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Als die Berliner Mauer fiel
Jede freie Fläche wurde in der Zentralen Aufnahmestelle des Landes Hessen in Gießen benötigt. (Quelle: StdtA G)
Zentrale Aufnahmestelle in Gießen erleichterte fast 23.000 Flüchtlingen den Neubeginn
Zwei Flaschen Sekt hatte sich Sabine Müller aus Schwalmstadt-Hause aus dem Kühlschrank gegriffen und war spontan mit ihren Kindern an die Grenze gefahren. „Nur für den Beifahrer“, mahnte sie bei jedem Pappbecher, den sie durch die Wagenfenster reichte. „Auf euer Wohl!“, rief sie den Besuchern aus der DDR zu. „Auf unser gemeinsames Wohl, auf Deutschland!“, schallte es aus zahlreichen Autos zurück. Allein 1.255 Fahrzeuge hatten an diesem denkwürdigen 11. November 1989 bereits den Grenzübergang bei Herleshausen überquert; 247 DDR-ler waren sich zu diesem Zeitpunkt schon sicher, dass sie dauerhaft in der Bundesrepublik bleiben wollten. Für viele dieser Übersiedler war die Zentrale Aufnahmestelle in Gießen einer der ersten Anlaufpunkte, um sich einen neuen Start in die noch ungewisse Zukunft zu sichern.
Hunderttausende drängelten sich am Kurfürstendamm
Für Deutschland sollte der 9. November 1989 in vielerlei Hinsicht ein geschichtsträchtiges Datum bleiben. Mit dem Fall der Berliner Mauer nahm auch das sozialistische Regime in Ostdeutschland ein Ende. Nach fast dreißig Jahren Ausgrenzung, ständiger Überwachung und sozialer Not konnten die DDR-Bürger erstmals ohne lästige Behördengänge und stundenlange Wartezeiten für ein Besuchervisum die deutsch-deutsche Grenze überqueren. Für viele ein absoluter Freudentag, so sagte ein 50-jähriger Papierhändler aus Kassel mit Tränen in den Augen: „Ich habe in Berlin gesehen, wie die Mauer gebaut worden ist. Unsere Familie wurde dadurch auseinander gerissen, Tante und Onkel blieben drüben. Und jetzt das.“ Ähnliche Gefühle an vielen Grenzübergängen. Überall war das Bild geprägt von Verwandten, die sich gleichzeitig lachend und weinend in den Armen lagen. Besonders groß war die Freude natürlich in Berlin. Hunderttausende aus Ost und West drängelten sich auf dem Kurfürstendamm dicht an dicht. Fast zur selben Zeit kündigte die SED-Führung radikale Reformen und freie Wahlen an. Von vielen kaum noch für möglich gehalten, aber die DDR nahm Kurs auf eine demokratische Staatsform.
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Gießen war wichtigstes Durchgangslager in BRD
Die Zentrale Aufnahmestelle in Gießen bei ihrer Erweiterung 1954. (Quelle: StdtA G)
Für die meisten Bewohner der DDR-Gebiete war das allerdings eher
nebensächlich, galt es doch erst einmal die neu gewonnene Freiheit
auszukosten. Allerdings dachten die Wenigsten wirklich daran, in den
Westen überzusiedeln. So blieb es erst einmal bei zeitlich beschränkten
Kurzbesuchen. Auch in Gießen hinterließen die neusten politischen
Entwicklungen ihre Spuren. Zwar setzten sich viele Besucher am Ende des
Wochenendes wieder in ihre Trabbis und knatterten gen Heimat davon;
ebenso viele sprachen jedoch in der Zentralen Aufnahmestelle des Landes Hessen (ZAH)
vor. Sie wollten bleiben, trotz der Verheißungen, mit denen sie zurück
in den Osten gelockt werden sollten. Allerdings war man anfangs noch
besorgt, die akribisch betriebenen Vorbereitungen, um sich für den
angekündigten Flüchtlingsstrom zu wappnen, könnten völlig umsonst
gewesen sein. In Gießen blieb es weitestgehend ruhig und viele Helfer
vermuteten bereits, völlig überflüssige Arbeit geleistet zu haben. Doch
dann traf die Flüchtlingswelle die beschauliche Lahnmetropole mit
ganzer Wucht. Schon bald waren die von Stadt, Landkreis und Bundeswehr
bereit gestellten Notunterkünfte „voll bis unter das Dach“, wie der
Leiter der ZAH, Heinz Dörr, erklärte. Ausschlaggebend dafür war
wohl, dass die Kapazitäten der Aufnahmestellen in Bayern ausgeschöpft
waren, und so entwickelte sich Gießen schnell zum wichtigsten
Durchgangslager in Westdeutschland.
Ab diesem Zeitpunkt hatte das Team um Heinz Dörr fast keine ruhige Minute mehr. Der Verkehr rund um die Zufahrtswege zur Zentralen Aufnahmestelle
brach fast völlig zusammen. Nicht nur die Straßen wurden vollkommen von
Trabants und Wartburgs verstopft. Auch jede mögliche und unmögliche
Fläche wurde von den Ostvehikeln in Beschlag genommen, fanden sie doch
in jeder noch so kleinen Parklücke ein Plätzchen, an der bundesdeutsche
Limousinen-Lenker längst verzweifelt wären.
Flüchtlingshelfer standen mit Rat und Tat zur Seite
In der Aufnahmestelle, deren neun Gebäude eingepfercht zwischen
Margarethenhütte und Lahnstraße lagen, waren zu diesem Zeitpunkt fast
1.000 Menschen untergebracht. In der Steubenkaserne, deren Pforte die
Bundeswehr für die Flüchtlinge extra wieder öffnete, waren es zeitweise
850 und in der Seltersbergklinik 500 Menschen. Insgesamt wurden
innerhalb der ersten Tage nach dem Mauerfall über 2.500 Menschen durch
Gießen „geschleust“. Allerdings kamen neben dem Strom aus der früheren
DDR zusätzlich noch Flüchtline aus anderen osteuropäischen Ländern
hinzu, die in der amerikanischen Besatzungszone Zuflucht suchten. So
waren manche Verständigungsschwierigkeiten zweifellos vorprogrammiert.
„Ohne den Einsatz freiwilliger Helfer wäre dieser Ansturm nicht zu
bewältigen gewesen“, sagte Dörr. Unermüdlich studierten sie mit den
Übersiedlern Landkarten, standen mit Rat und Tat zur Seite und
organisierten eine Kinderbetreuung, damit die Eltern in aller Ruhe
Behördengänge erledigen konnten. Doch trotz aller Hilfsbereitschaft
rief die Grenzöffnung nicht überall ungeteilte Freude hervor. Gerade
die schwierige Situation auf dem Gießener Wohnungsmarkt sorgte in der
Bevölkerung für Missmut: Mussten doch jetzt zusätzlich noch
Unterbringungen für die Übersiedler bereitgestellt werden, wo der
Wohnraum sowieso schon stark begrenzt war. Auch das kreative
Parkverhalten einiger Ostbürger, sowie die Gelassenheit der Politessen
gegenüber diesen Frevlern war manchem Mitbürger ein Dorn im Auge. Heinz
Sonnenborn aus Gießen machte seinem Unmut Luft: „Nicht nur, dass die
stinkenden Knatterkisten unsere Luft verpesten, jetzt verschandeln sie
auch noch die wenigen Grünflächen!“ Doch glücklicherweise spiegelte
dies nicht die allgemeine Stimmung wieder und so konnten fast 23.000
Menschen über Gießen ein neues Leben im wiedervereinten Deutschland
beginnen.
Von Sirka Schmidt
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14.11.2009 16:28
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