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Die Machtübernahme 1933 in Gießen

Aufmarsch von SA und SS
Die Nazis demonstrierten ihren Machtanspruch auch auf dem Landgraf-Philipp-Platz. (Quelle: StdtA G)
Vom Fackelmarsch zur Auflösung der Demokratie

 

SA- und SS-Männer, begleitet von vielen euphorischen Hitler-Anhängern in Zivil, marschierten in den Abendstunden des 30. Januar 1933 mit brennenden Fackeln durch Gießen. Vom Seltersweg durch die Innenstadt bis zum Oswaldsgarten und wieder zurück zog sich der braune Triumphmarsch. Der damalige Gießener Anzeiger berichtete von vielen Schaulustigen, die das Spektakel vom Straßenrand aus verfolgten. Mit diesem Umzug demonstrierte die NSDAP auch in der mittelhessischen Kleinstadt ihren Machtanspruch und trug die Weimarer Republik zu Grabe.

 

 

Aufstieg der NSDAP

Zuvor hatte am Mittag desselben Tages Reichspräsident von Hindenburg Adolf Hitler in Berlin zum Reichskanzler ernannt. Das greise Staatsoberhaupt, der eine Einsetzung des „österreichischen Gefreiten“ bis dahin immer abgelehnt hatte, wollte damit die verworrene Situation in der damaligen Politik auflösen.
In den Jahren seit 1929 war das politische System Deutschlands immer labiler geworden. Die Regierungen wechselten in kurzer Folge. Gleichzeitig stürzte im Zuge der Weltwirtschaftskrise die deutsche Ökonomie ab.
Auf diesem Nährboden gedieh das Potenzial, aus dem die Nazis, aber auch die Kommunisten ihre Stärke schöpften. Nach der „Katastrophenwahl“ vom 14. Juli 1930 besaßen die demokratischen Parteien im Reichstag keine Mehrheit mehr. Bei der Reichstagswahl vom 31. Juli 1932 wurde die NSDAP sogar zur stärksten Partei gewählt.
Eine erneute Wahl im November desselben Jahres sollte diese Situation auflösen. Die Nationalsozialisten verzeichneten zwar leichte Verluste, blieben jedoch stärkste Partei. Viele glaubten nun an Hitler nicht mehr vorbei zu kommen. Hindenburg wurde, wenn zwar nicht überzeugt, so doch überredet und übertrug Hitler die Kanzlerschaft einer Koalition aus NSDAP und der rechtsnationalen DNVP.

 

Großer Zuspruch von Gießener Bevölkerung

In Gießen hatten die Braunen, wie in fast allen deutschen Städten, bis 1929 keine Rolle in der Politik gespielt. Die Bevölkerung beachtete deren Propagandaaufmärsche kaum. Der Gießener Anzeiger berichtete nicht einmal darüber. Erst mit der „Katastrophenwahl“ 1930 erreichten sie hier 19,4 Prozent der Stimmen. Nun ging es mit der NSDAP auch in Gießen steil aufwärts. Seither lagen ihre Gießener Wahlergebnisse sogar über dem Reichsdurchschnitt.
Vor allem bei den Studenten und Privatdozenten der Justus-Liebig-Universität fanden die Positionen der Faschisten großen Anklang. Die materielle Not der Wirtschaftskrise war unter ihnen besonders stark zu spüren; etwa ein Drittel der Gießener Studenten erhielt soziale Leistungen. Zu Beginn des Sommersemesters 1930 erschienen bereits einige Studenten in brauner Uniform zu den Vorlesungen. Die Professoren standen dem zwar etwas distanzierter gegenüber, doch tendierten viele von ihnen zu einem „starren Konservatismus und zur Republikfeindlichkeit“, wie der Gießener Historiker Peter Moraw schreibt. Aus diesem Grund sahen manche Professoren das Treiben der Nazis mit einer gewissen Sympathie.

Anderswo sah man sie gar nicht gern: SA-Männer hatten in vielen Gießener Gaststätten Hausverbot. Die SA und die Kommunisten lieferten sich im Jahr 1932 einige Schlägereien, bei denen es mehrere Verletzte gab.
Der Zuspruch für die Nazis stieg dennoch. Am 17. Juni 1932 besuchte Hitler höchstselbst Gießen. 15.000 Zuhörer lauschten ihm in der Volkshalle, obwohl er erst spät abends auftrat.

Gedrückte Gesichter wegen Judenboykott

Politische Häftlinge reinigen unter Aufsicht der SA eine Bretterwand
Öffentliche Demütigung: SA-Männer zwingen politische Häftlinge, die Wahlparolen ihrer Parteien von den Wänden zu waschen. (Quelle: StdtA G)

Nach der Machtübergabe begann die NSDAP sofort, den deutschen Staat umzukrempeln. Nach dem Brand des Reichstags am 5. März 1933 wurden Zug um Zug viele Organisationen verboten und deren Mitglieder teilweise verhaftet. Auch in Gießen wurden etwa vierzig Sozialdemokraten, Kommunisten und Juden von SA und SS abgeführt. Man zwang sie, Wahlparolen ihrer Parteien von den Wänden zu entfernen. Einige von ihnen brachte man später in das Kozentrationslager Osthofen bei Worms.
Nach dem Verbot der SPD wurden am 22. März 1933 die Gießener Sozialdemokraten aus dem Stadtrat ausgeschlossen. Im neuen Parlament hatte die NSDAP die Mehrheit, in den Ausschüssen saß sie allein. Die Wirtschaftsverbände wurden in Zwangsinnungen überführt. Auch der Gießener Anzeiger passte sich schnell – vor allem in seinen Kommentaren – der nationalsozialistischen Ideologie an. Nun berichtete er wohlwollend über die Fackelzüge und die anderen Propagandaaufmärsche, welche die Nazis in Gießen veranstalteten. Der Boykott jüdischer Geschäfte vom 1. April sei „ohne Zwischenfälle verlaufen“, war zwei Tage darauf im Anzeiger zu lesen
Aber nicht alle mochten in den Jubel mit einstimmen. Die Gießenerin Elsbeth Leutert schrieb am 4. April in ihr Tagebuch, man sehe wegen des Judenboykotts „meistens gedrückte Gesichter.“ Einige Mutige hätten sogar vor den SA-Männern, die vor den Geschäften standen, ausgespuckt. Dennoch trieben die Faschisten die Ausgrenzung der Juden voran: Am 8. April zog das Gießener Polizeiamt die Reisepässe der Juden ein. Zum Sommersemester 1933 mussten jüdische Studenten und Hochschullehrer die Universität verlassen. Für die Juden hatte das, was am 30. Januar 1933 im Seltersweg mit einem Fackelzug begann, die schwersten Folgen.

 

Von Nils Sandrisser

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03.09.2009 14:40
 

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