Die Nacht, die alles änderte
|
Die Reichspogromnacht 1938 und ihre Folgen für die Gießener Juden
Wer auch immer am 11. November 1938 die Oberhessische Tageszeitung aufschlug, konnte auf Seite drei folgende Schlagzeile lesen: "Antijüdische Aktionen auch in Gießen. Die spontane Quittung für das Pariser Attentat". So lautete die stark verharmlosende Resonanz der Reichspogromnacht in der gleichgeschalteten Gießener Presse. In Wahrheit hatten am Tag zuvor brutale Terrorakte gegen die jüdische Bevölkerung stattgefunden. Die Konsequenzen waren für sie ebenso weitreichend wie schrecklich. Der Gießener Judenpogrom begann in der Nacht des 9. November mit der Zerstörung des Bankhauses Herz und Co. in der Neuenbäue. Der Oberhessischen Tageszeitung zufolge „rotteten” sich hier hunderte von „Volksgenossen” zusammen und demolierten die Geschäftsschilder und Fensterscheiben. Der größte Teil der Gewaltakte vollzog sich jedoch erst im Laufe des nächsten Tages. In der Nacht zuvor war der Befehl aus München an die örtlichen Partei- und SA-Führer gegangen, „Aktionen” gegen die Juden einzuleiten. |
Brandanschläge auf Synagogen
Gegen sechs Uhr morgens zündeten vermummte Personen – höchstwahrscheinlich SA-Mitglieder in Zivil – die Synagoge in der Südanlage an, dem früheren Hindenburgwall. Etwa drei Stunden später kam es auch bei der zweiten Synagoge in der Steinstraße zu Brandanschlägen. Dort verrichtete Margarete Deeg gerade ihren Hausmeisterdienst. Sie kümmerte sich im Keller um die Heizung, als ein Kind hereinkam und sie vor dem Feuer warnte. Sie eilte hinaus und sah bereits Rauch aufsteigen. Ihr Sohn Erich konnte derweil beobachten, wie sich eine Gruppe „getarnter Nazis“ im Inneren der Synagoge zu schaffen machte, während zwei weitere Personen von außen die bunten Fensterscheiben einschmissen. Dies schilderte er in einem späterem Zeitzeugeninterview.
Bei beiden Synagogen befolgte die Feuerwehr die Anweisung des NSDAP-Kreisleiters Backhaus, nicht zu löschen. Sie verhinderte nur das Übergreifen der Flammen auf die Nachbarhäuser. Sehr wahrscheinlich ist auch, dass sie mit Hilfe von Benzin die Brände sogar noch anfachte, da sich das Feuer in Windeseile ausbreitete. Dies legen zumindest Schilderungen mehrerer Schüler nahe, die mit ihren Lehrern von den umliegenden Schulen kamen, um sich den Brand anzusehen.
Im Laufe des Tages sollten beide Synagogen bis auf die Außenmauern niederbrennen. Die Überreste ließ die Stadt später abreißen und genehmigte zahlreichen Privatpersonen die kostenlose Abtragung des Bauschutts. Auf diese Weise bereicherten sich viele Bürger auch noch an der Zerstörung der jüdischen Kirchen.
Gießener Innenstadt bot Bild der VerwüstungEtwa zur selben Zeit, als es in der Steinstraße zu brennen begann, kam
es zu Übergriffen auf das Manufakturwaren- und Konfektionsgeschäft von
Karl Zwang in der Neustadt. Mehrere Personengruppen, darunter
auffallend viele junge Leute, überfielen nacheinander den Laden,
zerschlugen Firmenschilder und Schaufenster und warfen Kleidung auf die
Straße. Vor dem Geschäft hatte sich eine neugierige Menschenmenge
versammelt und sah tatenlos zu. Ähnliche Szenen spielten sich bei der
Metzgerei Ludwig Rosenbaum (Kirchenplatz 4) und im Wirtshaus von
Friedrich Kessler (Neuenweg 33) ab. Ein junges Mädchen, das das
Geschehen beobachtete, hörte Weinen und verzweifelte Hilferufe der
Kesslers. Aber auch hier half niemand.
Landrat ließ jüdische Männer verhaftenDie damaligen Ereignisse in Gießen reichten aber noch über den Vandalismus an Synagogen und jüdischen Geschäften hinaus. Den ganzen Tag über verhaftete die Gestapo jüdische Männer im Alter von sechzehn bis sechzig Jahren. Den Befehl dazu hatte der stellvertretende Landrat Theodor Weber bereits am Vormittag auf Anordnung des Reichsinnenministeriums gegeben. Die Verhafteten wurden im Luftschutzraum des Landratsamts eingesperrt, bis man sie am Abend ins Konzentrationslager Buchenwald deportierte. Dort hielt man sie unter jämmerlichen Bedingungen tage-, wochen-, manche sogar monatelang fest. Mit dieser drastischen Maßnahme wollte die Staatspolizei die jüdische Bevölkerung zur Aufgabe ihres Besitzes und Auswanderung zwingen. Einige Gießener Juden wurden erst freigelassen, nachdem sie Auswanderungspapiere vorlegten oder sich bereit erklärten, ihren Grundbesitz zu verkaufen. Ein Jahr vor Kriegsbeginn gab es im nationalsozialistischen Deutschland keinen Platz mehr für Juden, weder im wirtschaftlichen noch im gesellschaftlichen Leben. Diese Haltung zeigte auch die „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben”, die das Reichinnenministerium unmittelbar nach dem Pogrom erließ. Danach war es allen jüdischen Bürgern ab dem nächsten Jahr verboten ein Geschäft oder einen Handwerksbetrieb zu führen sowie in einer leitenden Position zu arbeiten.
Nicht jeder überlebte Haftzeit im KZ
Unter den Verhafteten war auch Moritz Herz, Inhaber
des anfangs erwähnten Bankhauses. Er kehrte erst Anfang Dezember wieder
nach Hause zurück, bettlägerig und schwer mitgenommen von seiner Haft.
Ein Bekannter der Familie, der Gießener Schriftsteller Georg Edward,
schrieb nach einem gemeinsamen Essen in sein Tagebuch: „Bankier Herz
erzählte von den Leuten, die er im Konzentrationslager zu ertragen
hatte, wie man ihm drohte, ihn zu erschießen, wenn er sich weigere, die
Kombination seines Tresors in der Bank zu verraten. Die Tage, während
derer er die Hinrichtung erwartete, seien das Schrecklichste gewesen,
das er je durchgemacht habe.” Sein Bankhaus musste er den städtischen
Finanzbehörden überlassen. Es diente danach als neues Gestapo-Gebäude.
|
Reichspogromnacht war Wendepunkt
Für die deutschen Juden bedeutete die Reichspogromnacht einen starken Einschnitt in ihr religiöses und berufliches Leben. Sie war ein Wendepunkt, ab dem sich ihre Lebensbedingungen durch immer schärfere Verordnungen und gewaltsame Übergriffe rapide verschlechterten. Die Konsequenz war eine Auswanderungswelle, die auch Gießen erfasste: Von 364 jüdischen Einwohnern gingen im nächsten Jahr 100 ins Ausland. Doch vielen gelang die rechtzeitige Ausreise vor Kriegsbeginn nicht mehr. Moritz Herz, Karl Zwang, Friedrich Kessler und Ludwig Rosenbaum wurden mit ihren Familien und allen übrigen jüdischen Einwohnern im September 1942 in Konzentrationslager deportiert. Nur wenige von ihnen überlebten den Holocaust.
Denkmäler gegen das Vergessen
Die Erinnerung an die Reichspogromnacht sowie an andere Verbrechen der nationalsozialistischen Diktatur ist im heutigen Stadtbild immer noch präsent. Vor der Kongresshalle in der Südanlage und an der Außenwand des griechischen Restaurants "Bachhos" in der Neuenbäue befinden sich Gedenktafeln für die vor mehr als siebzig Jahren niedergebrannte Synagoge und das zerstörte Bankhaus Herz. Ebensolche Mahnmale befinden sich an der Goetheschule und in der Schanzenstraße, wo das Haus des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes ansässig war, und erinnern an die Deportation der Gießener Juden im Jahre 1942 bzw. an die Zerschlagung der politischen Opposition.
Gegen das Vergessen richtet sich auch das Projekt Stolpersteine, an dem sich die Stadt Gießen beteiligt. Dabei werden für einzelne Opfer des Nationalsozialismus an ihrem letzten selbst gewählten Wohnort Pflastersteine mit einer Messingplatte in den Bürgersteig eingelassen. In der ganzen Stadt gibt es bereits achtundvierzig dieser kleinen Denkmäler. Wer aufmerksam durch die Stadt geht, findet somit viele Spuren der Vergangenheitsbewältigung.
Von Eva Otto