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Das Röntgenfieber – wie Wissenschaft zum Gesellschaftshype wird

Das Gießener Röntgendenkmal
Das Röntgendenkmal in Gießen. (Foto: Verena Meyrink)
Heutzutage ist sie aus der modernen Medizin nicht mehr wegzudenken: die Durchleuchtung des Patienten per Röntgenstrahlen. Letztere machen das augenscheinlich Unsichtbare sichtbar - ein Phänomen, das die Zeitgenossen Röntgens gleichermaßen schockierte, faszinierte und inspirierte. Und eine Erfindung, die durchaus auch ihre Schattenseiten hat.

 

Am 8. November 1895 entdeckt der deutsche Physiker Wilhelm Konrad Röntgen eine neue Art von Strahlen, die er X-Strahlen nennt. Andere Wissenschaftler wie Philipp Lenard haben bereits vor Röntgens Entdeckung bei diversen Experimenten Strahlung nachgewiesen, deren revolutionäre Anwendungsmöglichkeiten jedoch nicht erkannt. Für seine Erkenntnisse erhält Röntgen 1901 den ersten Nobelpreis für Physik.

 

Bald schon werden die neuen Röntgenstrahlen in der Öffentlichkeit publik. Quer durch alle gesellschaftlichen Schichten spalten sie die Gemüter. Wissenschaftlerkollegen wie Ferdinand Braun wundern sich öffentlich, ob Röntgen die sonst für ihn so charakteristische Vernunft verlassen habe. Ernst Lechner hingegen, Professor der Physik an der Universität zu Prag, veröffentlicht am 4. Januar 1896 in der Wiener Zeitung Die Presse einen begeisterten Artikel über die bahnbrechende Entdeckung. Über Zeitungen und Nachrichtenagenturen wie Daily Chronicle und Reuters wird sie rasch in der ganzen Welt bekannt. Auch an den europäischen Herrscherhöfen zeigt man sich fasziniert und macht “lebende Knochen“ sichtbar. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. verlangt eine Aufnahme seiner Hand. Königin Amelia von Portugal demonstriert mit Hilfe von Röntgenaufnahmen, wie sehr die Gesundheit modebewusster Frauen durch das Tragen eines Korsetts ruiniert werden kann. Das enorme wissenschaftliche Interesse am „Röntgen“ spiegeln noch im selben Jahr rund 1044 Fachbeiträge sowie 49 Monografien wider.

 

Eine Wissenschaft wird “salonfähig“

Innerhalb kürzester Zeit regt die neue Entdeckung die Fantasie der Menschen an - fernab von jeder Wissenschaftlichkeit. Man munkelt von Röntgenfotoapparaten. Eine Londoner Firma wirbt im März 1896 in der Zeitschrift Electrical World für Unterwäsche, die selbst für X-Strahlen undurchsichtig sei. Sozial umerziehen und Menschen wieder gesellschaftsfähig machen können die Strahlen angeblich ebenfalls: Alkoholikern und anderen Genusssüchtigen, so glaubt man, werde der pure Anblick ihrer geschädigten Körper im Lichte der Röntgenstrahlen dazu veranlassen, ihren Lebenswandel zu ändern. Universitäts-Professoren, so heißt es, könnten gar ihren Studenten das Wissen mittels Strahlen direkt ins Gehirn projizieren. Dagegen frotzelt das einfache Volk, dass die Röntgenstrahlen in der Lage seien, die schlichte Natur des feinen Pinkels zu entlarven.

 

Die Presse greift jede noch so abstruse Geschichte auf, macht sie so salonfähig. Was den Menschen an rationalem Erklärungsvermögen fehlt, machen sie mit einem Hang zum Übernatürlichen wett. In sogenannten Röntgen-Seancen fungieren die Strahlen als angeblich “objektiv-wissenschaftliches“ Medium, das Jenseitskräfte rational erleuchten soll. Genauso viel wird darüber spekuliert, warum sich Röntgen mit seinen X-Strahlen so öffentlichkeitsscheu verhält. Seinen ersten und letzten öffentlichen Vortrag hält er am 23. Januar 1896 vor der physikalisch-medizinischen Gesellschaft zu Würzburg. Hält er ungern Vorträge? Kommt der eigentliche Wissenschaftsverdienst doch seinem Kollegen Lenard zu? Röntgen wird darüber bis an sein Lebensende schweigen. Oder verrät sein Schweigen die Entrüstung des seriösen Wissenschaftlers über die kursierenden Geschichten rund um “seine“ Strahlen, die größtenteils grober Unfug sind?

 

Unbegründete Ängste?

Und doch: Findet sich nicht auch der moderne Mensch über 115 Jahre später in einem ähnlichen Zwiespalt wider? Indem er einerseits die Durchleuchtung per Röntgenstrahlen bejaht und sich andererseits schutzlos ausgeliefert fühlt? Der Röntgenfotoapparat von gestern ist womöglich der Flughafen-Nacktscanner von morgen. Und die Hamburger Ausländerbehörde unterzieht Asylanten, die sich als minderjährig ausgeben, einem Alterstest via Röntgenbild. Stellt sich nämlich heraus, dass die Asylsuchenden volljährig sind, kann die Behörde sie leichter abschieben. Dass man das Alter eines Menschen via Röntgenbild eindeutig bestimmen könne – diese Annahme ist jedoch längst wissenschaftlich zweifelhaft.  

 

Von Verena Meyrink

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Redaktion
22.12.2010 11:59
 

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