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Als die Bilder laufen lernten

Roxy Kino in Gießen
Heutige Kinos, wie hier das Roxy Kino in Gießen, haben mit den Wanderkinos, die es zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab, nicht mehr viel gemeinsam. (Foto: Johannes Raddatz)
Wie das Kino seinen Weg vom Jahrmarkt in den Laden fand

 

„Ins Kino oder ins Karussell?“, das war wohl eine der meist gestellten Fragen eines Jahrmarktbesuchers zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Denn wenn man sich in den Jahren von 1895 bis 1910 einen Film anschauen wollte, musste man entweder ins Varieté oder auf den Jahrmarkt gehen. Aber warum werden heutzutage keine Filme mehr in Jahrmarktsbuden gezeigt?

 

Reine Technik oder Zauberei? Die erste Filmpremiere

Am 1. November 1895 durften die Deutschen zum ersten Mal bewegte Bilder bewundern. Im Berliner Varieté Wintergarten präsentierten die deutschen Gebrüder Emil und Max Skladanowsky kurze Filmsequenzen vor zahlendem Publikum. Es war die Geburtsstunde des Kinos in Deutschland. Dabei wurde in dem 15-minütigen Film lediglich gezeigt, wie sich die Brüder vor der Kamera bewegten. Die Filmvorführung selbst war zudem nur die Abschlussnummer des Varietéprogramms. Der Film stand an diesem Abend keineswegs im Mittelpunkt. Dennoch zeigte sich das Publikum von den bewegten Bildern beeindruckt. Während einige Zuschauer vollauf begeistert waren und mit tosendem Applaus reagierten, zeigten sich andere verängstigt. So etwas hatte es noch nie zuvor gegeben. Hatte man es hier gar mit Zauberei zu tun?

 

Eine Frage, mit der sich auch die damalige Presse beschäftigte. So schrieb zum Beispiel ein Redakteur der Staatsbürger Zeitung vier Tage nach der Premiere: „Das Finale der Vorstellung springt auf die kleinere Bühne des Bioscop über. Der ingeniöse Techniker benutzt hier ergötzliche Momentphotographie und bringt sie in vergrößerter Form zur Darstellung, aber nicht starr, sondern lebendig. Wie er das macht, soll der Teufel wissen.“ In den kommenden Jahren sollte sich die Bevölkerung jedoch an den Kinobesuch gewöhnen. Letzterer wurde bald zu einer Form der kostengünstigen Unterhaltung.

 

Filmfreuden auch auf dem Rummel

Obwohl der erste Film im „Varieté Wintergarten“ gezeigt wurde, wurden in den Anfangsjahren die Filme von den meisten Menschen nicht im Varieté, sondern in Buden oder Zelten auf Jahrmärkten gesehen. Zwar zeigten zwischen 1895 und 1914 nachweislich 89 Varietés die „bewegten Bilder“ in ihren Vorstellungen. Jedoch ist diese Zahl relativ gering im Vergleich mit den über 700 Wanderkinos, die in ganz Deutschland ihre Filme präsentierten. Wanderkinos waren in den Anfangsjahren also die wichtigste Form des Kinos. Ihre Mobilität und die im Vergleich zum Varieté recht geringen Eintrittspreise trugen dazu bei, dass die Wanderkinos ein sehr viel breiteres Publikum erreichten.

 

Betrieben wurden die fahrenden Kinos anfangs meist von Schaustellern, die sogenannte Spezialitätentheater, also fahrende Nummerntheater, besaßen und somit bereits über einen transportierbaren Theaterbau verfügten. Für sie war die Filmpräsentation weniger kostenintensiv als ein Live-Programm mit Artisten, Musikern und anderen Künstlern, die bezahlt werden mussten. Viele von ihnen bauten in ihr Theater einfach eine Leinwand und einen Projektor ein und wechselten damit ins Wanderkinogewerbe. In Deutschland entwickelte sich das Wanderkino bald auch zu einem wahren Zuschauermagneten und so wurden ab 1902 aus den anfänglichen kleinen Holzbuden und Zelten regelrechte „rollende Paläste“, die nicht selten 600 bis 700 Zuschauern Platz boten.

 

Es wurde gejohlt, gepfiffen und geraucht

In diesen Palästen herrschte allerdings eine völlig andere Atmosphäre als in den Kinosälen von heute. Man saß keineswegs einfach still da und versuchte dem Film zu folgen. Stattdessen standen die Zuschauer während der Vorstellung auf und bekundeten ihre Zustimmung zu dem, was auf der Leinwand gezeigt wurde, mit Applaus und „Bravo“-Rufen. Erschien auf der Leinwand jedoch ein Bösewicht, so wurde er oft ausgepfiffen und ausgebuht. Heutzutage würde eine solche Geräuschkulisse sicherlich als störend empfunden werden. Und sicherlich würde sich mancher darüber beschweren, dass man dem Film nicht folgen könne. Damals aber wurden lautstarke Gemütsäußerungen im Kino ebenso wenig als Problem empfunden, wie die von draußen hereinschallende Drehorgelmusik. Schließlich gab es in den damaligen Filmen nichts zu hören. Es wurden Stummfilme gezeigt, die von einem Pianisten oder, in den etwas prachtvolleren Kinos, durch Geräuschemacher und kleinere Kapellen begleitet wurden.

 

Es herrschte also reges Treiben. Zur eigenen Verpflegung brachte man außerdem noch Butterbrote von zu Hause mit, man rauchte und unterhielt sich auch mal mit dem Nebenmann. Die lebendige Stimmung, die draußen auf dem Rummelplatz herrschte, wurde also in die Kinobuden mit hineingenommen. Aber bereits in den Jahren 1905 und 1906 bekam diese Wanderkinokultur große Konkurrenz. Damals kündigte sich ein wahrer Kinogründungsboom an, in dessen Verlauf viele neue Kinos in festen Räumlichkeiten entstanden. Doch warum kam es zu diesem Gründungsboom ortsfester Kinos? Wurden nun die Wanderkinos verdrängt?

 

Das Kino im Laden

Durch den Kinogründungsboom gab es zunächst viele neue Konkurrenten der fahrenden Kinos. Dennoch nahm deren Zahl nicht ab. Ganz im Gegenteil: Auch die Gründungszahlen der Wanderkinos stiegen 1905 an und blieben bis 1910 auf einem hohen Niveau. Doch wie kam es eigentlich dazu, dass die Kinos nun auch in festen Häusern untergebracht wurden? Nun: Zu dieser Zeit gab es in den Städten eine Krise des Einzelhandels. In den deutschen Großstädten wurden ab 1900 nämlich immer mehr große Warenhäuser eröffnet und die Besitzer kleinerer Geschäfte fürchteten angesichts der neuen, übermächtigen Konkurrenz um das Bestehen ihrer Läden.

 

Um der neuen Konkurrenz einfach zu entgehen, stiegen nun viele dieser Ladenbesitzer in die Filmbranche ein, und bauten ihre Läden zu kleinen Kinos um. Nun waren ihnen die Warenhäuser in der Nachbarschaft sogar herzlich willkommen. Denn schließlich konnte man die Kunden der Warenhäuser nach dem Einkauf auch noch zum Entspannen in das eigene Ladenkino locken. Hinzu kam, dass viele dieser ortsfesten Kinos nun auch erstmals ein Stammpublikum an sich binden konnten. Denn die französische Firma Pathé produzierte massenweise neue Filme und so konnten die Ladenkinobesitzer ihrem Publikum immer wieder wechselnde Filmprogramme bieten.

 

Das Ende des Jahrmarktspaßes

Aber auch die Jahrmarktkinos konnten noch genügend Besucher anlocken. Sie boten ihre Filme schließlich auf Märkten, Festen und Messen an und dort waren ebenfalls genügend potenzielle Kunden unterwegs. Im Vergleich zu den ortsfesten Kinos konnten sie jedoch keine regelmäßig stattfindenden Vorstellungen geben. Sie waren eben viel auf Reisen und diese Reisen kosteten außerdem noch viel Geld. Schließlich mussten die „rollenden Paläste“ ihre aufwendigen Außenverkleidungen mit den meterhohen Plakaten und etlichen elektrischen Lichtern auch irgendwie unterbringen. Teilweise wurden dafür bis zu zehn Eisenbahnwaggons benötigt. Um ihre immensen Kosten zu decken, mussten die Kinos auch ihre Eintrittspreise erhöhen. Da die Bevölkerung in den Großstädten sich aber bereits an die niedrigen Preise der ortsgebundenen Kinos gewöhnt hatte und nicht mehr bereit war, die hohen Preise der Schausteller zu bezahlen, mussten die Wanderkinos auf die ländlichen Regionen ausweichen. Hier gab es bisher fast gar keine ortsfesten Kinos.

 

Ab 1911 änderte sich dann die Spiellänge der Filme. Da aber die Filme nun eine längere Spieldauer hatten, war an das klassische Nummernprogramm der Wanderkinos, die ja nur für die kurzweilige Unterhaltung des Kirmesbesuchers sorgen sollten, nicht mehr zu denken. Ortsfeste Kinos wurden immer attraktiver für das Publikum. So kam es nun, dass ab 1910 auch in Kleinstädten und Dörfern immer mehr Kinos in feststehenden Gebäuden eröffnet wurden. Für die fahrenden Filmvorführer bedeutete dies das endgültige Ende. Einige von ihnen folgten dem neuen Trend und gründeten ebenfalls ortsfeste Kinobetriebe, andere stiegen auf ein anderes Schaustellergewerbe um und präsentierten nun wieder ihre „Spezialitäten“ oder Tierdressuren. Und wiederum andere hatten die Entwicklung erst zu spät bemerkt und gingen Bankrott.

 

Im Verlaufe der 1910er Jahre verschwanden so auch die letzten Wanderkinos auf den Jahrmärkten. Aus den kleinen Ladenkinos wurden allmählich immer größere Kinos, und so gab es bald auch ortsfeste Kinopaläste. Heutzutage ist man kaum etwas anderes gewöhnt. In Zeiten von Blockbuster-Filmen und der 3-D-Technologie kennt man fast nur noch große Multiplexkinos. Doch es gab auch mal andere Zeiten -  als man johlend und pfeifend mit einer Zuckerwatte in der einen Hand und einer Käsestulle in der anderen - in einer Jahrmarktsbude saß. Nebenan drehte das Kettenkarussell seine Runden und drinnen in der Bude genoss man einen Film.

 

Von Johannes Raddatz
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Redaktion
22.12.2010 11:57
 

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