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„Ich will auf die Fassade des Menschen gucken“

Buchcover Auch Deutsche unter den Opfern
(Bildmaterial: Verlag Kiepenheuer & Witsch)
Benjamin v. Stuckrad-Barres neues Buch "Auch Deutsche unter den Opfern"


Er sei kein Journalist, es sei lediglich einfacher an die Menschen ranzukommen, wenn man unter dem Deckmantel einer Zeitung agiert, sagt Benjamin von Stuckrad-Barre über sich selbst. So ist es dem Autor unter dem Schutz des Presseausweises gelungen, Politiker, Schriftsteller, Sänger und andere prägende Personen unserer Zeit hautnah zu begleiten. Seine Eindrücke hält er in seinem neuesten Buch „Auch Deutsche unter den Opfern“ fest, das Anfang des Jahres erschienen ist.

 

Der provozierende Titel spielt auf den üblichen Zusatz bei Katastrophenmeldungen an. Wobei man sich die Frage stellen kann, ob die restlichen Leidtragenden dadurch an Bedeutung verlieren. Im Buch jedoch befasst sich Stuckrad-Barre mit fast jedem Menschschlag. Durch seine Geduld gelingt es ihm, genau den Moment zu erfassen, in dem sein Gegenüber auch die andere Seite seiner Fassade zeigt. Wer aber denkt, einen Blick hinter die Maske gewährt zu bekommen, ist hier falsch. BvS-B, wie er das Nachwort unterschreibt, tut in seinem neuen Werk vor allem eines: beschreiben. Das unterscheidet ihn vom Journalisten, er möchte nicht die Essenz des Menschen herauskristalisieren und dem Leser die Arbeit
abnehmen. Er betreibt „teilnehmende Beobachtung“ und will lediglich "auf die Fassade des Menschen gucken".

 

Roland Koch beim Kartoffelpuffer braten im Straßenwahlkampf der CDU: Alleine durch die Beschreibung des Zögerns, bevor der Koch den Puffer zum Wenden in die Luft befördert (wird es gelingen oder nicht?) wird einem klar, wie sehr wirklich alles symbolische Bedeutung haben kann. Auch die Attac-Demonstranten haben jenseits aller Ideologie mit einem ganz unparteiischen Gegner zu kämpfen, dem Regen. Keine politische Couleur wird in dem Buch ausgelassen, aber es wird immer nur beobachtet.

 

Auch Deutsche unter den Opfern folgt inhaltlich und strukturell der Tradition seiner Vorgänger Remix, Remix 2 und Deutsches Theater. Wie diese drei schwer kategorisierbaren Werke besteht es aus Artikeln, die zuvor in verschieden Zeitungen und Zeitschriften erschienen sind. Auch die Themenvielfalt des Buchs ist bemerkenswert. Die Abfolge ist klug gewählt: auf Staatskunst folgt Musik. In dem Bereich hat sich Stuckrad-Barre bereits einen Namen gemacht. Man erinnere sich an sein Erstlingswerk Soloalbum, das gleich zum Durchbruch führte und sogar Harry Rowohlt ein Lob entzog: "Normalerweise lasse ich mich nicht von Jungspunden als Jeansjackenträger beschimpfen. Bei Benjamin v. Stuckrad-Barre mache ich ausdrücklich eine Ausnahme. Weil er Soloalbum geschrieben hat, darf er das. Aber nur ein paarmal." Hier widmet sich der Autor allerdings nicht Oasis, sondern begibt sich auf die Spuren von Falco, der nach seinem Tod so viel mehr Freunde gehabt zu haben scheint als zu Lebzeiten. Und auch die deutsche Musiklandschaft kommt nicht zu kurz: Parallelen zwischen Grönemeyer und Westernhagen (oder doch Müller-Westernhagen?), Udo Lindenbergs Comeback sowie die schwere Entscheidung Stuckrad-Barres beim monatlichen Plattenkauf, wo man zur Abwechslung mal dazu kommt diesen selber zu beobachten.

 

So kann man die Liste der angeschnittenen Bereiche endlos fortsetzen: Kino, Literatur, moderne Kunst, Religion... Und immer wird der Leser dazu aufgefordert, sich mit der Fassade zu beschäftigen. Ohne eine Meinung vorgesetzt zu bekommen, wird man dahin geführt, sich mit Kunstfiguren auseinander zu setzen, die Grenzen der Wahrheit und der Wirklichkeit zu erfassen. Dabei schließt die Figur BvS-B sich in keinster Weise aus diesem ganzen Zirkus aus (der drittbestangezogene Mann Deutschlands kann es sich ja leisten zu behaupten, ihm wären Kleider egal...). Grenzen kennt er keine. Wohlwissend, dass seine Art der Beobachtung trotz allem nicht neutral bleiben kann, scheut er nicht davor, die „Heiligen Kühe“ der Republik in sein Vorhaben mit einzubeziehen. Sei es Günther Grass oder Hans Magnus Enzensberger, mal erscheinen sie im schlechteren, mal im besseren Licht.

 

Gerade diese Dreistigkeit gepaart mit Wortwitz und Humor macht dieses Buch so lesenswert. Es liest sich wie ein Spiegel der Zeit, eine Reise durch die Bundesrepublik, die unbekannte Einblicke gewährt, ohne es sich mit Voyeurismus oder Klatsch einfach zu machen. Zum Nachdenken anzuregen ist Herrn Stuckrad-Barre in jedem Fall gelungen, ebenso einen Beitrag zur Meinungsbildung zu leisten. Gerade weil dies gelungen ist, denkt man zurück an Helmut Dietls einführenden Worte: Der Autor soll ihm verraten haben, dass alles reine Fiktion sei....oder doch nicht?

 

Von Maud Hennequin

 

Benjamin von Stuckrad-Barre: Auch Deutsche unter den Opfern. Kiepenheuer & Witsch,
Köln 2010. 333 Seiten, broschiert, 14,95 Euro.

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Redaktion
23.06.2010 13:37
 

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