Kleine Geschichte der B.A.-Thesis
"Ihr sollt nicht jammern, sondern einordnen!", höre ich meinen Geschichtslehrer, einen Oberstudienrat in den besten Jahren, quer durch den Klassenraum rufen. Meine Gedanken schweifen am Thema. Eine Mischung aus Gehirndunst und Redbull-Fahne hängt über den kleinem Raum des Studentenwohnheims am Eichendorffring, wo ich hause und derzeit meine Abschlussarbeit schreibe. Mein Gott! 88 Seiten pure Geschichte haben irgendwo einen Anfang: Meiner begann am roten Faden einer Biographie, die mich seit meinem Geschichtspraktikum in Österreich nicht mehr losließ.
Task 1: Die Entwicklung des roten Fadens
Bei der Entdeckung eines Themas durch einen selbst oder durch den Dozenten ist es zunächst sehr wichtig, dass man einen klaren Fokus darüber erhält, welche Themenfelder zu einem Thema gehören. Ich wusste von Anfang an, dass ich über meinen Quellenfund in der Mauthausener Gedenkstätte schreiben würde. Der "Taylor-Report" des OSS-Captain Jack H. Taylor ist ein Bruchstück der Zeitgeschichte, den man einerseits als Beweismittel vor Gericht, anderseits als Holocaust-Quelle sehen kann. Er hat also nicht nur literarischen, sondern auch historischen Wert. Um sich nicht in der Größe der Arbeit zu verheddern, braucht man ein klares Muster. Der erste Schritt zu einer guten Arbeit ist somit die Eingrenzung des selben. Entscheident ist hierbei die zentrale Fragestellung der Thesis, die klar in der Einleitung, als auch in der Schlussbetrachtung in einem Fazit dargestellt und aufgedröselt werden sollte.
Hilfreich hierbei ist die Beschlagwortung der Fragestellung. Man stelle sich vor: Ein Mind-Map entsteht um ein Konstrukt und man sieht die Thesis förmlich wachsen. An dieser Stelle wusste ich, dass die vorliegende Arbeit tatsächlich auch Spaß machen würde und nicht nur eine lästige Bürde am Ende eines Studiumverlaufplans ist. Hat man diesen großen Baum an Assoziationen und weiterleitenden Begriffen vor sich liegen, folgt nun der Zweite Teil: Die Formulierung des Grundriss der Thesis, den man in der ersten Besprechung des Themas beim Betreuer mitnehmen sollte.
Task 2: Das erste Gespräch mit dem Dozenten
Jeder Dozent, der eine Thesis betreut, hat die Pflicht, Fragen des B.A-Studenten zu beantworten. Um ihn aber nicht jedesmal wegen einer Kleinigkeit zu belästigen (Dozenten haben meistens auch mehr als einen B.A-Studenten und einen vollen Terminkalender), sollte man für das erste Gespräch bereits einen kleinen Fragenkatalog verfassen, der formale, fachliche und erste inhaltliche Fragen klären sollte.
Hier ein kurzes Beispiel aus eigener Erfahrung:
A) Bestehen Sie auf einen bestimmten Randabstand zum Stehtext?
B) Wie viele Unterkapitel darf ich setzen / Welchen Seitenumfang darf die Thesis nicht überschreiten? (Hinweis: Es steht zwar in der Prüfungsordnung, je nach Thema kommt man aber trotzdem über die gesetzte Zeichenzahl. Deshalb ist es vorher schon mal gut zu prüfen, ob man bei seinem Prüfer mehr schreiben darf oder nicht)
C) Würden Sie mir ein Standartwerk zu meinem Thema empfehlen?
D) Haben Sie schon ein Zweitkorrektor für meine Thesis ausgewählt oder darf ich mir selbst einen aussuchen?
Nach dem wesentlichen Gespräch:
E) Welche weiteren Schritte wären jetzt wichtig für Sie und für mich?
Der nächste Schritt erfolgt in der Bibliothek. Das Erstellen der ersten Forschungsbibliographie ist einer der wichtigsten Bausteine der Thesis.
Die Suche nach der Nadel im Heuhaufen
Task 4: Das Erstellen des ersten Inhaltsverzeichnisses und die Einleitung
Mit der ersten Bibliographie können Studenten, die gerade an ihrer B.A.-Thesis sitzen, bereits das Inhaltsverzeichnis festmachen. Auch wenn im Verlauf der Thesis (erfahrungsgemäß) mehr Literatur dazu kommt, um Argumente und Thesen zu untermauern, kann man mit der ersten Bibliograpghie bereits beginnen, die erste Version der Einleitung zu verfassen.
In der Einleitung grenzt man, wie man es aus den anderen Hausarbeiten bereits kennt, das Zeitgeschehen und die handelnden Akteuere ein, nennt die zentralen Thesen und die Methodik, mit der man vorgeht und die zentrale Forschungsliteratur der Arbeit. Die meisten Betreuer erwarten hier auch einen gut fundierten Abriss der gegenwärtigen Forschungsdiskussion. Daher ist es von Nöten auch ein Blick in die aktuellen Ausgaben der einschlägigen historisch-wissenschaftlichen Zeitschriften zu werfen.
Die Einleitung der Thesis ist im Normalfall deshalb deutlich länger, als die einer Hauptseminarsarbeit. Man sollte aber darauf achten, weniger als fünf Seiten zu tippen.
Mit der Einleitung sollte man dann nochmal zum Betreuer gehen, um den nächsten Arbeitsschritt, die Verfassung des Hauptteiles, durch den Betreuer absegnen zu lassen.
Task 5: Der Haupt- und Forschungsteil
Neben der Forschungsbibliographie sollte man auch eine Quellenliste erstellen. Welche Quellen sind für die Untermauerung meiner Thesis wichtig? Welche unwichtig? Je nach Thema und Epoche ist die Quellenlage zur Thesis verschieden. Manche B.A.-Studenten gehen in Archive und untersuchen Akten, andere begnügen sich mit Aufsätzen bekannter Forscher oder Quelleneditionen. Der eigene Forschungsansatz und eine eigenständige Quellenauswertung wird immer mit einer besseren Note begünstigt. Deshalb sucht man manchmal, besonders im Archiv, nach der Nadel im Heuhaufen. Findet man sie aber, ist die Freude umso größer.
Ein kleiner Erfahrungsbericht
Thesis schreiben ist nicht schwer, wenn Studenten ein gutes Zeitmanagement im Auge behalten. B.A.-Studenten, die eine sehr gute Note erwerben möchten, sollten nicht 5 Wochen vor Abgabetermin beginnen, die Einleitung der Thesis zu schreiben - auch wenn ältere Studenten das immer wieder von sich behaupten, dass sie erst so spät angefangen hätten. Es ist unglaublich, wie man sich gegen Ende mit der Zeit verzetteln kann und man sich später tierisch darüber ärgert, dass man nicht eher mit seiner Arbeit angefangen hätte. Deshalb: Zeit ist wertvoll und drei Monate gehen schnell vorbei!
Neben den öffentlichen Bibliotheken in Mittelhessen und im Rhein-Main-Gebiet, die man leicht mit dem Semesterticket erreichen kann, ist die Fernleihe nicht zu unterschätzen. Trotzdem gilt auch hier: Eine Vorlaufzeit sollte eingeplant werden, weil eine Fernleihe kostet nicht nur Geld, sondern die Bestellzeit ist auch eine andere, als bei der UB in Gießen um die Ecke.
Eine andere Möglichkeit an billige Bücher heranzukommen ist der Second-Hand-Kauf über Amazon. Hier lohnt sich ein Blick, wenn man längere Auszüge aus einem Buch braucht (z.B. aus der Deutschen Bibliothek aus Frankfurt, wo kopieren richtig teuer ist) und diese nicht gänzlich alles kopieren möchte.
Neben dem eigentlichen Schreiben ist der Ausgleich auch sehr wichtig, um den Kopf frei zu bekommen. Absolventen sollten wegen der Thesis deshalb nicht den gewohnten Tagesablauf ändern. Man sollte auch Sport und Bewegung mit einplanen, damit der schaffende Student erst gar nicht ein "unförmiges Gesäß" ansätzt.
Ich wünsche euch viel Erfolg! Euer, Christian Müller