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Gemäßigtes Aufbegehren

Leitspruch der 68er-Bewegung auf gemaltem Grabstein
Teil des Wandbilds in der Ludwigstraße. (Foto: Freda Wagner)
Im Mai 1968 erreichte die Studentenbewegung auch in Gießen ihren Höhepunkt

Plakativ erinnert die bunte Wandbemalung an der Eisenbahnbrücke Ludwigstraße/Ecke Riegelpfad an die vor vierzig Jahren nur wenige Meter entfernt stattfindenden Unruhen. Auf einem gemalten Grabstein ist eine der Schlüsselparolen der Bewegung zu lesen, die in den späten 1960er Jahren die Öffentlichkeit in Aufruhr versetzte. „Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren“ beschreibt wie kaum eine andere Wendung das studentische Verlangen nach Veränderung, welches 1967/68 auch das nahe gelegene Hauptgebäude der Justus-Liebig-Universität erreichte.

Schon Anfang 1968 hatte sich die Lage bereits zugespitzt. Studierende versuchten immer wieder, sich Zutritt zu den der Öffentlichkeit verschlossenen Senatssitzungen zu verschaffen, diese zu stören und auf ihre Forderungen aufmerksam zu machen. Doch waren es nicht nur die altmodischen Traditionen und Strukturen der Universität, die die Studenten 1968 auf die Straße trieben. Seit mehreren Jahren deutete sich in der Bundesrepublik bereits ein „Bildungsnotstand“ an, der sich vor allem in verschlechterten Studienbedingungen niederschlug. Anders als die jüngeren Studentenproteste von 1997 oder 2006, die sich beinahe ausschließlich mit der sie direkt betreffenden Bildungspolitik beschäftigten, demonstrierten die '68er auch gegen eine Vielzahl aktueller Missstände. Wie schon bei früheren Umbrüchen trat die Lahnstadt jedoch nicht durch besonders radikalen Aktivismus hervor.

 

Erste Radikalisierungswelle der Proteste

Studenten demonstrieren ihre Forderungen auf Pappschildern
Demonstration gegen die Notstandsgesetze in der Gießener Innenstadt. (Foto: Gerd Delaveaux)

Einen ersten Höhepunkt hatten die Studentenunruhen im Juni 1967 erreicht, nachdem Polizeikugeln den Studenten Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Schahbesuch in Berlin tödlich verletzt hatten. Bundesweit kam es zu Informationsveranstaltungen und Protestmärschen. Auch in den rasant ansteigenden Mitgliederzahlen der politischen Hochschulgruppen zeigte sich die zunehmende Radikalisierung der Proteste. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) wurde schnell zur treibenden Kraft der Bewegung. Aktionen wie Teach-ins und Demonstrationen sollten eine möglichst breite kritische Öffentlichkeit schaffen zum Vietnam-Krieg, zu den von der Regierung geplanten Notstandsgesetze und vor allem zu der geforderten Hochschulreform.
In Gießen verschärfte sich die Lage außerdem durch zwei lokale Ereignisse, die Ende 1967 an die Öffentlichkeit drangen und das Misstrauen gegenüber der Staatsautorität weiter schürten. Der  Verfassungsschutz hatte versucht, Gießener Studenten als Spitzel gegen Kommilitonen in hochschulpolitischen Gruppen einzusetzen. Ulrich Weyl, Sohn des amtierenden Universitätsrektors, berichtete, er habe von einem „geheimnisvollen Mann mit dunkler Hornbrille und halblangen Mantel“ ein Bespitzelungsangebot gegen den SDS unterbreitet bekommen. Auch stellte sich heraus, dass das Bundesaußenministerium vom Vorhaben des südkoreanischen Geheimdienstes gewusst hatte. Dessen Plan war es, im Sommer 1967 über 200 angebliche koreanische Spione aus Westdeutschland zu verschleppen – darunter auch den in Gießen Studierende Jeung Gil Choe. In beiden Fällen unterstützten Professoren und Rektorat die Proteste der Studentenschaft, doch verstärkten sich die Meinungsverschiedenheiten zur hochschulpolitischen Mitbestimmung im Winter 1967/68 zunehmend.

 

Dutschke-Attentat und Osterunruhen

Nur einen Tag nach dem von Gießener Studenten initiierten Trauermarsch für den eine Woche zuvor ermordeten amerikanischen Bürgerrechtler Martin Luther King, folgte am 11. April das nächste Attentat, welches die bundesdeutschen Studentenunruhen weiter verschärfen und zu deren Höhepunkt treiben sollte. Ein Hilfsarbeiter hatte in Berlin auf den geistigen Führer des SDS und der Außerparlamentarischen Opposition Rudi Dutschke geschossen, der mit schweren Kopfverletzungen nur knapp überlebte. Über die Ostertage sah sich die Bundesrepublik mit den bis dahin schwersten Unruhen ihrer Geschichte konfrontiert. In den Großstädten richteten sich die Proteste in erster Linie gegen die Häuser des Springer-Verlags, dessen Blätter regelmäßig über die Studentenbewegung polemisch berichteten. In Gießen blieb es im Gegenzug „weitgehend ruhig“, der örtliche SDS rief die ohnehin schon eher gemäßigte Studentenschaft sogar ausdrücklich zu Gewaltlosigkeit auf.

Höhepunkt der Radikalisierung im Mai '68

Gießener Studenten plakatieren den "neuen Namen" ihrer Universität
Umbenennung der besetzen JLU am 29. Mai 1968. (Foto: Karl-Heinz Brunk)

1968 kulminierte der Protest weltweit. In Paris gingen die Studentenproteste durch die Schließung der Sorbonne in Barrikadenkämpfe über und ein Generalstreik wurde über ganz Frankreich verhängt. In Deutschland rückten die schon länger diskutierten Notstandsgesetze in den Vordergrund. Damit wollte die Große Koalition die Handlungsfähigkeit des Staats in Krisenlagen garantieren. Kritische Bürger befürchteten jedoch eine Außerkraftsetzung der Grundrechte, Akademiker Eingriffe des Staats in den Lehrbetrieb. Auch hessische Studentenvertreter riefen zur Teilnahme am großen Sternmarsch auf Bonn auf, der kurz vor der zweiten Lesung der stark umstrittenen Gesetze im Bundestag stattfand. Als einer der Hauptredner trat der Gießener Verfassungsrechtler und Vorsitzende des Kuratorium Notstand der Demokratie Professor Helmut Ridder auf, der eine mögliche Verfassungsänderung nicht mit seinem geleisteten Amtseid vereinbart sah. Zusammen mit Gewerkschaften veranstalteten die Hochschulgruppen in diesen Tagen auch mehrere Demonstrationen in der mittelhessischen Universitätsstadt. Darunter war auch ein „langer Marsch“ zu Instituten, Schulen und Betrieben im Stadtgebiet, um auch Schüler und Arbeiter für den demokratischen Protest gegen die „NS-Gesetze“ zu gewinnen.

Ihren Höhepunkt erreichte die Bewegung in Gießen am 29. und 30. Mai mit der Besetzung und kurzfristigen Schließung des Uni-Hauptgebäudes. Am Tag vor der Verabschiedung der Notstandsgesetze wurde die Hochschule während eines Teach-in von 800 Studenten kurzerhand symbolisch für den gewünschten Umsturz der politischen Verhältnisse in „Georg Büchner Universität“ umbenannt und besetzt. Um eine „systematische Eskalation“ zu vermeiden, ließ Rektor Weyl gegen 22.45 Uhr die Universität schließen. Die Studenten, die am nächsten Tag zu einer Diskussion der Gesetzesverabschiedung kamen, fanden sich vor versperrten Türen wieder. Sie konnten die Bundestagsdebatte nur über kleinen Fernseher verfolgen, den der Hausmeister in ein Fenster klemmte. Als Weyl das Gebäude am Abend wieder öffnete, war das Verhältnis zur Studierendenschaft auf ihrem Tiefpunkt angelangt. Zugleich war durch den Beschluss der Notstandsgesetze ein großer Teil der Protestforderungen obsolet geworden und der Zerfall der Bewegung eingeleitet.

Im Gießener Stadtbild hinterließ das Jahr 1968 ganz andere Spuren, die zugleich eine Brücke zu den jüngsten Studentenprotesten bilden. Die autogerechte Stadtplanung mündete Ende September in die neue Fußgängerüberführung am Selterstor. Von der Bevölkerung so abwertend wie liebevoll „Elefantenklo“ genannt, mauserte sich der Bau jedoch schnell vom ästhetischen Schandfleck zum Wahrzeichen der Stadt, dessen einzigartige Architektur bald auch die Studierenden für ihre Zwecke zu nutzen wussten. Das Betonmonument mit den drei markanten Löchern diente auch bei den Demonstrationen gegen die Studiengebühren im Jahr 2006 als Treffpunkt oder Zwischenstopp für Sitzblockaden.

 

Von Freda Wagner

 

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03.09.2009 14:40
 

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