Die Qual, wenn man keine Wahl hat
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Kennst du das auch? Morgens um kurz vor 10 am Philosophikum 1...
09:40 Uhr, MEZ"Mr. Gorbatschow, open that gate!", raunte Ronald Reagan im Hintergrund des Brandenburger Tores während seiner bekannten Rede in West-Berlin am 12. Juni 1987. Heute sitze ich in meinem Wagen und stehe auch vor einem verschlossenen Tor, mit verärgertem Blick auf der Suche nach Alternativen. Die Parkplatztore zur Mensa sind verschlossen, das sagt mir auch ein Schild vor der Schranke. Kein weiterer Parkplatz mehr frei. Hier geht es nicht um Politik, hier geht es um Platznot. Morgens, nach halb zehn in Gießen, Deutschland. Kein Knoppers weit und breit - genauso wie ein Hausmeister, der diese "Tore" vor der Mensa aufschließen könnte. Ich fahre zurück, um erneut auf dem zweiten Parkplatz des Philosophikum 1 eine Möglichkeit zum Parken zu finden. Mein Wagen biegt um die Ecke, ich fahre und schlängle mich an längs parkenden Autos vorbei. Rechts stehen bereits mehrere Autos im Busch zwischen einer Baumreihe auf der Wiese. Ich suche nichtsahnend weiter, da kracht mein Auto plötzlich ein: Ein 10cm tiefes Schlagloch. Bums - da steh ich. Linksblinken und zurück zur Hauptstraße. Und ich stehe wieder. Vor mir eine ganze Reihe Fahrzeuge, die rechts am Straßenrand steht. Ich warte gute drei Minuten, bis ich kein entgegenkommendes Fahrzeug mehr sehe - die Schlange ist 70 Meter lang. Wo sind all die freien Plätze hin? Vorne an der Haltestelle drehe ich, fahre zurück auf den Parkplatz. Ich schreie innerlich auf, wie der nervige Interpret im Radio. Die Uhr ist mein Druckmittel. In ein paar Minuten beginnt die Vorlesung.
10:08 Uhr, MEZDie Bremse quietscht und ich warte. Manche Leute haben es eiliger - sie kommen mir entgegen, wieder diese 70 Meter. Ich wechsele den Sender. "I've been looking for freedom!" Hasselhoffs Singsang kommentiere ich mit scharfen Worten der Anglistik. Ich starte durch, meine Reifen brummen und ich bremse: Rechts vor links. Ist da ein Parkplatz frei geworden? Ich setze zurück. Hinter mir hupt es. Ich winke mit dem Mittelfinger. Das ist meiner! Und doch... Der vermeintlich freie Parkplatz war eine Finte - nur ein weiterer Suchender: Die Konkurrenz wächst. Dann sehe ich ihn: Der Mann im Overall. Meine Hand umklammert den Schaltknüppel. Kraftvoll geht's in den ersten Gang, dann in den Zweiten. Handbremse - scharfe Rechtskurve, wieder der Mensa entgegen. Der Mann geht an der Schranke vorbei zu seinem Kipplader und holt den Rasenmäher von der Ladefläche. Mein Blut kocht. Die Vorlesung hat längst angefangen. Ich drehe vor der Mensa und fahre zurück, stelle mich demonstrativ vor die Schranke, steige aus dem Fahrzeug und warte.
10:30 Uhr, MEZUm halb elf, wie es das Schild verspricht, kommt ein Mensamitarbeiter und schließt die Schranke auf. "Warten Sie schon lange?", fragt er lächelnd und blickt auf die kleine Schlange, die sich hinter meinem Fahrzeug gebildet hat. Ich schwitze, es ist heiß und ich stehe hier. Mein Fuß tippt. Ich steige zurück in meinen Wagen und fahre als erster durch die Schranke. Seine Frage beantworte ich mit einem kleinen Hupkonzert. Mit wehenden Fahnen komme ich in die Vorlesung. "Geduld ist eine Tugend, die eine Fähigkeit beschreibt, warten zu können..." Leider konnte ich diesen Sätzen des Professors vor ein paar Minuten noch kein Lächeln abgewinnen. Denn manchmal wiederholt sich diese ritualisierte Form des Suchens mehrmals in der Woche.
Von Christian Müller |