Junge Gesellen und alte Instanzen
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Der Fachbereich 04 hat ein neues Gesicht - viele Studiengänge wurden erneut reformiert, um ein wissenschaftlich orientiertes Studium zu ermöglichen.
Doch ist das die richtige Leitlinie? Eine Außenansicht von Christian Müller aus Dänemark.
Andreas Steen, promovierter Sinologe an der Aarhus Universitet, steht am Eingang des historischen Instituts und zieht an seiner Zigarette. "Ist doch alles Scheiße", raunt er. Der blaue Dunst seiner Kippe vermischt sich mit der kalten Umgebungsluft am Nordre Ringgade und seine Stimmung ist im Keller. "Weißt du, damals hat man noch mit Lust und Laune studiert. Heute ist doch alles nur noch Rechnerei. Kaum jemand macht noch etwas freiwillig oder schaut nach links oder rechts, was es noch so an Angeboten gibt. Reinschnuppern ist Schnee von gestern. Jeder fragt einen: Bekomme ich das zum Schluss angerechnet? Und wehe, man setzt mal einen Schuss daneben - kann ja mal passieren. Dann zittern dem Studenten schon die Knie: Bekomme ich jetzt noch einen Master-Platz? Wo geht es zum Exmatrikulieren?! Der reinste Wahnsinn!" Dieses Gespräch hört man nicht nur in Dänemark, sondern auch anderswo in Europa, dort wo deutschstämmige Dozenten lehren und die Bologna-Reform bereits seit Jahren läuft und in der Gesellschaft angekommen ist.
In Europa ist alles noch nicht so, wie es von den Gründungsvätern der Bologna-Reform gedacht war. Überall studieren Studenten nach einem anderen Schema und nach einer anderen Philosophie. Während in Mittel- und Westeuropa der Frontalunterricht praktiziert wird, sind in Skandinavien der Gruppendiskurs und die Projektarbeit favorisiert. Für einen Deutschen, der mit ERASMUS nach Dänemark kommt, ist das in der ersten Woche ein regelrechter Kulturschock. Verschulung ist ein Problem, das besonders in Deutschland angegangen werden muss. Man kommt vom Gymnasium an die Uni und wird nach demselben Schema unterrichtet. Perfide daran ist, dass heutzutage selbst die Lehramtsstudiengänge modularisiert sind und das ganze System sich zu einem Teufelskreis zu entwickeln scheint.
Im SPIEGEL 18/2008 warnte der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Prof. Bernhard Kempen, dass die festgelegten Module zu einem Scheuklappen-Studium führen würden - zu Recht: Das Wort Innovation wird zu einem hohlen Konstrukt, da Studenten im Grundstudium - das was der Bachelor ersetzen sollte - nur in geringem Umfang selbstständig aktiv werden können. Studienverlaufspläne sind ein Korsett, dass die Kreativität und das selbstständige Denken zu Nichte machen. Warum wird ein Historiker, der sich eher für Neuere und Neueste Geschichte interessiert, gezwungen Kurse in Alter Geschichte zu belegen? Des Überblickes wegen? Dass man mal überall ein "bisschen" gemacht hat und mehr nicht? Das ist die falsche Vorgehensweise in einem System, das nur für maximal drei Jahre angelegt ist.
Jeder Student sollte eine Einführungsphase genießen dürfen, in denen er sich ausprobieren kann: Gefällt mir dies oder eher das? Man sollte ihm nach einem Jahr an der Universität aber auch zutrauen, selbst zu entscheiden, welche Zeitperioden und Themenfelder für ihn infrage kommen und welche nicht. Danach sollte die Spezialisierung in diesem Spektrum in einer zweijährigen Vertiefung erfolgen. Ein Wechsel in eine andere Periode ist dann nicht mehr notwendig. Schlechte Noten entstehen genau an diesem Punkt, wenn Desinteresse und mangelnde Kompetenz aufeinander stoßen. Das Fach Geschichte ist einfach zu umfangreich, um das alte System auf ein Neues zu übertragen, in welchem "Green-Horn"-Historiker erzogen und dann auf den Markt geworfen werden, ohne sich im Klaren zu sein, welchen Marktwert sie eigentlich genießen. Denn die studierte Materie ist nicht differenzierbar.
Der neue Plan im Fachbereich 04 der JLU Gießen ist ein guter Weg, aber er hat auch einige Makel. So sind einige Module wie im Fach Geschichte noch nicht beschrieben (zum Beispiel: Lektüre-Modul) oder ausgewiesen - welche Inhalte hier vermittelt werden sollen ist unklar. Sicher, man kann davon ausgehen, dass hier einige neue Freiheiten geschaffen wurden, doch das Grundgerüst der Vertiefung ist im Wesentlichen gleich geblieben. Wo bleibt an dieser Stelle die Flexibilität? Zudem fehlen Hinweise für Studieneinsteiger, zum Beispiel wann ein Auslandssemester am sinnvollsten ist. Tutoren in den Einführungswochen fehlen hierzu selbst oftmals die passenden Informationen.
Die "jungen Gesellen", wie die Bachelor-Absolventen im akademischen Wortlaut häufig genannt werden, brauchen keinen Studien-Mix: Sie brauchen einen dünnen roten Faden und kein Konstrukt. Das Gesellenstück schaffen sie schon von alleine. Denn eines sollte sich während des Studiums von sich aus entwickeln können: Selbstständigkeit. Die Fähigkeit die Freiheit, die man nun nach der Schule und dem Gymnasium genießt, voll und ganz entfalten zu können. Die gegenwärtige Instanz schafft das noch nicht im vollen Umfang. |