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Eine Engländerin im preußischen Königshaus

Gemälde der Princess Royal 1857
Prinzessin Victoria im zarten Alter von 17 Jahren. (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Victoria_von_Großbritannien_und_Irland_(1840-1901))
Die drei Königinnen Preußens und Kaiserinnen des Deutschen Reiches – Augusta, Victoria und Auguste Viktoria – sind heutzutage beinahe vergessen. Dabei bieten Leben und Wirken dieser Frauen manches Interessante. Das gilt insbesondere für Kaiserin Victoria. Die Frau Kaiser Friedrichs III. und älteste Tochter der englischen Queen Victoria hatte sich in besonderem Maße der Politik verschrieben. Einst war es ihr Ziel gewesen, in Preußen eine konstitutionelle Monarchie einzuführen und ein geeintes, liberales Deutschland unter preußischer Führung zu schaffen. Doch musste Victoria erkennen, dass es ihr nicht gelang, ihre Träume und Visionen zu verwirklichen.


 

Die Princess Royal   

Am 21. November 1840 wurde Victoria, als erstes Kind von Queen Victoria und ihrem deutschstämmigen Mann, Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, in London, Buckingham Palace, geboren. Vicky, wie die Princess Royal genannte wurde, wuchs in ungezwungenen und glücklichen Verhältnissen auf. Sie war ihrer Mutter sehr ähnlich – klein, zäh, wild und voller Lebenslust. Zugleich aber besaß sie die Fähigkeit, nachzudenken. Sie war intelligent, in vielerlei Hinsicht sogar hochbegabt, und lernte mit viel Fleiß und Vergnügen. Zu ihrem Vater hatte Vicky eine besondere Bindung. Sie bewunderte ihn und machte ihn sich zum Vorbild. Albert lehrte sie eine liberale, politische Einstellung.

 

Im Jahr 1851 traf Vicky ihren späteren Ehemann Friedrich Wilhelm zum ersten Mal, als der preußische Prinz mit seiner Familie anlässlich der Weltausstellung in London im Buckingham Palace zu Gast war. In den folgenden Jahren hielten Vicky und Friedrich stets Briefkontakt und lernten sich so kennen und lieben. Bei einem zweiten Besuch Friedrichs in London 1855 verlobten sich die beiden heimlich. Im Jahr darauf wurde die Verlobung offiziell bekannt gegeben und am 25. Januar 1858 heiratete das glückliche Paar in der Kapelle des St. James Palace in London. Bevor Vicky mit ihrem Mann nach Preußen ging, gab Albert seiner Tochter ihre politischen Ziele mit auf den Lebensweg. Nach dem Vorbild Englands sollte sie in Preußen eine konstitutionelle Monarchie einführen und ein geeintes, liberales Deutschland unter preußischer Führung schaffen.

 

Die „Engländerin“

Die preußisch-englische Heiratsverbindung wurde keineswegs mit allgemeiner Zustimmung aufgenommen. In der englischen Öffentlichkeit glaubte man, die preußische Königsfamilie sei einer englischen Kronprinzessen nicht würdig. In Preußen dagegen fürchtete man einen zu starken englischen Einfluss auf die Politik. Bismarck bemerkte: „Gelingt es ihr, die Engländerin zu Hause zu lassen und Preußin zu werden, wird sie ein Segen für das Land sein … Bleibt unsere künftige Königin auch nur einigermaßen Engländerin, so sehe ich unseren Hof von britischen Einflussbestrebungen umgeben“.

 

Auf der jungen Victoria lastete ein enormer Druck. Sie saß gewissermaßen zwischen den Stühlen. Das englische Volk und ihre Familie erwarteten, dass sie ihrer Herkunft treu blieb, die Preußen dagegen, verlangten das genaue Gegenteil. Ihr Vater erwartete von ihr, dass sie die politischen Ziele, die er sie gelehrt hatte, verwirklichen würde. Die Preußen jedoch würden einen Einfluss Englands auf ihre Politik nicht ohne Weiteres zulassen. Dieser Zwiespalt sollte Vickys ganzes Leben und Handeln am preußischen Hof prägen. Anfangs lehnte sie ihre neue Heimat stark ab, aber allmählich identifizierte sie sich mehr und mehr mit Preußen. Nichtsdestoweniger, so schien es, blieb sie im Herzen immer eine Engländerin. 

Ehefrau und Mutter

Kronprinzenpalast in Berlin
Victorias neues zu Hause: Der Kronprinzenpalast in der preußischen Hauptstadt. (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Victoria_von_Großbritannien_und_Irland_(1840-1901))

Die Ehe von Victoria und Friedrich war offenbar harmonisch. Die beiden verstanden sich außerordentlich gut. Selbst in politischer Hinsicht teilte der preußische Prinz die liberalen Visionen seiner Frau. Dies war nicht zuletzt durch ein gezieltes Einwirken Victorias auf ihren Ehemann bedingt. Der dominanten, jungen Frau gelang es sehr gut, „ihren Fritz“, an sich eine schwache Persönlichkeit, nach ihren Vorstellungen zu „erziehen“.

 

Bereits wenige Monate nach der Hochzeit war Vicky schwanger und brachte 1859 ihren ersten Sohn, Wilhelm II., zur Welt. In ihn setzte sie all ihre Hoffnungen und Träume. Wilhelm II. sollte einst der liberale Friedrich der Große werden und Preußen in ihrem Sinne verändern. Doch bald schon wurde die Freude über ihren Sohn getrübt. Es zeigte sich, dass Wilhelm, in Folge der schweren Geburt, eine Behinderung des linken Arms davongetragen hatte. Für das preußische Königshaus war dies eine Katastrophe. Vicky glaubte, versagt zu haben, da sie keinen „perfekten“ Thronfolger geboren hatte. Sie schämte sich für die Behinderung ihres Kindes und reduzierte ihren kleinen Jungen nur auf seinen großen Makel. Sie war nicht fähig, ihrem Sohn jene Liebe zu schenken, die sie ihm ohne seine Behinderung gegeben hätte. Daher war das Mutter-Sohn-Verhältnis sehr problematisch. Im Verlaufe ihrer Ehe bekam Victoria noch sieben weitere Kinder, drei Jungen und vier Mädchen, jedoch starben zwei ihrer Söhne bereits im Kindesalter.  

 

Die politische Isolation 

Friedrichs Vater, der konservative Wilhelm I., wurde 1861 König von Preußen. Wilhelm I. war zu diesem Zeitpunkt bereits 63 Jahre alt und um seine Gesundheit stand es nicht allzu gut. Victoria und Friedrich, nunmehr Kronprinz und -prinzessin, hofften also, bald schon selbst regieren zu können. 1862 kam es zu einer Krise in Wilhelms Regierung. Über die Frage der Heeresreform war ein Konflikt zwischen König und Parlament entbrannt, in dessen Folge Wilhelm I. das Parlament auflöste und die liberalen Minister entließ. Friedrich befand sich in einem Loyalitätskonflikt: Sollte er sich auf Seite seines Vaters stellen oder, seinen liberalen Ansichten folgend, auf die Seite des Parlaments? Vicky riet ihm, sich zunächst zurückzuhalten. Wilhelm I. erwog eine freiwillige Abdankung und bot Friedrich die Krone an. Nun beschwor Victoria ihren Mann, das Angebot anzunehmen. Dieser jedoch lehnte ab, da er nicht über den Vater hinweg den Thron besteigen wollte.

 

Wenig später ernannte Wilhelm I. den erzkonservativen Otto von Bismarck zum Ministerpräsidenten. Vicky war entsetzt über diese Entwicklung, denn sie glaubte in Bismarck einen „falschen und gefährlichen Gegner“ zu erkennen. Und sie sollte Recht behalten, denn mit der Ernennung Bismarcks begann für das Thronfolgerpaar eine jahrzehntelange politische Isolierung. Im Juni 1863 würde die verfassungsmäßig garantierte Pressefreiheit aufgehoben. Daraufhin hielt Friedrich, auf Betreiben Victorias, in Danzig eine Rede, in der er das Vorgehen der Regierung kritisierte. Dabei wurde erstmals der politische Gegensatz zwischen ihm und seinem Vater öffentlich deutlich. Der König reagierte sehr hart und drohte seinem Sohn, ihn aller Ämter zu entheben, wenn so etwas noch einmal passieren sollte. Fortan hielt sich Friedrich in der Politik zurück.

 

L` Enfant terrible

Durch diese ersten Rückschläge ließ sich Victoria nicht von dem Bestreben, ihre politischen Ziele zu verwirklichen, abbringen. Sie hoffte weiterhin, dass Friedrich bald an die Macht kommen würde – nicht ahnend, dass Wilhelm noch über 25 Jahre preußischer König, ab der Reichsgründung 1871 zudem Deutscher Kaiser, bleiben sollte. Außerdem glaubte sie, ihr Sohn, der spätere Wilhelm II., würde ihre politischen Ansichten teilen und eines Tages nach ihren Vorstellungen regieren.

 

Für die Erziehung und Bildung ihres Sohnes hatte Vicky Dr. Georg Hinzpeter engagiert. Dieser war jedoch alles andere als liberal. Victoria schien zu glauben, ihr Sohn würde in ihrem Interesse erzogen, doch das Gegenteil war der Fall. Wilhelm II. orientierte sich immer stärker an seinem Großvater und der konservativen Politik Bismarcks. Das ohnehin schon schwierige Mutter-Sohn-Verhältnis wurde dadurch noch mehr belastet. In Briefen an ihre Mutter schimpfte Victoria verbittert über das Verhalten ihres „enfant terrible“. 1881 heiratete Wilhelm Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg. Victoria glaubte, sie könne auf ihre neue Schwiegertochter so einwirken, dass diese bereit wäre, Wilhelm in ihrem Sinne zu lenken. Aber auch das war ein Irrglaube. Auguste Viktoria ließ sich keineswegs beeinflussen. Victorias Hoffnung, ihre Ziele erreichen zu können, schwand.

Das Schicksalsjahr 1888

Kaiserin Victoria als Witwe
Die verwitwete Victoria. (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Victoria_von_Großbritannien_und_Irland_(1840-1901))

Das Jahr 1888 war wohl der Höhe- und gleichzeitige Tiefpunkt in Victorias Leben. Ihr Ehemann war an Kehlkopfkrebs erkrankt. Es stand nicht gut um Friedrich, jeden Tag verschlechterte sich sein Gesundheitsstand. Vicky war verzweifelt, doch sie versuchte stets, ihrem Fritz Hoffnung und Halt zu geben. In dieser schweren Zeit schließlich, trat jenes Ereignis ein, worauf die beiden schon so lange gewartet hatten. Am 9. März 1888 starb Wilhelm I. Friedrich und Victoria waren nun das neue preußische Königs- und deutsche Kaiserpaar. Ihre Amtszeit währte jedoch nur 99 Tage, denn am 15. Juni desselben Jahres verstarb auch Friedrich. Daraufhin kam Wilhelm II. an die Macht.

 

Witwenjahre der Kaiserin „Friedrich“

Vickys Glück war nun endgültig zerstört. All ihre Hoffnungen und Wünsche waren gescheitert. Ein Leben ohne ihren Mann erschien ihr sinnlos und sie hatte jeden Lebensmut verloren. Sie dachte sogar daran, ihrem Leben selbst ein Ende zu bereiten, doch für ihre Kinder wollte sie weiter leben. Anfang der 1890er kaufte Victoria ein Anwesen in Kronberg/ Taunus. Dieses ließ sie herrichten und nannte es Schloss „Friedrichshof“. Dort verbrachte die „Kaiserin Friedrich“, wie sie sich selbst bezeichnete, die letzten Jahre ihres Lebens. Zwar war Victoria mit der Politik ihres Sohnes nach wie vor nicht einverstanden, dennoch besserte sich in diesen letzten Jahren die Beziehung zu Wilhelm. Vicky starb am 5. August 1901 an Krebs und wurde neben ihrem Ehemann im Mausoleum der Friedrichskirche in Potsdam beerdigt. 

 

Von Lisa Schlitt

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Redaktion
30.12.2010 19:57
 

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