Marie Curie entdeckt die Radioaktivität - ein Frauenleben um 1900
Kindheit und Jugend
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Die Frau, die wir unter dem Namen Marie Curie kennen, wurde am 7. November 1867 als Maria Salome Sklodowska geboren. Marie nannte sie sich erst seit ihrer Studienzeit in Paris. Ihre Eltern entstammten dem polnischen Landadel; ein Status, der aber nicht unbedingt mit ökonomischem Wohlstand verbunden war. Um Marie und ihre fünf Geschwister ernähren zu können, mussten beide Eltern hart arbeiten. Trotzdem war das Geld oft knapp. Ihr Vater hatte an der Universität in Sankt Petersburg Naturwissenschaften studiert und arbeitete dann als Lehrer für Physik und Mathematik an verschiedenen staatlichen und privaten Schulen. Auch ihre Mutter arbeitete als Lehrerin und später als Schulleiterin einer Mädchenschule. Damit entsprach schon ihre Mutter nicht den traditionellen Rollenerwartungen ihrer Zeit, war es doch für eine Frau gehobenen Standes durchaus ungewöhnlich, einer bezahlten Arbeit nachzugehen.
Als Marie 10 Jahre alt war, starb ihre Mutter an Tuberkulose. Marie und ihre Geschwister wurden nun von ihrem Vater großgezogen, der sie zu Hause unterrichtete und schon früh förderte und forderte. Sie wurden zum spielerischen Lernen angehalten und so konnte Marie schon mit vier Jahren lesen. Sie profitierte vom Wissen ihres Vaters und lernte gerne von und mit ihm. Selbst Fächer, wie Physik oder Geographie, die eigentlich Männern vorbehalten waren, wurden behandelt. Das typische weibliche Rollenbild in dieser Zeit lernte Marie also nie zu Hause kennen. So konnte sie ihre Interessen und Neigungen frei und ohne Druck entfalten.
Schon auf dem Gymnasium bewies Marie erstaunliche Fähigkeiten. Weil sie ihre Umgebung vor allem mit ihrem guten Gedächtnis beeindruckte, sind verschiedene Anekdoten überliefert, die von ihrer großartigen Merkfähigkeit zeugen. So soll sie immer wieder den Neid ihrer Mitschüler auf sich gezogen haben, weil sie Gedichte, die diese stundenlang in Heimarbeit auswendig lernen mussten, zwischen den Unterrichtsstunden las und sofort auswendig rezitieren konnte.
Mit 16 Jahren bestand Marie ihren Abschluss mit der Bestnote. Aber schon in diesen frühen Jahren verlangte sie sich selbst so viel ab, dass sie nach den absolvierten Prüfungen an Erschöpfungszuständen litt und zur Erholung Urlaub auf dem Land machte.
Erste Jahre in ParisMaries Bruder Josef sagte über seine vier Schwestern, dass sie „nicht in die für die damalige Zeit so typische Rolle des heiratsfähigen jungen Mädchen passten.“ All seine Schwestern träumten „von einer akademischen Ausbildung und einer unabhängigen Karriere“, wie er sich erinnerte. So kam es, dass Marie nach dem Ende ihrer schulischen Ausbildung ein Abkommen mit ihrer Schwester Bronia traf: Sie wollten sich gegenseitig jene Ausbildung finanzieren, die ihr Vater ihnen nicht ermöglichen konnte. Tatsächlich schafften es die Mädchen, ihren Plan in die Realität umzusetzen. Bronia ging zum Studieren nach Paris, weil in Warschau keine Frauen an der Universität zugelassen waren. Marie arbeitete währenddessen auf einem Landgut außerhalb der Stadt als Gouvernante, um ihre Schwester zu unterstützen. Sie wusste, dass Bronia dasselbe für sie tun würde, sobald ihr Studium beendet sei. Bronia studierte Medizin an der Pariser Sorbonne als eine von drei Frauen unter Tausenden von Männern.
Im Jahr 1891 erfüllte sie ihr Versprechen und holte Marie zu sich nach Frankreich. Bronia hatte in Paris einen Mann gefunden und geheiratet. Zunächst konnte Marie bei dem jungen Paar wohnen. Bald aber fühlte sie sich durch ihre Mitbewohner gestört und abgelenkt, sodass sie es vorzog, von ihrem gesparten Geld ein eigenes Zimmer in der Nähe der Universität zu mieten. Dies war der einzige Luxus, den sie sich gönnte, ansonsten lebte sie sehr genügsam und vor allem zurückgezogen. Niemand sollte sie vom Lernen und dem so lang ersehnten Studium abhalten. Die Ernsthaftigkeit, mit der sie ihren Traum vom Studium verwirklichte, war enorm.
Alles Neue, das ich entdeckte und lernte, entzückte mich. Es war eine neue Welt, die sich mir eröffnete, die Welt der Wissenschaft, die ich endlich in aller Freiheit erkunden durfte.“ (Marie Curie) Marie selbst fasste diesen Abschnitt ihres Lebens in Tagebucheinträgen so zusammen: „Mein ganzes Denken kreiste um meine Studien. Ich verteilte meine Zeit gleichmäßig auf Kurse, Experimente und Arbeit. Abends arbeitete ich in meinem Zimmer, manchmal bis sehr spät nachts. Alles Neue, das ich entdeckte und lernte, entzückte mich. Es war eine neue Welt, die sich mir eröffnete, die Welt der Wissenschaft, die ich endlich in aller Freiheit erkunden durfte.“
Die Prüfungen für das Lizenziat* der Physik schloss sie im Juli 1893 als Beste ab. Im Sommer wurde ihr das Alexandrowitsch-Stipendium zugesprochen, das es ihr ermöglichte, ihr Studium in Paris fortzusetzen. Den Abschluss für das Lizenziat in Mathematik bestand sie im Juli 1894 als Zweitbeste. Die Gesellschaft zur Förderung der Nationalindustrie (Société d'Encouragement pour l'Industrie Nationale) beauftragte Marie Anfang 1894, eine Studie über die magnetischen Eigenschaften verschiedener Stahlsorten durchzuführen. Auch Pierre Curie beschäftigte sich zu dieser Zeit mit Magnetismus und so wurde er Marie im Verlaufe ihrer Forschungsarbeit vorgestellt. 1894 nahm sie die Arbeit auf in dem von ihm geleiteten Labor an der Pariser École supérieure de physique et de chimie industrielles (dt.: Hochschule für angewandte Physik und Chemie in Paris). *Akademischer Abschluss, vergleichbar mit dem heutigen Bachelor |
Die große Entdeckung
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Pierre und Marie lernten sich kennen und schätzen. Im Juli 1895 heirateten sie. Pierre, der in wissenschaftlichen Kreisen schon recht bekannt war, wurde zum Mentor und Arbeitspartner von Marie. Sie profitierte von seinem Wissen und ließ ihn an ihrer Forschung teilhaben. Auch das Thema für Maries Dissertation suchten sie gemeinsam aus. Ein Bericht des ebenfalls in Frankreich arbeitenden Henri Becquerel fesselte dabei ihre Aufmerksamkeit. Gegenstand der Arbeit Becquerels war eine unbekannte Strahlung, die von Uransalzen ausging. Art und Ursprung der Strahlung konnte Becquerel allerdings nicht ausmachen. Im Einvernehmen mit ihrem Mann beschloss Marie, die neu entdeckte Strahlung zum Gegenstand ihrer Doktorarbeit zu machen. Die Benennung des Phänomens als „Radioaktivität“ geht auf Marie zurück. Dass neben Uran auch Thorium und Pechblende strahlen, stellte sie im Verlauf ihrer Forschung fest.
Zunächst arbeitete Pierre an seinen eigenen Projekten weiter. Aber als beiden die Tragweite von Maries Thema bewusst wurde, entschied er sich, sie voll zu unterstützen und beide erforschten von nun an jenes unbekannte Element, das die Strahlung vermutlich bewirkte. All dies brachte Marie oft den Vorwurf ein, sie sei nur ein Anhängsel ihres Mannes und profitiere von seinem Wissen. Marie musste ständig klarstellen, welche ihre eigenen Leistungen waren, und worin die Leistungen ihres Mannes bestanden. Gerade wegen der Zusammenarbeit mit ihrem Mann musste sie ständig um die Anerkennung als Wissenschaftlerin kämpfen. Studiert man heute die Originalaufzeichnungen aus dem Forschungslabor der Curies, so ist Maries Anteil an den Forschungsprojekten deutlich zu erkennen, denn ihre Schrift hebt sich von jener Pierres ab. Ihre Arbeit umfasste hauptsächlich den chemischen Bereich der Forschung, wie etwa das Isolieren des neuen Elementes von den restlichen Stoffen, während Pierre sich eher um den physikalischen Teil der Nachforschungen bemüht hatte.
Als Anerkennung für die Entdeckung der Radioaktivität bekam Marie 1903 den Nobelpreis verliehen. Allerdings musste sie ihn mit ihrem Mann und Henri Becquerel teilen. Die offizielle Dankesrede hielt Pierre. Marie musste zusehen, wie er in Schweden den Preis für ihre Abschlussarbeit entgegennahm und den Vortrag darüber hielt. Bis 1911 musste Marie warten. Erst dann bekam sie einen eigenen Nobelpreis verliehen und durfte selbst vor den wichtigsten Wissenschaftlern der Welt sprechen. Obwohl es für sie als Frau schwer war, in der Forschung ernst genommen zu werden, versuchte sie sich beständig zu behaupten. Einer ihrer ehemaligen Labormitarbeiter sagte über sie, dass sie in Gesprächen mit anderen Wissenschaftlern oft das Gespräch lenkte und leitete, sich von den männlichen Forschern im Labor nicht bevormunden oder unterdrücken ließ. |
Familienleben und Schicksalsschläge
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In der Ehe mit Pierre bekam Marie zwei Kinder. Aber statt sich, wie zu dieser Zeit üblich, aus dem Arbeitsleben zurückzuziehen und sich der Kindererziehung zu widmen, arbeitete sie weiter. Dies ermöglichte ihr zunächst Pierres Vater, der bei der Familie lebte und die Kinder beaufsichtigte. Später übernahm ein Kindermädchen diese Aufgabe. Als die Kinder älter waren, schaffte es Marie recht gut, Familie und Forschung miteinander zu vereinen. Durch ihre Mutter geprägt, hatten auch Maries Töchter Interesse an der Physik und forschten gemeinsam mit ihren Eltern: Die Familie traf sich öfters im Labor als zum gemeinsamen Essen. Und eine Hausfrau im landläufigen Sinne war Marie gewiss nicht. Sie hätte nie richtig putzen gelernt, sagte Marie Curie über sich selbst.
Im April 1906 starb Pierre Curie plötzlich bei einem Verkehrsunfall - er wurde von einem Pferdewagen überfahren, was Marie in eine tiefe Depression stürzte. Sie schottete sich noch weiter vom gesellschaftlichen Leben ab, forschte aber an der gemeinsamen Arbeit weiter. Das Angebot, Pierres Lehrauftrag an der Sorbonne zu übernehmen nahm sie an. Damit war sie die erste Frau, die dort lehren durfte.
Ihre zahlreichen Erfolge waren aber auch von Rückschlägen überschattet. Ihre größte persönliche Niederlage war wohl die Ablehnung durch die Académie des sciences (Französische Akademie der Wissenschaften), deren Mitglied sie werden wollte. Nach kontroverser Diskussion wurde an der Tradition des Institutes festgehalten, keine weiblichen Mitglieder zuzulassen. Marie wurde diese Ehrung verweigert – allein aufgrund der Tatsache, dass sie eine Frau war. Eine Rolle mag hier zweifellos auch der Neid ihrer Kollegen gespielt haben, die sich nicht damit abfinden konnten, dass eine Frau jene Stufen in der gesellschaftlichen Hierarchie erreichen konnte, die bislang alleine Männern vorbehalten waren.
Im Jahr 1943 starb Marie Curie. Noch heutzutage wird sie als eine der erfolgreichsten Frauen in der Wissenschaft geschätzt. Sie entdeckte die Elemente Radium und Polonium sowie die Radioaktivität. Sie kam aus einer Familie, in der alle Frauen ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben führen konnten. Und so ist es nicht nur ihrem Ehrgeiz und den selbst gesteckten Zielen, sondern sicherlich auch der unkonventionellen Erziehung durch ihren Vater zu verdanken, dass Marie einen für die damalige Zeit so ungewöhnlichen Lebensweg gehen konnte. Große Anteile daran hatten sicherlich auch ihr Mann Pierre und ihre Töchter, weil alle die Wissenschaft als ihre gemeinsame Leidenschaft erkannten.
Von Linda Haazipolo |