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BALKAN STAR

Mülleimer in der bosnischen Hauptstadt
Sarajevo (Foto: Silja Trimbuch)
Wodka, Slivovic und Ćevapčići bestimmen das Denken der Deutschen, wenn sie an Osteuropa denken. Doch was ist dran an den vielen Klischees? Dies will nun diese Fachjournalistische Kolumne aufklären. Unsere Redakteurin Silja macht ein Praktikum in Bosnien-Herzegowina und berichtet hier von ihren Erlebnissen.

"Dobro došli u olimpijski grad Sarajevo" - Herzlich Willkommen in der olympischen Stadt Sarajevo.

Dieses Schild begrüßt mich, als ich mit dem Taxi in die Stadt reinfahre. Endlich angekommen, endlich in Bosnien, endlich in Sarajevo! Ich habe versucht, mich auf diesen Auslandsaufenthalt vorzubreiten: Ich habe fleissig Seminare über die Islamisierung Südosteuropas belegt, bosnische Vokabeln gelernt und die Filme von Jasmila Žbanić angeschaut – doch nichts ist realer als die Realität und die sitzt in Form eines Taxifahrers neben mir und schreit auf Bosnisch in sein Handy. Den Weg in die Stadt kann man wahrlich nicht als schön bezeichnen: Unverputzte Neubauten, graue Hochhäuser und auch ausgebombte Häuser. Die Geschichte der Stadt ist allgegenwärtig! Das war einer der Hauptgründe für mich nach Bosnien zu kommen, ich wollte endlich das sehen, über das ich zwei Jahre lang Fachliteratur gewälzt habe.

 

Mein neues Zuhause ist eine zwei-Zimmer-Wohnung in der „Šekerova“-Strasse auf einem der Hügel, die die Stadt umgeben. Ich wohne in der ehemaligen Wohnung von Judith, die vor mir Praktikantin der Konrad-Adenauer-Stiftung war. Gleich an diesem Abend treffe ich sie um mit ihr ganz traditionell Ćevapčići essen zu gehen. Viel Fleisch, wenig Brot und ich mag es überhaupt nicht!

 

Ich bin leider immer eine faule Socke gewesen, wenn es ums Vokablen lernen gegangen ist!

Schon an diesem Abend muss ich feststellen, dass mein Bosnisch noch schlechter ist, als ich vermutet hatte - aber ich hatte ja auch Kroatisch gelernt, muss ich zu meiner Entschuldigung schreiben. Jedoch kann ich beim Einkaufen leider nur auf das Obst stumm deuten, was ich gerne kaufen würde - die arme Verkäuferin, dass habe ich nämlich die gesamte erste Woche gemacht. Es fällt mir sehr schwer, den Mut aufzubringen und tasächlich etwas in Bosnisch zu sagen, wenn es auch nur "Hvala" ist (Danke).

 

Eine Woche vor dem Start meines Praktikums bin ich schon in Sarajevo angekommen, um mit der Stadt vertraut zu werden, ohne Arbeitsstress. Deshalb besteht meine erste Woche auch darin in der Stadt herum zu irren und mich langsam aber sicher in diese Stadt zu verlieben...

Prva sedmica

Stadtansicht Sarajevo von oben
Fotos: Silja Trimbuch

In meiner ersten Woche war ich vor allem damit beschäftigt, die Stadt kennen zu lernen. Dies tat ich, indem ich ziellos herum lief. Ziemlich einfallslos, ich weiß. Aber um ehrlich zu sein, hat man innerhalb einer Woche die meisten Sehenswürdigkeiten von Sarajevo abgeklappert: die Husav-Beg-Moschee, die restlichen Gotteshäuser (von denen es hier zahlreiche gibt), die Baščaršija (osmanische Altstadt), das ewige Feuer, das BBI (Einkaufszentrum) und Ilidža (Stadtteil). Um meinem Studienfach alle Ehre zu erweisen, nahm ich mir am Freitag Zeit das Nationalmuseum und das historische Museum zu besuchen. Ich kann jeden nur das historische Museum empfehlen. Die Ausstellung über die Belagerung Sarajevos beeindruckte und bewegte mich sehr. Was mich als Geschichtsstudent aber doch ein bisschen ärgerte, war die Ausstellung über die restliche Geschichte Sarajevos und Bosniens. Die Zeit von der osmanischen Okkupation, über die Besetzung durch die Habsburger Monarchie, der Zweite Weltkrieg und natürlich Tito nahmen insgesamt drei Wände in Anspruch! Jedoch muss ich gestehen, dass es in Sarajevo ein eigenes Museum für die Zeit der Okkupation durch die Habsburger gibt - bei der Stelle an der Franz Ferdinand durch ein Attentat ums Leben kam.

Der Rotwein aus Sarajevo ist harter Stoff! 


Am Wochenende fuhr ich dann mit dem Zug drei Stunden zu Andreas nach Gracanica, um bei ihm und seinen bosnischen Freunden den 1. Mai zu feiern. Dieser stellt hier einen sehr wichtigen Feiertag dar – so wichtig, dass Institutionen hier in Bosnien  für zwei Tage schließen. Die Hinfahrt verschlief ich, ich musste ja schon um kurz vor sieben mit dem Zug losfahren. Jedoch genoss ich dafür die Rückfahrt umso mehr: Die Landschaft Bosniens ist einfach wunderschön – sehr bergig und sehr grün. Bei Andreas angekommen regnete es und es hörte auch den ganzen Tag nicht auf. Sehr schade, aber wir hatten trotzdem sehr viel Spaß. Ich lernte dort auch die bosnische Gastfreundschaft und die bosnischen Männer kennen und zu schätzen. Zwei Tage später begann dann mein Praktikum bei der Konrad-Adenauer-Stiftung!

kod fondacije Konrada Adenauera

Mein Praktikum begann direkt mit einen Highlight: An den ersten beiden Tagen durfte ich beim Treffen der Jungtheologen, organisiert vom Interreligiösen Rat und der Konrad-Adenauer-Stiftung, dabei sein. Bei dieser Begegnung treffen sich Studenten der vier theologischen Fakultäten Bosniens– der katholischen, orthodoxen, islamischen und der Franziskaner. Durch den gegenseitigen Besuch ihrer Fakultäten und Gotteshäuser soll es zu einem Austausch zwischen den Studenten kommen und Vorurteile gegenüber den anderen Glaubensrichtungen abgebaut werden. Eine wunderbare und tolle Idee! Vor allem gab es mir die Chance zum Einen die Gotteshäuser mal von innen zu sehen und zum Anderen meine Mit-Praktikantin Amra besser kennen zu lernen. Da alle Vorträge der Professoren auf Bosnisch gehalten wurden, war sie so lieb und übersetzte mir die wichtigsten Teile.

 

Ein Gespräch - was mir besonders in Erinnerung geblieben ist - war von einem Studenten der islamische Fakultät "Mir ist es wichtig, dass du weißt, das Islam nichts mit Terrorismus zu tun hat!"Als ich ich ihm sagte, dass ich das natürlich weiß und das auch nicht gleichsetzte, entgegnete er, dass er dies Christen gegenüber gerne klarstellt. Im Ernst, in was für einer Welt leben wir eigentlich, dass jemand der dem Islam angehört, das Bedürfnis verspürt, zu betonen, dass der Islam nichts mit den radikalen Islamisten zu tun hat!? Wenn man sich jedoch die Zeitungsberichte aus Deutschland anschaut, wird mir das jedoch schlagartig klar: Wie wenig wissen wir Christen eigentlich vom Islam? Interessieren wir uns überhaupt dafür oder sind wir ganz froh, dass sich Länder wie Serbien und Kroatien als „Bollwerk gegen den Islam“ verstehen? Entschuldigt meine kleine politische und religiöse Ausführung - zurück zum eigentlichen Thema:

 

Endlich hatte ich bei diesem Treffen die Gelegenheit eine Moschee, eine orthodoxe Kirche und eine Synagoge von innen zu sehen. Die alte orthodoxe Kirche beeindruckte mich sehr: Wie wunderschön sie ist! In Fojnica besuchten wir auch noch das Franziskaner Kloster. Dies stellt eines der drei letzten verbliebenen Franziskaner Kloster in Bosnien dar.

Mir ist es wichtig, dass du weißt, das Islam nichts mit Terrorismus zu tun hat!

 

Die nächsten Tage im Büro verbrachte ich damit einen Veranstaltungsbericht über dieses Treffen zu schreiben. Ein paar Tage später durfte ich schon wieder zu zwei Veranstaltungen. Ich hörte einen sehr interessanten Vortrag von Andras Riedlmayer über die Zerstörung von Gotteshäusern während des Bosnien- und Kosovo-Krieges und besuchte einige Vorträge zu der Veranstaltung „Cambridge in Sarajevo“. Auch darüber schrieb ich Veranstaltungsberichte.

 

Fast jeden Abend bin ich in Sarajevo unterwegs, deshalb verschwindet das Geld auch sehr schnell. Ich bin mir nur nicht sicher wohin? Alles ist günstiger als in Deutschland, deshalb ist der Griff zur Brieftasche viel zu leicht. Außerdem hab ich einen regelmäßigen Alkoholkonsum, über den ich hier, in einer Universitätszeitung, wahrscheinlich nicht schreiben sollte. 

Wiese bei Skakavac
Bild von Silja Trimbuch
Katholisches Viertel in Sarajevo
Bild von Silja Trimbuch
Orthodoxe Kirche in Ohrid
Bild von Silja Trimbuch
Ohrid
Bild von Anaid Begovac

To je to

Es kommt immer ganz anders, als man denkt. Eigentlich wollte ich ja nur ein dreimonatiges Auslandspraktikum machen, also eigentlich Ende August wieder in Deutschland sein und eigentlich wollte ich dort keinen Freund finden. Jedoch musste ich in Bosnien wieder herausfinden, dass ich mein Leben einfach nicht im Voraus planen kann.
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Redaktion
30.06.2011 18:02
 

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