„Ich gehe auf keine Demonstration, ich bin selber eine.“
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Kaum ein Schüler ist in den letzten Jahren an ihm vorbeigekommen – Stücke wie "Der Besuch der alten Dame", "Die Physiker" und der Prosatext "Der Richter und sein Henker" sind fester Bestandteil des deutschsprachigen Unterrichtsgeschehens. Dabei scheiden sich an seinen Werken die Geister: Während ihn die einen als größten deutschsprachigen Dramatiker des 20. Jahrhunderts neben Bertolt Brecht feiern, lehnen die anderen das teils grotesk anmutende Bühnengeschehen strikt ab. Vor wenigen Tagen, am 5. Januar 2011, jährte sich der Geburtstag des Schriftstellers, Dramatikers und Malers Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) zum 90. Mal.
So vielfältig wie die Meinungen über Dürrenmatt, gestaltet sich auch sein Werk selbst. Während die fratzenhaft-bizarren Komödien den Einzelnen in ein undurchdringliches Netz namenloser Mächte einweben, sind auch die Hörspiele und Prosatexte, die zum Teil auf dem scheinbar trivialen Feld des Kriminalromans angesiedelt sind, fester Bestandteil des Schaffens des Schweizer Schriftstellers.
Der internationale DurchbruchDurch diese Arbeiten und Hörspiele für diverse Radiostationen besserte sich die Situation rasch, sodass Dürrenmatt genügend Freiheit besaß, an seinen Stücken zu arbeiten. Durch Die Ehe des Herrn Mississippi gelang ihm 1952 ein erster Erfolg in der Bundesrepublik. Binnen weniger Jahre war der gebürtige Konolfinger auf dem Gipfel des Erfolges angekommen: Durch seine „großen Drei“, Der Besuch der alten Dame (1956), Die Physiker (1962) und Der Meteor (1966), aber auch den Prosatext Die Panne von 1956, den Marcel Reich-Ranicki für „ein Meisterwerk sondergleichen“ hält, kam der Schweizer zu Weltruhm, der im Großen Schillerpreis und weiteren Würden Ausdruck fand.
„Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.“ Dürrenmatts Stücke kreisen um die großen Themen der Menschheit, um Schuld und Sühne, universelle Moral und Gerechtigkeit. In ihnen werden die Welt und ihre Gesetze verzerrt und abstrahiert, das Bühnengeschehen oftmals nur schemenhaft angedeutet; ob die reiche „alte Dame“ Zachanassian ihre Mitbürger korrumpiert, oder sich der Atomphysiker Möbius unbewusst in die Höhle des Löwen, das Irrenhaus, begibt, um die Welt zu retten. Dürrenmatts Stücke sind geprägt vom tragischen Zufall, durch den der Mensch den ebenso bösen wie grotesken Mächten begegnet, gegen deren Willkür er sich erfolglos wehrt – dem Fortschritt und Zukunftsglauben widersetzt sich der Moralist mit allen Mitteln. Über seine literarische Arbeit sagte Dürrenmatt: „Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.“ Als politischer Mensch skizziert er in seinen Werken Untergangsszenarien der Gesellschaft und ihrer Konventionen und bekannte: „Ich gehe auf keine Demonstration, ich bin selber eine.“
Dürrenmatts DichterdämmerungNach dem großen Durchbruch vollzog Friedrich Dürrenmatt einen Wandel vom „philosophierenden Theatermann zu einem theaterverliebten Philosophen“, so sein Biograf Heinrich Goertz. In dieser Schaffensphase bearbeitete und inszenierte Dürrenmatt vor allem Stoffe anderer Dramatiker: König Johann und Titus Andronicus nach Shakespeare, Play Strindberg (nach dem Totentanz von August Strindberg) und Goethes Urfaust. Dabei blieben ihm größere Erfolge allerdings verwehrt – nichtsdestotrotz wurde er 1983 mit dem Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur und dem 1986 mit dem Georg Büchner-Preis ausgezeichnet. Ein Jahr nach dem Tod seiner Frau Lotti heiratete Dürrenmatt 1984 die Schauspielerin Charlotte Kerr, mit der er zusammen seine letzten Werke publizierte, ehe er am 14. Dezember 1990 in Neuenburg verstarb. |
Posthumer Ruhm
Trotz des nur mäßigen Erfolgs in dieser letzten Periode seines Schaffens ist Friedrich Dürrenmatt doch als einer der großen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts in Erinnerung geblieben und wird mit Bertolt Brecht und Max Frisch in einem Atemzug genannt. Während er vor allem nach wie vor als Dramatiker und glänzender Essayist bekannt ist, sind seine künstlerischen Werke erst in den letzten Jahren in den Mittelpunkt getreten. Dürrenmatt hat sein ganzes Leben über gezeichnet; er illustrierte seine Schriften und fertigte zahlreiche Selbstporträts an, scheute allerdings davor zurück, seine Kunst zu veröffentlichen. Gerade einmal drei Ausstellungen legen hiervon ein beeindruckendes Zeugnis ab. Mittlerweile sind seine Bilder dauerhaft im Centre Dürrenmatt Neuchâtel, Dürrenmatts langjährigem Wohnhaus, zu sehen.
Friedrich Dürrenmatts Arbeit wird auch in Zukunft weiterhin Bestand haben – in jedem Fall wird er noch viele Generationen von Schülern teils verzücken, teils bedrücken und mit seinem interpretationsfähigen, düsteren Werk für Gesprächsstoff sorgen. Nebenbei gesagt: Auch Dürrenmatts Todestag ist gerade erst verstrichen. Am 14. Dezember 2010 jährte er sich zum 20. Mal.
Von Patrick Wichmann