stalin hat auch Soldaten, und die kämpfen für Frieden.“ Was hier zwar erschütternd, aber doch noch kindlich-naiv anmutet, setzte sich in der Schule als Indoktrination fort. So war Stalin im „Unterricht quasi omnipräsent. Circa ein Drittel des Lehrplans war mit Stalin verbunden. Allerdings waren das nicht nur die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer, sondern auch die Naturwissenschaften, wenn Anschauungen, die Stalin für richtig hielt, unterrichtet wurden“. Das berichtet rückblickend Ulrich Grabosch, Abiturient des Jahrgangs 1952, der später an der Berliner Humboldt-Universität lehrte.

Bei Wahlen zu den Gremien diverser parteinaher Organisationen (beispielsweise bei einer FDJ-Versammlung) war es üblich, neben einem Lehrer auch „den abwesenden Weisen Führer der Menschheit Iossif Wissarionowitsch Stalin“ in das Präsidium zu wählen und dessen Stuhl dann frei zu lassen. In diesen Präsidien zelebrierte man dann feierlich auch den Geburtstag dieses „Mitglieds“.

 

Abkehr vom Personenkult Mitte der Fünfziger Jahre

1956 leitete Stalins Nachfolger Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU den Versuch einer Abkehr vom Personenkult ein. In seiner berühmten „Geheimrede“ kritisierte er die Verehrung Stalins und stellte ihn als Verbrecher bloß. Das politische System, das einen solchen Personenkult erst ermöglicht hatte, hinterfragte er aber nicht, so dass die „Entstalinisierung“ in der UdSSR und auch in der DDR nur darauf beschränkt blieb, die Auswüchse des Personenkults zu beseitigen. Trotzdem dauerte es noch bis zum November 1961, bis „Stalinstadt“ zu „Eisenhüttenstadt“ und die „Stalinallee“ zur „Karl Marx Allee“ und „Frankfurter Allee“ wurde. Das einst dort errichtete Stalin-Denkmal wurde in einer Nacht und Nebel-Aktion abgerissen. Nur ein Ohr Stalins ist erhalten geblieben: das hatte einer der Abriss-Arbeiter noch schnell eingesteckt.

Der plakative Personenkult wurde durch solche Demontage-Aktionen zwar zurückgefahren, das System aber blieb bestehen. Bis sich die SED entschloss mit dem „Stalinismus als System“ zu brechen, musste erst der Herbst 1989 kommen.

Der Personenkult war symptomatisch für ein System ohne kritische Öffentlichkeit. Da sich eine solche Kritik nie entfalten konnte, bewirkte das Ende des symbolischen Kultes um Stalin keine grundlegende Änderung des diktatorischen Systems.

 

Von Sebastian Triesch

  • Die Zitate stammen aus: Spittmann, Ilse; Helwig, Gisela (Hrsg.): DDR Lesebuch – Stalinisierung 1949-1955, Köln 1991.

 

 

Audiodatei zum Herunterladen

Interview mit Dr. Hans-Jürgen Bömelburg, Professor für Osteuropäische Geschichte an der JLU

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Redaktion
03.09.2009 14:41
 

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