Ich GLEICH mein Körper MAL du² - alles Relativ?
Die Kultur des Internets wurde in den 1990er Jahren begründet. Damals (und zum großen Teil auch heute noch) wurde diese vom schnellen Kapitalverkehr beeinflusst. Kurz nach dem Fall der Berliner Mauer machten Glücksritter mit Online-Geschäften schnelles Geld, der Dow Jones Index an der Wall Street nahm die 50.000 Punktehürde und die erste Kapitalblase der jüngeren Vergangenheit bäumte sich auf und drohte 2002 den Finanzmarkt in seine erste große Schieflage zu bringen. Nach dem Ende des „Dot-Com“-Wahnsinns und den Börsenspielen mittels Internet wurde das kulturelle Neuland von Soziologen und Philosophen erobert und gleich wilde Theorien in Umlauf gebracht: Können Menschen mit dem Internet unsterblich werden? Wenn das „innere Selbst“ in Form von Profilen und Fotos auf unbegrenzte Zeit in Datenbanken gespeichert werden kann – ist der "Cyberspace" dann ein Platz für die Ewigkeit? Und dient der Körper nur noch als plastische Hülle? Leiden wir alle an digitaler Schizophrenie? Ich²? Diese Theorie, so verrückt sie klang, wurde bis zum Exzess diskutiert.
Eine neue Welt der Identitätssuche
Aufwind bekam diese Gruppe von Wissenschaftlern, als die sozialen Netzwerke wie Myspace und Friendster online gingen und amerikanische High School Students auf die Welle der Online-Commune aufsprangen. Noch nie in der Geschichte der Soziologie und der Psychologie wurde eine Plattform entwickelt, die sich auf freiwillige Informationen von Rezipienten stützen konnte. Kein Wunder, dass das Internet ein Schlaraffenland für Medienforscher wurde. Die Kalifornierin Danah Boyd ist ein sogenannter "Social Media Researcher", das heißt, sie ist Mediensoziologin mit dem Spezialgebiet soziale Netzwerke. Für sie sind „social networks“ nichts anderes als „social displays“ - eine Art Querschnitt der (jungen) Gesellschaft.
Angetrieben durch Kreativität und der Tatsache, dass die amerikanische Jugend von der Straße immer tiefer in die eigenen Kinderzimmer gedrängt wird, schaffen sich viele jungen Menschen hier ihr eigenes Universum. Dieses ist sehr eng mit ihrer Offline-Welt verbunden. So werden Klassenkameraden und Freunde zum Beispiel in einer Ranking-Liste geführt. Das Internet wird so zum nachbarschaftlichen Spielplatz: ein Ort der Zusammenkunft, Unterhaltung, gesellschaftlichen Partizipation und des Erfindergeistes. Junge Menschen führen hier öffentlich Tagebuch, Blocks und verknüpfen eigene Musik mit ihrer individuellen Homepage. Boyd unterstreicht, dass gerade diese Eigenschaft die Kinder sehr früh in ein Stadium führt, in der sie sich fragen, wer sie eigentlich sind. Die Frage über das Erwachsenwerden müsse neu formuliert werden – diese Forderung stellt sie in einem ihrer bemerkenswertesten wissenschaftlichen Aufsätzen.
Eine andere Ansicht vertritt der bereits verstorbene amerikanische Medienwissenschaftler Neil Postman, der stets elektronischen Medien kritisch, wenn nicht sogar feindlich, gegenüberstand. Er fragt sich, ob so etwas wie Kindheit in einer medialisierten Welt überhaupt noch existieren kann. Kindheit, so Postman, stütze sich seit der Erfindung des Buchdrucks auf gesellschaftliche Geheimnisse, häusliches Schweigen und Schutz vor Kriminalität, Gewalt und obszöner Sexualität. Durch das Fernsehen und (besonders) das Internet werde diese Barriere eingerissen. Das kindliche „Ich“ existiere hier nicht. In dieser neuen Welt, in der man nicht offensichtlich zwischen Kindern und Erwachsenen unterscheiden kann, muss man also neue Komponenten finden, um existierende gesellschaftliche Modelle und Vorstellungen des menschlichen Individuums zu formulieren. An dieser Stelle kommt ein in der Forschung konfliktreicher Diskussionspunkt zum Ausdruck, der in der Medienethik schon lange für Zündstoff sorgt: Das entkörperte und verkörperte Kontinuum des Internets, das essenziell für die Forschung für Netzwerkstudien ist.
Das Ich in der virtuellen Gesellschaft
In unserem Alltag kennen wir die reale Gesellschaft als stärkstes und meist prägendes „Netzwerk“, das uns bewegt und ständigen Veränderungen unterwirft. In unserer privaten Sphäre existieren aber meistens noch mehr virtuelle Netzwerke, die uns unbewusst beeinflussen. In einer Online-Community bilden die Mitglieder nicht nur Bezugs- und Angelpunkte, sondern auch sogenannte „Knotenpunkte“, die im kollektiven Bewusstsein der Internetgesellschaft Beziehungen und Freundschaften bilden. Diesen Sachverhalt können wir aus verschiedenen Perspektiven betrachten: Hierzu möchte ich ein Beispiel des Physikers Albert-László Barabási zurate ziehen. Er vergleicht das "rege Treiben" in sozialen Netzwerken mit der Protein-Protein-Interaktion in menschlichen Zellen. Manche Proteine verlinken sich nur mit wenigen oder einzelnen Proteinen, andere aber gleich zu einem ganzen Cluster. Dieser Vergleich ist essenziell, denn was im biochemischen Mikrokosmos gilt, kann man eins-zu-eins auf das Internet übertragen. Wir sehen es in der Zelle und wir sehen es im Web.
In einem Netzwerk sind die Verbindungen kurz. Nutzer können von einem Knotenpunkt zum anderen springen: Der Ausbau des Netzwerkes kann also mit dem Stoffwechsel einer Zelle verglichen werden. Seine Entwicklung hat vier Milliarden Jahre Evolution hinter sich – soziale Netzwerke im Netz gibt es erst seit gut zwölf Jahren. Wie bringt man also zwei Proteine oder zwei Menschen zur Verlinkung? Biologen kennen sicherlich die Antwort auf das erste Problem. Beim Menschen spielt nicht nur dieser „Metabolismus“ eine Rolle. Es ist vielleicht der kleine Unterschied, der uns vom Protein, den Einzellern und den Tieren unterscheidet: Der Mensch kann als isoliertes Individuum nicht existieren. Er sucht stets nach Verknüpfungen. Das vernetzte „Ich“ ist stets auch auf mehrere Gegenüber angewiesen:
Ich ≠ Du – klar! Aber: Wir = Ich x Du x Sie, also der Rest von allen, die in unserem Bezugssystem eine Rolle spielen. Also auch: Ich = Mein Körper x Du² als kleinster gemeinsamer Nenner im individuellen Vernetzungssystem?
Gefahr des realen Identitätsverlustes
Der plastische Körper spielt im World Wide Web keine Rolle mehr, das individuelle Profil aber schon. Das vernetzte „Ich“ stützt sich gänzlich auf das Profil, welches ein Mitglied online anlegt. Medienethiker wie Charles Ess, ein amerikanischer Philosoph, der zurzeit an der Aarhus Universität lehrt, ist der Meinung, dass man diese Sichtweise verlassen sollte. Menschen sollten lieber zum körperlichen, realen Verständnis ihrer Persönlichkeit zurückkehren, die in ihrer zwischenmenschlichen Interaktion weitaus komplexer sei, als sich ein virtuelles Ich in der „zweidimensionalen“ Welt des Internets zu erschaffen. Das Internet diene vielen Menschen als Rückzugs- und Gestaltungsort ihrer Identität, aber ihr räumlicher Körper existiert nur zwischen den vier Wänden, in dem sein Computer steht. Immer mehr soziale Netzwerker laufen nämlich Gefahr, sich mehr mit dem selbst erstellten Online-Profil zu identifizieren, als mit ihrem echten Charakter.
In der digitalen Welt ist unser Profil darauf angelegt, sich mit anderen zu verbinden. In dieser Hinsicht ist es äußerst potent. Was wäre das „Ich“ also ohne das „Du“? Oder das "Wir" ohne das "Sie"? Das Gegenüber spielt jedenfalls die dynamischere Komponente und beeinflusst uns auch in den Bahnen, wie "Ich" oder "Wir" uns begreifen. Vielleicht ist auch alles nur relativ zu sehen und das Gruppen- und Individualdenken im Netz entspringt nur unserem natürlichem Verlangen, sich an jemanden zu binden. Einstein würde uns sicherlich die Zunge entgegen strecken und lächelnd den Kopf schütteln. Es bleibt auf jeden Fall spannend, mit welchen Dingen sich der Mensch noch auseinandersetzt.
Von Christian Müller