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Das Amerika-Haus
Im Lesesaal des Amerika-Hauses: Gießener Bürger stillen ihren Wissensdurst. (Quelle: StdtA G)
Die USA und der kulturelle Wiederaufbau in Gießen nach 1945
Ein „Geschenk der Besatzungsmacht“ nannte die Gießener Freie Presse die Eröffnung der amerikanischen Bibliothek am 6. Mai 1947, die mit einer starken Teilnahme der Bevölkerung in Gießen stattfand. Nach der Zerstörung der Stadt entwickelte sie sich schnell zum Zentrum des kulturellen Lebens.
Gießener erhielten wieder Zugang zu Kultur
Zwei Jahre zuvor, am 28. März 1945, waren die amerikanischen Truppen in Gießen einmarschiert und hatten die Stadt besetzt. Die vorläufige Militärregierung unter der Leitung von Captain V. L. Ehrenclou widmete sich bereits nach kurzer Zeit dem kulturellen, sozialen und politischen Wiederaufbau der Stadt. Dabei entstand in Gießen eine der 36 „Amerikanischen Bibliotheken für Deutsche“, wie das Amerika-Haus zu Anfang offiziell hieß. Sechs Jahre lang, von 1947 bis 1953, stand es in der Ludwigstraße 34 (Ecke Goethestraße) jedem offen. Das Amerika-Haus wurde ein Zeichen für den Neuanfang, den die Amerikaner förderten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die meisten Bibliotheken durch die Bombardierungen in der Stadt zerstört. Die amerikanische Bibliothek ermöglichte der Bevölkerung wieder Zugang zu Literatur, Musik und Presse. Viele Gießener besuchten die Bibliothek fast täglich, nicht nur um sich Bücher auszuleihen, sondern auch um der Realität zu entfliehen und entspannt zu lesen. Daneben stand das Lesen von Zeitungen bei den Besuchern im Vordergrund, denn der freie Zugang zur Weltpresse war den Deutschen lange Zeit verwehrt geblieben. Die Besucherin Wendela Couturier erinnert sich: „Ich verdanke der Bücherei des Amerika-Hauses eine Menge an Eindrücken, Erfahrungen, auch an Wissen.“ Für die Besatzer war bei diesem Projekt die „re-education“ der Bevölkerung besonders wichtig. Die Bildungseinrichtungen sollten Wissen vermitteln und den Militarismus und übersteigerten Nationalismus vertreiben, damit die US-Alliierten in Deutschland eine gefestigte Demokratie aufbauen konnten.
Die Besatzer versuchten zugleich die Beziehung zu den Gießenern zu verbessern, die nicht immer spannungsfrei war. So sorgte zum Beispiel die Wohnungsfrage für Probleme. Die Beschlagnahmung von Gießener Häusern für die amerikanischen Soldaten stieß auf großes Unverständnis. Die Lage entspannte sich erst, als der Bau des Depots am Ende der Grünberger Straße begann und die Amerikaner die Verdun Kasernen beziehen, die heutigen River Barracks am Ende der Licher Straße (Automeile).
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Von der Bibliothek zum Kulturzentrum
Das „Bookmobile“ bringt Literatur unters Volk. (Quelle: StdtA G)
Mit dem Errichten der Bibliothek hatten die Amerikaner einen
wichtigen Schritt für die Versöhnung und Verständigung getan. Die Idee,
die Bibliothek umzubenennen und das Angebot zu vergrößern, entstand
durch den großen Zulauf an Besuchern und kam von Direktor Howard Kahn.
So erhielt die Bibliothek im Jahr 1948 ihren neuen Namen
„Amerika-Haus“. „Zutritt sowohl zum Amerika-Haus als auch zu unseren
sonstigen Veranstaltungen hat jedermann, dem ein wirklicher
deutsch-amerikanischer Kulturaustausch am Herzen liegt“, sagte der
Direktor des Hauses damals dem Gießener Anzeiger. Die
Angebote für die Besucher reichten weit über Bücher und Musik hinaus.
Es wurden kulturelle und literarische Vorträge sowie Lesungen gehalten
und Konzerte und Filmvorführungen angeboten. Neben Unterhaltung bot das
Amerika-Haus auch Fortbildungen an. Zum Beispiel Englischunterricht,
der auf großes Interesse stieß. Denn Englischkenntnisse versprachen
lukrative Arbeitsplätze im amerikanischen Depot und die Möglichkeit in
Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft von den Amerikanern zu lernen.
Der „amerikanische Sektor“, wie das Depot offiziell genannt wurde, war
zugleich ein wirtschaftlicher Faktor im Wiederaufbau der Stadt. Das
neue Kulturzentrum Gießens hatte regen Zulauf. So erinnert sich Karl
Hugo Reichert, zur damaligen Zeit Studienrat in Gießen: „Die Konzerte
fanden meist im Hörsaal statt, gelegentlich allerdings auch in der noch
nicht umgebauten Aula der Universität. An den Abenden wurden dann nach
einer kurzen Begrüßung und Einführung das Konzert, vor fast immer
vollen Haus, gelegentlich waren es über 300 jeden Abend, einem sehr
motivierten und aufgeschlossenen Publikum, dargeboten.“
"Bookmobiles" brachten Literatur ins Gießener Umland
Für den
kulturellen Aufbau des Umlandes setzten die Amerikaner im September
1948 „bookmobiles“ ein. Diese mobilen Leihbibliotheken fuhren die
umliegenden Gemeinden an, brachten Bücher und Musik und informierten
über das aktuelle Programm der Einrichtung. Auf diese Weise wurden auch
die Menschen erreicht, für die nicht die Möglichkeit bestand zum
Amerika-Haus zu fahren. 1953 wurden für ganz Deutschland die
Mittel für das US-Information Center gekürzt. Neben dem Gießener
Amerika-Haus mussten viele weitere Kulturprojekte der Amerikaner in
ganz Deutschland schließen. Die Bestände des Hauses wurden somit am 7.
Dezember 1953 an die Stadt Gießen übergeben. Die Kürzung der Mittel war
jedoch nicht der einzige Schließungsgrund. Auch die Besucherzahlen
gingen zurück, denn im Laufe der Jahre eröffneten neben dem
Amerika-Haus auch andere kulturelle Institutionen. Trotz der
positiven Neuerungen und des Verständnisses füreinander, das unter
anderem durch das Amerika-Haus entstand, war das Verhältnis zwischen
Deutschen und Amerikanern häufig ein zwiespältiges. Auch wenn
Freundschaften entstanden, blieben die Amerikaner Fremde in Gießen.
Durch den Bau des Depots errichteten die Amerikaner eine amerikanische
Stadt direkt neben Gießen, mit eigenen Geschäften, einem Kino,
Freizeitmöglichkeiten und Tankstellen. Für die Menschen, die im Depot
lebten, bestand häufig keine Notwendigkeit, dieses zu verlassen. Mit
Sicherheit hat das Amerika-Haus jedoch einen wichtigen Teil zur
Völkerverständigung zwischen Amerika und Deutschland beigetragen.
Von Mirka Jersch
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03.09.2009 14:40
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