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Von Pollenflug bis Gewittermigräne

Winterlandschaft Gießen
Kälte und Nässe greifen den Menschen an (Foto: Christian Müller)
Pusteblume
Im Frühjahr haben es Allergiker schwer, denn beim kleinsten Windhauch fliegen die Pollen. (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Gewöhnlicher_Löwenzahn; Urheber*: Nova)
Das Wetter und die körperlichen Auswirkungen auf den Menschen

 


Das Wetter ist allgegenwärtig. 24 Stunden nimmt es uns und unsere Umwelt in Anspruch, egal ob man sich in einem Haus oder auf freiem Feld bewegt. Doch auch wenn sich der Mensch durch Kleidung und Technik an klimatische Bedingungen anpassen kann, kommt es immer wieder zu körperlichen Beschwerden, die von Klimamedizinern und Meteorologen als „Syndrom der Wetterfühligkeit“ bezeichnet werden. Laut neuesten Studien glauben 50 Prozent der deutschen Bevölkerung wetterfühlig oder wetterempfindlich zu sein. Bei der geographisch prozentual höher liegenden Landbevölkerung Baden-Württembergs und Bayerns liegen diese Werte sogar noch höher. Aber was ist dran am "Biowetter"?

 

Die älteste medizinische Schrift, das sogenannte „Nei Ching“, die auch auf das Wetter einging, wurde im 3. Jahrtausend v. Chr. verfasst und legte die Pfeiler für eine weit verbreitete polarisierende Philosophie in Asien – den Taoismus. Yin und Yang, die beiden Schlüsselbegriffe aus dem Taoismus, sind nicht nur die Symbole für Dunkelheit und Licht, sondern auch für Kälte und Hitze. Die Keimzelle von Krankheiten wurde nach der „Nei Ching“ in zwei Dimensionen aufgeteilt. Die erste dieser Dimensionen befasste sich mit meteorologischen Merkmalen wie Wind, Kälte, Trockenheit und Feuchtigkeit. Auf der anderen Seite wurden emotionale Eigenschaften wie Freude, Trauer, Zorn und Angst als zweite Dimension definiert. Die Menschen dieser Zeitperiode glaubten daran, dass die Gesundheit nur durch eine harmonische Relation zwischen Körper, Geist, den Gestirnen und der Jahreszeiten erhalten werden konnte. 

 

Den ersten Meilenstein aus Sicht der Medizinmeteorologie und des Biowetters kann man dem antiken Philosophen Hippokrates zuschreiben, der im 4. Jahrhundert v. Chr. in seiner „Corpus Hippokraticum“ das Verhältnis zwischen Wetter und Gesundheit erkannte. Hippokrates beschrieb als erster Gelehrter das häufige Auftreten von Krankheiten beim Wechsel der Jahreszeiten, die auf veränderte Luftströmungen in der Atmosphäre schließen ließen. Außerdem erkannte Hippokrates die unterschiedlichen klimatischen Bedingungen zwischen Griechenland und dem afrikanischen Kontinent. Beinahe tausend Jahre sollten seine Schriften und Thesen die römisch-griechische Medizin prägen.  

Von der Mythologie zur Naturwissenschaft

Aristoteles-Büste
Aristoteles war einer der ersten, die den Zusammenhang zwischen Wetter und gesundheitlichem Befindem erforschten. ( Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Aristoteles)

Auch Aristoteles, der Vater der Meteorologie, befasste sich mit der Atmosphäre und ordnete den vier Naturelementen verschiedene Krankheitsbilder bei menschlichen Körperorganen zu. In Aristoteles „Physica“, in der das Prinzip der Bewegung zum ersten Mal erschlossen wurde, setzte die Zeit als Faktor für die Kinetik neue Impulse. Dass Zeit sehr wichtig für ein dynamisches System wie das Wetter ist, erkannte Aristoteles und setzte gleichzeitig Folgendes für die Bewegungen voraus: Was körperlich galt, muss gleichermaßen seelisch Geltung haben. Schlägt das dynamische System Wetter also um, ist der Mensch als empfindsames Wesen direkt davon betroffen, so die Logik des antiken Philosophen. 

 

Im römischen Imperium konnten schließlich einflussreiche Aristokraten wie Cornelius Celsus und Claudius Galen das Thema Wetter und Gesundheit wieder auf die Agenda setzen, als sie erkannten, dass Luftfeuchte und Klimabäder hilfreich bei körperlichen Schmerzen sein konnten. Doch durch den Verlust von Wissen im Mittelalter, blieb bis zur Renaissance die wissenschaftliche Arbeit in den Naturwissenschaften nur im Kontext der Bibel weiter möglich. Im 16. Jahrhundert setzte der Naturforscher und Philosoph Philip Theophrastus Paracelsus in seinem Werk „Die Säulen der Medizin“ neue Akzente. Er behauptete, dass der Druck von außen sich auf den Menschen auswirke und so Krankheiten auslöse. Seine Thesen wurden mit der Erfindung des Thermo- und Barometers rund 200 Jahre später durch Fahrenheit, Celsius und Torricelli teilweise bestätigt. Goethe selbst hatte einst gesagt, dass er bei hohem Barometerstand besser arbeiten könne, als bei tiefen. Die Aussage des deutschen Literaten macht deutlich, dass Wetterfühligkeit nicht nur für den kleinen Bauern auf dem Lande Auswirkungen zu haben scheint. 

 

Wie wirken sich nun die Wetterlagen auf den menschlichen Körper aus? 

Kurzfristige, rapide Wetteränderungen, wie Abfall des Luftdrucks, der Temperatur oder der Anstieg der Luftfeuchtigkeit, können besonders großen Einfluss auf den menschlichen Organismus nehmen. Die erheblichen Veränderungen beanspruchen den Körper sehr stark. Besonders das Herz-Kreislauf-System, das Drüsensystem zur Wärmeregulation, die Atmung, aber auch das größte Organ des Körpers – die Haut – müssen sich den Veränderungen in der Atmosphäre anpassen. Der Wärme-Flüssigkeitsaustausch durch die Epidermis, der obersten Hautschicht, kann im Sommer zu Stimmungsschwankungen führen. Vor allem dem Autofahrer im heißen Fahrzeuginneren kann das zu schaffen machen. Wutausbrüche und der Hang zum schnellen Fahren sind hier auszumachende Faktoren. Grund hierfür ist die Verringerung des Temperaturgefälles zwischen Körperkern und Epidermis, die dazu führt, dass die Herzfrequenz zunimmt. Diese innere Unruhe sucht sich schlussendlich ein Ventil.


Die Schwankungen der meteorologischen Elemente können auch Schmerzen an Bändern, Sehnen und Gelenken verursachen. Insbesondere feuchtfrische Luft kann beim Schlechtwetterwechsel in den Wintermonaten Schmerzen in den erwähnten Körperregionen auslösen. Ähnlich wie die Temperatursensoren des Körpers, werden die Schmerzrezeptoren bei Wetterumschwung angeregt. Experten und Sportmediziner vertreten die Meinung, dass auf diese Weise Sehnen, Muskelgewebe und Knochen wegen ihrer unterschiedlichen Dichte verschiedenartig gedehnt und zusammengezogen werden können und so Schmerzen entstehen. Dieser Bereich der medizinischen Meteorologie befindet sich aber noch in den Kinderschuhen.

Die wohl bekannteste auftretende Krankheit bei einem Frontdurchlauf und der Verschiebung von kalten Luftmassen ist die Verschleimung der Atemwege, auch bekannt als gewöhnliche Erkältung. Asthmakranke und -patienten reagieren hierauf sehr empfindlich. Die ausgetrockneten und mangelhaft durchbluteten Schleimhäute bilden einen idealen Nährboden für Viren. Außerdem bewirkt der Verlust von Wasser über die Atmung, auch bei gesunden Menschen, dass das Blut sich verdickt.

"Biowetter" ist ein modernes Phänomen wie laktosefreie Milch und aktive Bakterienkulturen im Jogurt. Dennoch greift die moderne Wissenschaft hier einen avantgardistischen Aspekt auf, der nicht zu vernachlässigen ist: Dass das Wetter uns Menschen generell beeinflusst, wissen wir schon. Aber inwieweit es sich auf unseren Organismus und unseren Geist auswirkt, ist noch nicht vollständig erforscht. Hier kann noch einiges Neuland erschlossen werden.


Von Christian Müller


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